Kommentar

Von Achilles bis Zabel

Von Georg Paul Hefty

Die Versuchung fährt immer mit

Die Versuchung fährt immer mit

26. Mai 2007 Wer Aldag, Bölts, Dietz oder Zabel vorwirft, gelogen und betrogen zu haben, lügt sich in die eigene Tasche, betrügt sich selbst: Doping ist in der Leistungsgesellschaft immer wieder und überall, nur heißt es nicht überall und immer so. Das Geschehen ist stets das gleiche: Jemand verschafft sich mit eigentlich unerlaubten Mitteln eine Kraft – auch Wettbewerbsvorteil genannt –, die er eigentlich nicht hat. Biochemisches Doping ist nur eines dieser Mittel, finanzielles Doping – auch Bestechung genannt – ein anderes. Es ist der Fehler der sprunghaften Berichterstattung und politischer Stellungnahmen, dass seit Tagen alle von Telekom und T-Mobile sprechen, obwohl Siemens und Volkswagen – um nur die aufsehenerregendsten Fälle zu erwähnen – im selben Atemzug genannt werden müssten.

Siemens und Volkswagen könnten gar nicht in Doping verwickelt sein, weil sie sich keinen Radrennstall halten? Das ist eine einäugige Sicht. Mit beiden Augen ist leicht zu erkennen, dass sich diese Unternehmen selbst gedopt haben: Ihr Personal hat sich mit unlauteren Mitteln einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Dies war allerdings nicht egoistisch, sondern hunderttausendfach fürsorglich. Und da wird die Regelwidrigkeit zu einer Regelmäßigkeit der übertriebenen, überhitzten, unnachsichtigen Leistungsgesellschaft.

Sonst würden aus Menschen Götter

Ursprünglich verfielen jene auf unfaire Sportmethoden, die gegenüber den Dauersiegern körperlich benachteiligt waren. Gefangenen Gladiatoren war derlei in den tödlichen „Circusspielen“ Roms nicht zu verdenken. Aber schon früher, als sich griechische Ringer dick einölten, damit sie dem Gegner im wahrsten Sinne des Wortes entgleiten konnten, war das (äußere) Doping zum Mittel der Sieger geworden. Für das heute übliche (innere) Doping, also die Mitteleinnahme zum künstlichen Aufbau von Muskeln und zur Verzögerung der Ermüdung, reichten die physiologischen und chemischen Kenntnisse nicht aus.

Die Öffentlichkeit sah jedoch solche unnatürlichen Hilfsmittel ihren Helden schon immer nach. Das belegen die Sagen des von seiner Mutter mit dem Wasser des Styx unverletzlich gemachten Achilles oder des sich selbst im Drachenblut unverwundbar machenden Siegfried. Weil aber solche Wettbewerbsvorteile einzelner Dauersieger den Gerechtigkeitssinn der Leute seit jeher störten, musste ein Punkt an der Ferse oder zwischen den Schulterblättern verwundbar bleiben. Derselbe Gerechtigkeitssinn fordert heute die Geständnisse der Dopingsünder ein; denn endgültig davonkommen darf keiner der Helden, sonst würden aus Menschen im Handumdrehen Götter. Das Halleluja und das „Hinweg mit ihm!“ sind auch im Sport nah beieinander: Bei Siegern der Tour de France liegen manchmal nicht einmal Jahre dazwischen.

Die Versuchung lebt

Doch erfüllt das Doping stets auch einen sozialen Zweck: Achilles vermochte seine Kameraden zu verteidigen; die Doper von heute ernähren mit ihren erschlichenen, übernatürlichen Erfolgen ihre Familien, ihre Betreuer, ihre Manager, die Fahrradhersteller, und sie geben auch noch den Berichterstattern, den Werbeträgern und den Millionen Zuschauern Beschäftigung.

Daher ist die Hoffnung auf ungedopte Rennfahrer ein Selbstbetrug nicht allein der Verbandssprecher und Politiker. Solange in Wettkämpfen vom Radfahren bis zum Hammerwerfen die Möglichkeit besteht, dass einer der Teilnehmer falsch spielt, dabei unentdeckt bleibt und den Sieg davonträgt, lebt die Versuchung zum Doping weiter. Die eventuelle Schande der Bloßstellung wird angesichts der erreichbaren Millionengewinne gerne in Kauf genommen. Der Fall Jef D’hont offenbart den ganzen Lug und Trug des Gewerbes: Erst verdiente er im Umfeld der gedopten Sportler, jetzt verdient er mit seinem Buch an deren Entlarvung.

Doping und Dumping

Das lenkt den Blick weg von den Sportlern auf die Sponsoren und die geldgebenden Unternehmen. Was, wenn die Dopingaffäre nur den Vorwand für unternehmerische Richtungswechsel liefern sollte? Wann, wenn nicht unter diesen Umständen könnte die neue Führung der Telekom die vielleicht gar nicht so wirksamen und bei den Aktionären ungeliebten Sponsorenausgaben mit einer ethisch ansehnlichen Begründung streichen, ohne als geizig und schofel zu gelten?

Es wären dieselben finanziellen Interessen, die auch zu den Auswüchsen bei Siemens und Volkswagen geführt haben. Siemens-Mitarbeiter scheinen im Ausland Kunden bestochen zu haben, weil die zulässigen Rabatte nicht mehr ausreichten, den Umsatz zu steigern. Doping und Dumping klingen nicht nur ähnlich, sondern sind es auch. Vielleicht fürchteten die Mitarbeiter um ihre Berufsaussichten und den Unterhalt ihrer Familien, so wie Bölts zu Doping griff, als sein Vertrag nicht verlängert wurde.

Mit welchen Mitteln auch immer

Endgültig ins Doping glitten die Vorstände von Siemens und Volkswagen ab, als sie durch den Kauf vermeintlicher Arbeitnehmervertreter den Gewinn zu steigern, zumindest zu stabilisieren suchten. Offenbar schien es in Wolfsburg kostengünstiger zu sein, den Betriebsrat einer traditionellen Gewerkschaft mit Lustreisen zu befriedigen, als unterschwelligen Gehaltsforderungen der Gewerkschaftsmitglieder nachzugeben. Und weil es in München schon immer vornehmer zuging, scheint man auf Gutachtenhonorare verfallen zu sein, um eine gezähmte Neogewerkschaft aufzubauen, welche die Mitarbeiter im Zaum halten sollte.

Die so erreichten unlauteren Wettbewerbsvorteile waren wiederum sozial ausgerichtet: Sie sollten nicht nur das Management in Brot halten, sondern auch den Aktionären einschließlich der Kleinaktionäre zugutekommen. Und die starren nur auf den Gewinn, auf wessen Kosten und mit welchen Mitteln auch immer, so wie die gerne gutgläubigen Zuschauer bei der Pyrenäen-Rundfahrt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Bleiben Sie pausenlos informiert. Mit den RSS-Services von FAZ.NET behalten Sie alle Nachrichten stets im Blick. Alle Informationen unter www.faz.net/rss-service

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche