Von Christoph Becker, Köln
09. Juli 2008 Es könnte eine gute Nachricht sein: Deutsche Polizisten sind in Bestform. Die Männer des nordrhein-westfälischen Spezialeinsatzkommandos können mehr Sauerstoff aufnehmen und auf der Hantelbank schwerere Gewichte stemmen als der durchschnittliche internationale Leistungssportler. Doch das Ergebnis des Basis-Checks, mit dem das Deutsche Forschungszentrum für Leistungssport an der Sporthochschule in Köln seit seiner Gründung 2006 die Fitness deutscher Sportler und einiger Polizisten misst, ist eine schlechte Nachricht: Die Beamten schlagen nicht nur die Sportler aus dem Ausland, sie stemmen sogar weitaus schwerere Gewichte und nehmen bedeutend mehr Sauerstoff auf als der durchschnittliche deutsche Leistungssportler.
Es zeigt, dass deutsche Leistungssportler im Vergleich zu internationalen Sportlern in einem erschreckend schlechten Trainingszustand sind, sagt Professor Joachim Mester, der Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums. Und es macht keinen Unterschied, ob Athleten in einem A-Kader oder einem C-Kader trainieren: Die Ergebnisse waren sehr ähnlich.
Strukturiert durchgeführtes Training lasse sich nicht erkennen
242 Athleten aller Kaderstufen und verschiedener Sportarten, 82 Fußballprofis und -junioren und 88 Polizisten haben den Check durchlaufen, bei dem Ausdauer und Kraft gemessen, biomechanische Funktionen geprüft, die Ernährung analysiert und orthopädische und sportmedizinische Untersuchungen gemacht werden. Das Ergebnis: Bei 40 Prozent der Untersuchten wurden medizinische Auffälligkeiten festgestellt, das konditionelle Grundniveau von Nachwuchsathleten lasse ein konsequent und strukturiert durchgeführtes Training nicht erkennen, heißt es in der Analyse der Forschungszentrums.
Mesters Lösung: Die Ergebnisse der Forschung müssen viel schneller ins Training der Sportler gelangen. Die Halbwertzeit der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse liegt bei viereinhalb Jahren. Oft kämen sie in Deutschland erst nach acht, neun oder zehn Jahren in der Praxis an, demnach dann zu 100 Prozent veraltet.
Das Ziel: die erforschten Erkenntnisse publik machen - bei Sportlern und Trainern
Vor gut zwei Jahren haben Mesters Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik und die Institute für Biochemie, Biomechanik und Orthopädie und für Kreislaufforschung und Sportmedizin das Deutsche Forschungszentrum für Leistungssport gegründet, seit einem Jahr ist auch das Psychologische Institut dabei.
Das Projekt wurde Momentum genannt, nach dem physikalischen Produkt von Masse und Geschwindigkeit. Ziel ist die Beschleunigung der erforschten Erkenntnisse ins Bewusstsein von Trainern und Sportlern. Gefördert wird es von der Sporthilfe Nordrhein-Westfalen, der Düsseldorfer Landesregierung und Sponsoren aus der Wirtschaft. Auch der Sportausschuss des Bundestages hat sich schon umgesehen.
Kooperationen mit Bayer Leverkusen und dem Tischtennisbund
Der Drang im sportwissenschaftlichen Wettbewerb kommt immer besser an. Der Fußball-Bundesligaklub Bayer Leverkusen hat seine Profis und die U-19-Nachwuchsmannschaft in Köln untersuchen lassen und kooperiert mit dem Forschungszentrum bei der Spielanalyse. Acht Kameras zeichnen jede Bewegung der Spieler in der BayArena auf. Auch der Deutsche Tischtennisbund (DTTB) setzt auf die Kölner Erkenntnisse: Wir können dort die Athletik und die Technik unserer Spieler wissenschaftlich analysieren und optimieren und das Wissen unserer Trainer auffrischen, sagt DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig.
