Radprofi Patrik Sinkewitz

„Eigentlich müssten die mir doch dankbar sein“

Von Evi Simeoni und Michael Wittershagen

28. März 2008 Ans Telefon geht Patrik Sinkewitz nur noch, wenn er auf dem Display eine Nummer erkennen kann. Seit ein paar Monaten traut er keinem mehr. Ein Anrufer, der sich nicht gleich zu erkennen gibt, könnte ihm übelwollen. Und seine prominenten Freunde rufen ihn sowieso nicht mehr an. „Früher hätte ich gesagt: Klar, alle meine Freunde sind im Radsport. Ich hätte hundert aufzählen können“, sagt Sinkewitz, der wegen Dopings gesperrte Radprofi. „Eigentlich lebte ich in einer Scheinwelt. Das wirkliche Leben ist woanders.“

Er sagt es nachdenklich. Woanders ist an jenem kalten Märztag im Büro seines Heidelberger Anwalts Michael Lehner. Dorthin fährt der 27 Jahre alte Sinkewitz in letzter Zeit oft – 190 Kilometer von seinem Heimatort Künzell bei Fulda bis an den Neckar. Auf dem Sessel scheint er sich unbehaglich zu fühlen.

Mit 20 Profi - mit 27 alles verloren

Er ist sehr schlank – Sinkewitz hat die drahtige Figur des Radrennfahrers. Eines Kletterers. Aber nicht den dazu passenden Blick. Die Angriffslust ist weg. Stattdessen signalisieren seine grünen Augen und seine distanzierte Körperhaltung Misstrauen. Nur langsam wagt er sich nach vorn.

Mit acht Jahren hat Sinkewitz mit dem Radfahren angefangen. Mit zwanzig wurde er Profi. Mit 25 hatte er alles erreicht: Er hatte einen Vertrag mit dem führenden deutschen Rennstall T-Mobile in der Tasche, ein üppiges Gehalt, Erfolg, Freunde, wurde rundum gepäppelt und hofiert und reiste in der Welt herum. Mit 27 hat er all das wieder verloren.

Er war ein typischer Radprofi: Ein Doper

„Alles, was er sich bisher erarbeitet hat“, sagt sein Anwalt. „Sein Geld. Sein Renommee. Es bleibt ihm nur seine sportliche Leistungsfähigkeit.“ Dafür trainiert Sinkewitz täglich mehr als fünf Stunden. Auch als Mitte der Woche Hessen im Schnee versank, spulte er rund um Fulda seine Kilometer auf der Landstraße ab. Dabei weiß er im Moment nicht genau, wofür er das tut. Außer natürlich, um den Frust abzubauen. Seine Doping-Sperre endet am 17. Juli. Was danach kommt, weiß er nicht.

Sinkewitz möchte wieder Radprofi sein. Er war es, er fühlt sich noch immer so und hat auch nichts anderes gelernt. Er war ein typischer Radprofi. Ein Doper. Er fand es ganz normal, sich zu dopen. Mit Epo, mit Hormonen, mit Synacthen, mit Eigenblut. Er rutschte hinein in dieses Übel, so wie viele hineinrutschten. Ohne große Angst vor den Folgen, ohne Unrechtsbewusstsein und Schuldgefühle. Dieses Denken, erklärt er, habe er nun hinter sich gelassen. „Es ist, als wäre ich aus einem Schlaf erwacht.“

Er hat etwas Wichtiges gewonnen: „Glaubwürdigkeit“

Wenn das stimmt, dann hat das Leben selbst ihn in die Schule geschickt. Nach seinem positiven Doping-Test vom vergangenen Sommer – er hatte sich im Trainingslager vor der Tour de France ein Testosteron-Gel aufgetragen – ist er nicht den üblichen Weg gegangen, nämlich schweigen, ein Hintertürchen suchen oder die üblichen zwei Jahre Sperre absitzen.

Er hat sich dem Bund Deutscher Radfahrer und den Behörden als Kronzeuge zur Verfügung gestellt und damit eine Verkürzung seiner Sperre auf ein Jahr erreicht. Ob ihm diese Verkürzung etwas nützt, muss sich erst noch zeigen. Sinkewitz bleibt trotzdem bei seiner Haltung: „Ich würde es wieder so machen. Es ist zwar bitter, aber ich bin bereit, die Konsequenzen zu tragen.“ Er habe etwas sehr Wichtiges gewonnen: „Glaubwürdigkeit“.

