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Die westdeutsche Vergangenheit

Doper, vereint Euch

Doping - nur ein Ostproblem? Wer die deutsche Schluckhistorie verstehen will, muss dem Dopingalltag in der Bundesrepublik während des Kalten Krieges auf die Spur kommen. Anabolika-Einnahme war auch im organisierten Sport der freieren Deutschen weit verbreitet und Teil eines Systems.

Von Anno Hecker

Die westdeutsche Vergangenheit: Doper, vereint Euch

02. Februar 2009 

Die Stasi macht den Unterschied aus. Sie hat alles aufgeschrieben. Das ganze staatliche Doping der DDR, Zahlen, Daten, Namen. Auch deshalb stehen Trainer wie Werner Goldmann jetzt am Pranger. Nur die Wessis nicht. Dabei war die Anabolika-Einnahme auch im organisierten Sport der freieren Deutschen weit verbreitet und Teil eines Systems. Namhafte Athleten, bekannte Trainer, berühmte Ärzte, gefürchtete Kontrolleure und starke Funktionäre (sowie wohl auch einflussreiche Politiker) haben es heimlich genutzt, geduldet, kaschiert, gefördert. Über die Wahrheit aber reden nur wenige. Der Olympiasieger macht keine Umstände. Erster Kontakt, erstes Gespräch, direkte Ansage: „Nennen Sie meinen Namen?“ Nein. Denn es geht nicht um Personen, es geht um die Frage, ob es ein Doping-System gab in der Bundesrepublik. „Keine Ahnung“, sagt der Goldmedaillengewinner von 1984, „ich weiß nur eines, sie haben es alle gewusst.“ Sie? Das sind seine Kollegen gewesen, dazu der Heimtrainer, der Chef der Nationalmannschaft, der Verbandsboss.

Medaillen brauchte das Land - um jeden Preis

„Es war klar, dass es nicht ohne Pillen ging. Bei denen im Osten schien es etwas kontrollierter gewesen zu sein. Im Grunde waren wir auf gleichem Niveau. Was die Pillen betraf.“ Damals im Kalten Krieg der Achtziger, als hüben wie drüben das Hohelied auf den sauberen Sport gesungen wurde. „Ich werde nicht genannt?“ Nein. „Na, dann kann ich ja sagen, dass bei der sportärztlichen Untersuchung auch geschaut wurde, ob die Leberwerte in Ordnung waren. Manchmal“, sagt der muskelbepackte Sportpensionär, „wurde ich vom Doc aufgefordert, etwas Gas rauszunehmen.“

Einzug der bundesdeutschen Olympiamannschaft in Los Angeles 1984: „Sie haben es alle gewusst”, sagt ein Olympiasieger. „Es war klar, dass es nicht ohne Pillen ging”
Einzug der bundesdeutschen Olympiamannschaft in Los Angeles 1984: „Sie haben es alle gewusst”, sagt ein Olympiasieger. „Es war klar, dass es nicht ohne Pillen ging”

Ärzte haben mitgemischt. Nach den offenen Plädoyers manch renommierter Sportmediziner für den kontrollierten Einsatz von Anabolika, ihren Beteuerungen, die Kraftpillen schadeten nicht, verebbte die Debatte nach 1977 schlagartig. Athleten, die gestanden hatten, um Doping mit vereinten Kräften loswerden zu können, zogen sich, verleumdet, beleidigt und ausgeklammert von der Sportfamilie, zurück. Es blieben Grundsatzerklärungen gegen Doping, die das Papier nicht wert waren, weil der Ost-West-Konflikt die Leistungsfetischisten stützte: Medaillen brauchte das Land. Offenbar um jeden Preis.