Reagierten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Olympiastützpunkte wegen der Kooperation der Hochschule mit den Verbänden anfangs skeptisch, wie Mester sagt, so soll in Zukunft verstärkt zusammengearbeitet werden: Im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2012 will der DTTB die Forschungsergebnisse aus Köln in die Trainingsarbeit an den Olympiastützpunkten einfließen lassen. Entscheidend ist, welche Mittel für welche Projekte bereitgestellt werden, sagt Schimmelpfennig.
Unser Vorschlag der Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft in Köln und den Trainern an den Stützpunkten wurde positiv aufgenommen. Die Chef- und Landestrainer der Rückschlagsportarten werden mit neuen Forschungserkenntnissen vertraut gemacht. Das ist ganz im Sinne von Mester, der Multiplikatoren sucht: Trainer, die unsere Erkenntnisse weitertragen.
Wir können Trends definieren
Zum Teil erübrigt sich diese Suche: An der Arbeit von Professor Wilhelm Bloch, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin, hat ein Fußballverein aus Europas Elite Interesse bekundet, obwohl er sich mit seinen Forschungen erst am Anfang sieht. Bloch will Moleküle laufen lernen lassen. Jeder Trainingsreiz, jede Muskelkontraktion habe eine Kaskade von Veränderungen in den Zellen zur Folge, zu deren Analyse vor 20 oder 30 Jahren die Werkzeuge noch nicht vorhanden gewesen seien.
Jetzt können wir Trends definieren, sagt Bloch. Vor etwa drei Jahren zum Beispiel kam es bei den Stabhochspringern zu einer Reihe von Achillessehnenreizungen. Keiner wusste, warum. Bislang lassen sich die Parameter für eine solche Verletzungshäufigkeit nicht fassen - wir kennen das Molekül, aber wir verstehen noch nicht, wie es warum reagiert. Das ist spannend, diese Arbeit befriedigt mich ungeheuer.
Die Forschung für den Leistungssport soll auch dem Breitensport zugutekommen
Bloch weiß, dass sich mit wachsendem Wissen auch ungeahnte Möglichkeiten zum Missbrauch bieten: Da darf man nicht blauäugig herangehen: Es ist Wahnsinn, was Leute mit guter Ausbildung damit möglicherweise machen können. Doch dann sei das Leben der Sportler in Gefahr, deshalb ist das Thema für Bloch eine ethische Frage: Ein manipulativer Eingriff ist für mich tabu.
Er hoffe vielmehr, dass die Forschung für den Leistungssport auch dem Breitensport zugutekommt. Ein Beispiel sei das in der deutschen Trainingspraxis immer noch als körperliches Abfallprodukt verstandene Laktat. Bislang wird es gemessen, um eine zu hohe Trainingsbelastung festzustellen. Für eine Überlastung aber gebe es wichtigere Parameter, sagt Bloch. Laktat besitzt jedoch eine erhebliche Stoffwechselpotenz, so dass Training auf einem bestimmten Laktatlevel durchaus die Wundheilung fördern könnte - auch im Gesundheitssport.
Arbeit in dem Bewusstsein, etwas anbieten zu müssen
Jens Kleinert, Leiter des Psychologischen Instituts, arbeitet ebenfalls in dem Bewusstsein, dass wir etwas anbieten müssen, das Feilen an der Diagnostik schüre Erwartungen. Im Gegensatz zum körperlichen Zustand sei das mentale Kapital deutscher Kaderathleten meist gut, sagt Kleinert. Ein Fokus der Arbeit seines Instituts liegt daher auf dem Nachwuchs: hier funktioniert die Kooperation mit den Olympiastützpunkten bereits, das Projekt Mentaltalent 2008 fördert nordrhein-westfälische Nachwuchssportler.
In Workshops lernen sie psychologische Techniken kennen, die sie individuell einsetzen können. Fußballspielerinnen hilft das Institut ganz praktisch: Die Trainerinnen der Landesauswahl haben uns gesagt, dass Liebeskummer bei ihren 15, 16 Jahre alten Spielerinnen ein großes Problem ist, sagt Kleinert. Jetzt haben wir eine Handy-Hotline für Krisenfälle eingerichtet. Da sind wir 24 Stunden am Tag erreichbar.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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