„Ich wollte keine Leichen mehr im Keller haben“

Wegen des Doping-Falls Sinkewitz beendeten die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland im vergangenen Sommer ihre Tour-Übertragung. Mit seiner Aussage beim Bonner Staatsanwalt belastete er die Universitätsklinik Freiburg so schwer, dass die Folgen für das deutsche Leistungssportsystem noch nicht abzusehen sind.

Und sein ehemaliger Rennstall T-Mobile geriet in ein so schiefes Licht, dass die Deutsche Telekom sich aus dem Radsport zurückzog. „Der Patrik ist sich der Bedeutung seiner Aussagen noch gar nicht bewusst“, sagt der Anwalt. „Ich wollte keine Leichen mehr im Keller haben“, sagt Sinkewitz. „Mich holt die Vergangenheit nun nicht mehr ein.“

Zum Blutdoping von Straßburg nach Freiburg

Er könne, was dieses Thema angehe, besser schlafen als mancher Kollege, sagt Sinkewitz. Wohl auch als Andreas Klöden und Matthias Kessler. Die Namen dieser beiden hat er – anders als bei seinen Verhören als Beschuldigter – bei einer Zeugenaussage beim Bundeskriminalamt am 8. März genannt.

Allerdings, betont er, habe er die beiden nicht des Dopings bezichtigt. Als die Staatsanwaltschaft Bonn wegen Betrugs gegen ihn ermittelte, gab es ein Agreement, dass er die Hintermänner und das System benennen musste, die Namen seiner beteiligten Kollegen aber nicht. Er berichtete von seiner Fahrt nach dem Tour-Prolog 2006 von Straßburg nach Freiburg – zum Zweck des Blutdopings. Mögliche Mitfahrer nannte er nicht.

Sinkewitz könnte in der Szene verbrannt sein

Als Zeuge im Rahmen des Verfahrens gegen die Freiburger Sportärzte war Sinkewitz stärkerem Druck ausgesetzt. Offenbar musste er sogar fürchten, in Beugehaft genommen zu werden. „Jeder hat so seine Mittel“, deutet Lehner an. Deshalb hat Sinkewitz die beiden Namen herausgelassen. In der Hoffnung, dass die Behörden sie für sich behalten, wie es ihre Pflicht wäre. Doch da täuschte er sich. Wenig später standen sie in der Zeitung.

Damit könnte Sinkewitz verbrannt sein in der Szene. „Ethik, wohlgemerkt im Radsport, heißt, du darfst kein Kameradenschwein sein“, sagt Lehner. Die Entwicklung erstaunt selbst ihn manchmal: Alles, was Sinkewitz seit dem 8. Juni tat, entpuppte sich später als Tropfen, der immer wieder ein ganzes Fass zum Überlaufen brachte.

„Ich habe alles gesagt. Alles andere ist ein Gerücht.“

Am meisten wundert sich Sinkewitz über die Wirkung, die seine Aussage über das Blutdoping an der Freiburger Uniklinik hatte. „Es ist erstaunlich, wie überrascht alle reagieren. Als hätte keiner etwas gewusst. Anscheinend haben früher alle weggeschaut.“ Dass er mit seiner Aussage erstmals Beweise für einen von vielen lange gehegten Verdacht brachte, überzeugt ihn nicht.

Und wenn: Warum gibt es Leute, die ihn dafür angreifen? „Bei anderen werden Geständnisse gefeiert, obwohl sie gelogen sind“, sagt Sinkewitz. Er hat endlich erkannt, dass er Teil des Problems im Radsport war. Nun sieht er sich als Teil der Lösung. Aber kaum jemand schätzt ihn dafür. Sinkewitz vermisst den Respekt vor seiner Entscheidung, auszusagen. „Niemand hat so viel gesagt wie ich“, entgegnet er denen, die ihm vorwerfen, er hätte nicht alles verraten. „Ich habe alles gesagt. Alles andere ist ein Gerücht“, beteuert er.