Forschung am Athleten zum Wohle der Leistungsbilanz

Auch im Namen der Bundesrepublik ist zum Wohle der Leistungsbilanz am Athleten geforscht worden. Olympiaarzt Professor Joseph Keul leitete in Freiburg eine 1986 begonnene multizentrale Studie über die Wirkung von Testosteron auf die Regeneration und Ausdauerleistungsfähigkeit bei Spitzensportlern. Sein bis zum Tode im Jahr 2000 von ihm vehement verteidigtes Ergebnis: „Testosteron bringt nichts.“

So antwortete auch die Bundesregierung 1991 mit Keul-Diktion auf die kleine Anfrage empörter Parlamentarier. 298.500 Mark hatte der Steuerzahler investiert, um dem Freiburger und seinen namhaften Professoren-Kollegen Heinz Liesen (Paderborn) und Wilfried Kindermann (Saarbrücken) den Einsatz verbotener Substanzen im Sport im Sinne der Wissenschaft zu ermöglichen. Schon damals zweifelten Athleten. Die eingeladenen Langläufer des damaligen C-Kaders, Stefan Alraun und Peter Schlickenrieder, verzichteten lieber auf das Honorar in Höhe von 1000 Mark: „Wir haben nicht teilgenommen, weil wir nicht ausschließen konnten, dass verbotene Substanzen eingesetzt wurden, deren ,Nichtwirksamkeit' man zwar in der Studie beweisen wollte. Aber aus meiner Sicht stellte das ein inakzeptables Unterfangen dar“, schreibt Schlickenrieder, heute Vizepräsident im Deutschen Ski-Verband.

Keul konnte kaum die Resultate des eigenen Doktoranden überlesen haben

Einblicke in die für die Studie angefertigten Doktorarbeiten führen schon dem Laien vor Augen, warum Keuls Mitarbeiter zu keinem befriedigenden Ergebnis kamen: „Eine abschließende Beurteilung bezüglich eines eventuell positiven Testosteroneffektes ist jedoch aus methodischen Gründen nicht möglich“, heißt es in der Dissertation von Jörg-Peter Steinkemper. Zu geringe Dosierung, zu geringe Trainingsbelastung, in Saarbrücken und auch in Freiburg blieb die Antwort anscheinend offen. „Wir hatten andere Ergebnisse“, sagte dagegen Heinz Liesen in der vergangenen Woche auf Anfrage: „Aber davon wollten die Herren nichts wissen.“

Zumindest nicht offiziell. Denn Keul konnte als Gutachter doch kaum die Resultate seines eigenen Doktoranden Volker Fuchs, eines Naturwissenschaftlers, überlesen haben: „. . . so könnte dies (die Testosterongabe) für den Athleten (. . .) einen entscheidenden Vorteil bringen“, schreibt Dr. rer. nat. Fuchs in seiner Zusammenfassung von 1988, „da (. . .) die benötigte Energie schneller zur Verfügung steht.“

„Keul stand der Dopingforschung immer sehr nahe - aktiv und passiv“

Die Bewertung der Arbeit durch drei unabhängige Wissenschaftler führt zu einem eindeutigen Resultat: „Anabol androgene Steroide erhöhen die Ausdauerleistung von Athleten durch eine gesteigerte Bildung von roten Blutkörperchen“, sagt der Testosteronexperte Dr. Luitpold Kistler, „das steht sowohl in der Doktorarbeit als auch in der Literatur. Daran gibt es keinen Zweifel. Man kann auch sagen, dass Testosteron die Regeneration eines Sportlers durch eine bessere Reparatur stark beanspruchter Muskulatur steigert.“ Keul, das ist mit der Fuchs-Arbeit erstmals belegt, muss das bekannt gewesen sein, als er im Magazin „Sports“ auf bohrende Nachfrage 1991 behauptete: „Testosteron ist für Ausdauerathleten kontraproduktiv.“

Ob Keul in Freiburg, dem medizinischen Zentrum der deutschen Spitzensportbetreuung, sein Hintergrundwissen für unerlaubte Leistungssteigerungen bei seinen Athleten nutzte und ob mit den Resultaten eine Streichung des Testosterons von der Doping-Liste bewirkt werden sollte, dies lässt sich nicht beweisen. Konkret Stellung nahm nur der emeritierte Sportmediziner Professor Paul Nowacki: „Keul hat dieser Doping-Forschung immer sehr nahe gestanden, sowohl aktiv als auch passiv. Aktiv mehr als Olympiaarzt, passiv mehr als Forscher“, sagte Nowacki im Mai 2007 im „Deutschlandfunk“ in Bezug auf die Regenerationsstudie.

