FAZ.NET-Spezial

Das Fernsehen ist als Dopingrichter ungeeignet

Von Jörg Hahn

Der öffentlich-rechtliche Boykott ist nicht durchdacht

Der öffentlich-rechtliche Boykott ist nicht durchdacht

20. Juli 2007 Wer Doping verschleiert, Proben manipuliert, Ergebnisse vertuscht, Kontrollen umgeht, wer also mit allen Tricks versucht, nach außen den Anschein der Unbescholtenheit aufrechtzuerhalten, verdient schärfste Strafen, wenn die Täuschung auffliegt. Aber wie muss man mit denjenigen umgehen, die sich einem strengen Doping-Kontrollsystem verpflichten und sich nicht scheuen, auch dann vors Publikum zu treten, wenn Verfehlungen zu konstatieren sind?

Jeder positive Dopingtest ist schmerzlich, aber ein Sieg für den sauberen Sport sowie ein Beleg für die Notwendigkeit und die Wirksamkeit der Kontrollen, so lautet die Haltung von Jacques Rogge, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Juan Antonio Samaranch scheint es der 2001 gewählte Belgier ernst zu meinen, wenn er von seiner Null-Toleranz-Politik spricht – ein Begriff, den sich auch der Deutsche Olympische Sportbund zu eigen gemacht hat.

Eine logische und fatale Folge

Mit dem Ausstieg aus der Fernsehberichterstattung von der Tour de France haben ARD und ZDF ein anderes, ein verstörendes Zeichen gesetzt – muss man den Schritt etwa nicht deuten als Aufforderung, um keinen Preis aufzufallen, also Doping stärker denn je in geheimen Netzwerken zu praktizieren? Eine Ermunterung an all jene, die schonungslos ehrlich aufklären und aufräumen wollen, ist der Beschluss der Fernseh-Granden jedenfalls nicht. Eher im Gegenteil: lieber null Tests als null Toleranz. Aber die Sender-Chefs hatten sich ja gegenüber ihren Aufsichtsgremien, die schon seit langem hohe Aufwendungen und ausufernde Sendezeiten für den Sport kritisieren, so positioniert: Wenn noch etwas passiert, sind wir raus!

Das Ganze ist eine logische wie fatale Folge der neuzeitlichen Verbindung von Fernsehen und Sport: Aus den Berichterstattern sind Finanziers geworden, das journalistische Interesse ist zu einem wirtschaftlichen mutiert, messbar in Reichweiten, Marktanteilen, Werbeumsätzen, Unterhaltungswert. Ware Sport. ARD und ZDF haben sich selbst unter Druck gesetzt. Wie könnten sie künftig in anderen Sportarten akzeptieren, was sie im Radsport mit Missachtung ächten? Die Tour de France ist vorerst als Ramschware bei der Privatsendergruppe Pro Sieben Sat.1 gelandet (Die Tour im Fernsehen: Sat.1 steigt ab sofort aufs Rad).

Doping spielt immer und überall eine Rolle

Weder konsequent noch durchdacht ist der öffentlich-rechtliche Boykott zu nennen. Die jüngste Geschichte von Weltsportereignissen ist voll von Betrug und Manipulation; Olympiasieger mussten in Athen und Salt Lake City zuhauf ihre Goldmedaillen abgeben, auch in Turin spielten sich wahre Kriminalfälle ab, mit Razzien, spektakulären Fluchten, inszenierten Unfällen. IOC, Polizei und Staatsanwaltschaften nahmen sich vereint des Dopingunwesens an.

Ob Schwimmen, Leichtathletik, Triathlon oder Reiten, ob Sommer- oder Wintersport – Doping spielt immer und überall eine Rolle. Ist es nicht pure Ironie, dass ausgerechnet die Leichtathletik, eine weitere Hochdopingsportart, am kommenden Wochenende mit verlängerten Sendezeiten der deutschen Meisterschaften in Erfurt davon profitiert, dass sich im ersten wie im zweiten Programm live keine Speichen mehr drehen werden?

Das Fernsehen ist als Dopingrichter ungeeignet. Positive Dopingtests zu sanktionieren muss Aufgabe der Sportgerichte bleiben und Dopingkriminalität wie Medikamentenhandel Sache ordentlicher Gerichte. Wenn man Sportarten und Veranstaltungen schon danach bewerten will, ob es Dopingfälle gibt oder nicht, dann kann man in der heutigen Zeit nur zu einem einzigen Schluss kommen: Eine angeblich dopingfreie Zone ist höchst verdächtig. Dann doch lieber einen Fall Sinkewitz (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Das Ende vom Anfang).

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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