Der einfache Denker

Es gab düstere Tage, an denen Sinkewitz es nicht einmal mehr schaffte, an den Briefkasten zu gehen. Kein Antrieb mehr. Er hat nicht nur seinen Beruf verloren, sondern auch die Struktur in seinem Leben – viele Jahre musste er nur machen, was andere ihm vorgegeben haben. Ein schweres Gewicht drückte den Leistungssportler so zusammen, dass ihn alle Kraft verließ.

Er ist ein einfacher Denker, Sohn eines Motorradhändlers, die Schule hat er mit der mittleren Reife abgeschlossen. Es war ein langer Prozess, bis er begriff, dass alle Probleme des Radsports plötzlich auf seinen Schultern lasteten. „Warum immer nur ich?“, fragt er.

„Eigentlich fange ich bei Null wieder an.“

Gerade von den Medien, die immer noch mehr Informationen von ihm verlangten, fühlt er sich nicht verstanden. Von manchen sogar hereingelegt. „Als Kronzeuge muss ich mich nicht gegenüber den Medien verantworten, sondern gegenüber den Behörden“, sagt er. Und überhaupt, das Fernsehen. Einerseits, sagt Sinkewitz, solle er schuld daran sein, dass das Fernsehen die Tour-Übertragung einstellte. „Andererseits wurde drei Wochen später alles darangesetzt, dass ich im Fernsehen ein Interview gebe.“

Sinkewitz greift sich an die rechte Wange. Er bemüht sich, seine Situation zu erfassen. Das BKA macht weiter – vergangene Woche musste seine ehemalige Freundin aussagen. Die Geldbußen und die Anwaltskosten haben seine Reserven aufgezehrt. Eine Verhandlung steht an, weil sein ehemaliger Sponsor Förstina ihn auf Schadensersatz verklagt hat. Steuern wird er auch noch nachzahlen müssen. „Von dem Geld, das ich mal verdient habe, ist nichts mehr da. Eigentlich fange ich bei Null wieder an.“ Er ist so weit, dass er Deutschland am liebsten verlassen würde.

Lehner möchte Empfehlung von Prudhomme

Lehner, der eine besondere Zuneigung zu Sinkewitz gefasst hat, bemüht sich zurzeit, von den wichtigsten Stellen Empfehlungsbriefe zu bekommen. Zum Beispiel von Michel Prudhomme vom Tour-Veranstalter ASO, der immerhin das Astana-Team wegen seiner Doping-Vergangenheit ausgeladen hat. Dazu vom Weltverband UCI und der Fahrervereinigung.

Damit könnte er gegenüber einem möglichen Arbeitgeber belegen, dass der ehemalige Doper Sinkewitz keine Belastung wäre. „Wenn es so ist, wie viele über den Radsport sagen, dürfte es kein Problem sein, wieder einen Rennstall zu finden“, erklärt Sinkewitz. „Und wenn einer sagt, es geht nicht, möchte ich eine Begründung hören.“

„...so dass in Zukunft niemand mehr etwas sagt.“

Er möchte daran glauben, dass die Beteiligten die Wahrheit auch wirklich hören wollten. Auch der Bund Deutscher Radfahrer. „Eigentlich müssten die mir doch dankbar sein.“ Doch die Erfahrungen signalisieren ihm das Gegenteil: „Stattdessen verhängen sie eine Geldbuße von 40 000 Euro, so dass in Zukunft niemand mehr etwas sagt.“

Lehner will für Sinkewitz kämpfen. Bei der Deutschland-Tour, sagt er, wolle er ihn wieder fahren sehen. Diese Etappenfahrt beginnt am 29. August. Er fange gerade damit an, Gespräche mit möglichen Teams zu führen, erklärt der Anwalt vorsichtig.

Alles wird gut

„Das System, wie es damals war, wird es nicht mehr geben“, sagt Sinkewitz, obwohl er in dem System, sollte es ihn wiederaufnehmen, auf Schritt und Tritt den alten Akteuren begegnen würde. Sinkewitz, der das eiserne Schweigegelübde brach, weiß nicht, ob er zur Familie zurückkehren kann. Er hofft es. Um den Hals trägt er ein Amulett, auf dem steht: Alles wird gut.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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