Huber und Weibel mussten Doping-Praktiken zugeben

Immerhin hatte wenigstens ein Mitarbeiter Keuls ein Faible für Testosteron. Olympiaarzt Georg Huber verabreichte die Substanz an U-23-Fahrer des Bundes Deutscher Radfahrer, mithin Ausdauersportlern par excellence. Der unter Sportlern beliebte „Schorsch“ schweigt zu den Fragen der Doping-Praxis im Westen, ebenso der frühere Rad-Bundestrainer Peter Weibel. Beide haben die Verabreichung von Doping-Mitteln allerdings zugeben müssen.

Im Gegensatz zu ihnen kann der verstorbene Keul zur Aufklärung des Dopings in Westdeutschland nicht mehr beitragen. Er kann sich nicht mehr wehren gegen die Aussage eines ehemaligen Anabolika-Schluckers, Leichtathletik-Bundestrainers, Coach eines Weltmeisters und Olympiasiegers, vom vergangenen Herbst: „Als auf Anabolika kontrolliert wurde und das Zeug früher abgesetzt werden musste, suchten wir nach einer Überbrückung bis zum Wettkampf. Der Effekt wäre sonst weg gewesen. Da hat Keul geraten: Nehmt Testosteron, dann kann nichts passieren.“

„Daume sagte mir nur: Das Gespräch ist beendet“

Die möglichen Verstrickungen des Saubermannes sind wie die umfangreiche Beteiligung seines Freiburger Kollegen Dr. Armin Klümper und anderer Ärzte an der Verteilung von Doping-Mitteln im Sport bis in die Führungsebene hinein diskutiert worden. Konsequenzen aber gab es nicht. Das bestätigt Manfred von Richthofen, der Ehrenpräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). „Wir hielten Keul für hochbelastet in Fragen des Dopings“, sagt Richthofen zu den Ergebnissen seiner Ad-hoc-Kommission, die der damalige Deutsche Sportbund 1991 berufen hatte.

Das Gremium befragte belastete Trainer und Funktionäre. „Es gab den Auftrag der Kommission an mich, die damalige Sportführung zu überzeugen, dass Keul nicht mehr als Olympiaarzt nominiert werden könne.“ Von Richthofen traf sich deshalb mit der Zentralgestalt unter den bundesdeutschen Sportführern: mit Willi Daume, damals Präsident des Nationalen Olympischen Komitees: „Ich trug ihm den Wunsch der Kommission vor. Er sagte mir nur: ,Das Gespräch ist beendet.' Dann haben wir uns noch eine Weile angeschwiegen.“ Keul blieb Olympiaarzt.

Goldener Glanz wird verblassen

So wie Dr. Walter Hubmann, der bis zu seinem Rückzug nach den Winterspielen in Turin 2006 als Mediziner des Bob- und Schlittensport-Verbandes Athleten betreute. Anti-Doping-Kämpfern wie der Autorin Brigitte Berendonk ist Hubmann als Leichtathletik-Doktor an der Seite von Klümper bekannt. Er stellte im Juli 1984 Rezepte über das anabole Steroid Stromba für den später geständigen Diskuswerfer Alwin Wagner aus („Doping-Dokumente“, 1991).

Auf die Geschichte des West-Dopings hat nicht nur das Ehepaar Berendonk/Werner Franke seit 40 Jahren hieb- und stichfest hingewiesen. Auch die Veröffentlichung „Doping im Spitzensport“ (Singler/Treutlein, 2000) beschreibt trotz der dünnen Quellenlage die Entwicklung einer wohl flächendeckenden Subkultur seit den sechziger Jahren in der Bonner Republik. Nun soll ein (noch nicht vergebenes) Forschungsprojekt im Auftrag des DOSB das Doping des Westens offenlegen. Was der Sport dabei ganz offiziell über sich selbst herausfinden könnte, wird ihm nicht gefallen. Goldener Glanz wird verblassen, ewig frisch gehaltener Lorbeer der mit Tabletten unterfütterten Spiele von 1972 bis zumindest 2000 könnte endgültig welken.

„Die hatten doch Angst, dass ich auspacke“

Man müsste fragen, warum nie ernsthaft nachgefasst wurde. Warum der Sport doch keine Klärung anstrengte, als bekanntgeworden war, dass ein Olympiasieger wie der Gewichtheber Karl-Heinz Radschinsky kurz vor und nach seinem Triumph in Los Angeles 1984 im größeren Stil bis zur Verhaftung mit Anabolika handelte. Laut eigener Aussage bediente er auch Nationalmannschafts- sowie Bundesligakollegen. „Die hatten doch alle Angst, dass ich auspacke“, sagte Radschinsky im Sommer 1987.

Vielleicht wäre dann öffentlich geklärt worden, warum trotz des großen Doping-Mittel-Konsums manch vollgepumpter Athlet nicht positiv getestet wurde. Ein bundesdeutscher Olympiasieger verblüfft mit einem Hinweis: „Wie hieß noch der Oberkontrolleur? Ja, der Donike. Der hat mir mal gesagt, ich müsse sechs Tage bis zum Abbau der Mittel einrechnen, nicht fünf. Sonst wäre ich noch positiv.“

Donike war ein Freund der Sportler

Manfred Donike, bis zu seinem Tod 1995 Leiter des Anti-Doping-Labors in Köln, war ein weltweit geschätzter Experte, als ehemaliger Radfahrer ein intimer Kenner der Doping-Szene. Und ein Freund der Sportler. Auch der Rheinländer kann nicht mehr befragt werden, ob er als beteiligter Analytiker im Zuge der Keul'schen Regenerationsstudie mal den positiven Test eines Weltrekordhalters hat verschwinden lassen. Der betroffene Athlet drohte auf direkte Nachfrage postwendend mit dem Staatsanwalt. Was der imposante Mann nicht wusste: Quelle der Episode war sein Trainer. Ein Sportfreak, der alle Erwischten einschließlich sich selbst für „Bauernopfer“ der westdeutschen Sportpolitik hält.

Hansjörg Kofink - bis er einsah, dass Anabolika den Sport beherrschten, Bundestrainer im Kugelstoßen der Frauen - ist sicher, dass die entscheidenden Damen und Herren bestens im Bilde waren: „Die Funktionärskaste wusste spätestens seit 1972 genau Bescheid. Es gibt noch genügend Zeitzeugen, die das bestätigen müssten.“ Tun sie aber nicht.

„Die Politik gab die Richtung vor, sich in jeder Beziehung an der DDR orientierend“

Und so kommt Gerd Steines, Autor und einst Kugelstoßer mit Anabolika-Vergangenheit, angesichts der jüngsten Debatte um den früheren DDR-Trainer Werner Goldmann zu folgendem Schluss: „Wir kehren lieber unter den Teppich, dass in den siebziger Jahren der ,Bundesausschuss zur Förderung des Leistungssports' (BAL), eine Behörde des Bundesinnenministeriums, in die Sportverbände durchregierte und intern erhöhte deutsche Olympianormen durchsetzte, die nach dem Wissensstand aller Beteiligten nur mit Hilfe von Anabolika erreichbar waren. Die Politik gab die Richtung vor, ihre grauen Eminenzen vom BAL setzten sie durch, sich dabei in jeder Beziehung an der DDR orientierend.“

Die Folgen dieser Politik lähmen die über Jahrzehnte propagierte Selbstreinigungskraft des Sports: Ein Radfahrer, der nach Doping-Einnahme unter Aufsicht eines Sportmediziners schwer erkrankte, trainiert heute als Verbandsangestellter Jugendliche. Mindestens einem bedeutenden Sportarzt ist der Fall, dieser Zeitung liegt ein entsprechender Brief vor, bekannt. Seit zehn Jahren. Nichts ist passiert. Und deshalb ist das Zitat des früheren Sprinters Manfred Ommer von 1977 noch heute, wahrscheinlich bundesweit und einige Sportarten übergreifend aktuell: „Wie kann einer, der gedopt hat, Bundestrainer sein?“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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