Von Rainer Seele, Prato Nevoso/ Italien
20. Juli 2008 Jean-Pierre de Mondenard kennt sich sehr gut aus im Radsport, in den siebziger Jahren war er selbst Rennarzt bei der Tour de France. Er ist mit den illegalen Praktiken im Peloton vertraut, und er sagt, dass es vier verschiedene Geschwindigkeiten im Radsport gebe.
Die ersten drei haben seiner Auffassung nach mit Doping zu tun, mit unterschiedlichen Arten der Leistungsmanipulation. Tempo Nummer vier bezieht er auf jene Radprofis, die nichts machen“. Für Mondenard, inzwischen einer der kundigsten und schärfsten Doping-Kritiker Frankreichs, stellt dieser Kreis eine Minderheit dar.
Die Behauptung des Mediziners, dass sich nichts verändere im Radsport, dass wie früher Geld, Sex und Doping“ die beherrschenden Themen seien, wird bei der Tour de France nahezu täglich untermauert. Zumindest, was die pekuniäre Seite und das Doping anbelangt. Gerade hat der Franzose Stephane Heulot, der einst Teamkollege von Mauro Gianetti bei der Equipe Française des Jeux war, schwere Vorwürfe gegen den heutigen Teamchef von Saunier Duval erhoben.
Doping, sagte Heulot, sei bei einigen Managern des Radsports so verankert, dass sie diesen Sport nicht mehr anders begreifen könnten. Heulot nannte ausdrücklich den Namen von Gianetti. Mit ihm ist man in einer Sackgasse.“ Gianettis Team hatte die Tour verlassen, nachdem der Italiener Riccardo Ricco des Epo-Dopings überführt worden war.
Piepoli soll Doping gestanden haben
Riccos Landsmann Leonardo Piepoli, der wie Ricco von Saunier Duval entlassen wurde, soll mittlerweile - wie auch der Spanier Moises Duenas Nevado - Doping gestanden haben. Das berichtete die spanische Zeitung El País“. Ricco bezweifelt hingegen die Gültigkeit der Doping-Tests bei der Tour. Und der junge Italiener, der sich mittlerweile wieder in seiner Heimat befindet, lamentierte, dass er im französischen Gefängnis Erfahrungen wie ein Hund“ gemacht habe.
Offensichtlich aber haben einige seiner Landsleute kein Mitleid mit ihm. Die Zeitung La Stampa“ schrieb über den gefallenen Jungstar, der Marco Pantani verehrt: Ricco ist wie Pantani: 50 Kilo Fleisch, Knochen und Doping.“ Zu den speziellen Erscheinungen im Radsport gehört auch, dass Profis offenbar immer noch darauf bauen können, von Ärzten in jedweder Weise betreut zu werden.
Nevado belastet Mediziner
Das wurde jetzt durch eine Aussage des Spaniers Moises Dueñas Nevado erhellt, der ebenfalls bei der Tour als Doping-Sünder entlarvt wurde. Nevado, in dessen Hotelzimmer Doping-Utensilien entdeckt worden waren, sagte, dass ihm der Mediziner Jesus Losa Doping-Präparate beschafft habe. Nevado will dafür eine Anzahlung von 2000 Euro geleistet haben.
Losa, der dies bestritt, war früher Teamarzt bei Euskatel und Relax-Gam. Losa soll einst auch den Schotten David Millar mit Epo beliefert haben. Der Fall Nevado hat auch für seinen Rennstall bittere Konsequenzen: Sponsor Barloworld will sich wegen der jüngsten Doping-Affären vom Radsport zurückziehen. Saunier Duval könnte als nächster Finanzier seinen Ausstieg erklären.
Spanische Universität bot Analysen an
Eufemiano Fuentes, Losa, Cera – die dunkle Seite des Radsports hat viele Facetten. Und sie schlägt immer wieder neue Kapitel auf. So soll nach einem Bericht der ARD“ eine südspanische Universität mehr als zehn Teams angeboten haben, durch Urinanalysen ein komplettes Steroidprofil der Radfahrer“ durchzuführen, mit dem man sich beispielsweise an Grenzwerte herandopen könnte.
Ich habe eine solche Mail am 19. Februar erhalten“, sagte Hans-Michael Holczer, der Macher des Teams Gerolsteiner. Er hat die Nachricht angeblich an seinen Teamarzt weitergeleitet, der sich daraufhin mit Wilhelm Schänzer, dem Leiter des Biochemischen Instituts in Köln, in Verbindung gesetzt hat. Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ist darüber informiert worden. Die zwielichtige Offerte kam von der Universidad de Extremadura in Caceres.
Wir haben schon länger vermutet, dass es Laboratorien gibt, die Proben vorchecken
In dem Angebot an die Teams sollen pro Fahrer und Kontrolle 50 Euro verlangt worden sein. Die Wada nannte die Angelegenheit besorgniserregend. Pierre Bordry, der Vorsitzende der französischen Anti-Doping-Agentur, sagte: Wenn das so stimmt, dann ist das dramatisch.“ Diese neue spanische Spur überraschte Experten jedoch nicht. Wir haben schon länger vermutet, dass es irgendwo in Europa noch Laboratorien gibt, die Proben vorchecken. Laboratorien, die außerhalb des Kontrollsystems sind, und die dann Urinanteile von Athleten untersuchen, so dass die genau wissen, wann sie ihre Doping-Substanzen absetzen müssen, um nicht bei Kontrollen aufzufallen“, sagte Hans Geyer vom Zentrum für präventive Doping-Forschung in Köln.
Laut ARD ging das Schreiben, das als Absender Professor Doktor Marcos Maynar Marino führt, auch an die Teams Milram, CSC und Columbia. Marino verwies angeblich explizit darauf, dass sein Labor“ die gleiche Untersuchungsmethode wie der Internationale Radsportverband verwendet. Zudem wurde auch die Messung des Testosteron-Epitestosteron-Quotienten in Aussicht gestellt. Solche Analysen unterliegen nur den von der Wada akkreditierten Laboren. Auf die Einrichtung von Extremadura trifft dies nicht zu.
Für Mondenard steht fest, dass der Betrug elementar ist
Marino ist kein Unbekannter in Doping-Kreisen. Im Jahre 2004 wurden in Spanien im Zuge der Operación Gamma II mehr als 120 Personen verhaftet wegen des Verdachts auf Handel mit Drogen und Doping-Medikamenten – darunter war auch Marino. Er wurde später freigelassen. Die Produkte, die bei ihm gefunden worden waren, will er für wissenschaftliche Forschungen benötigt haben.
Zudem ist Marino Teamarzt des portugiesischen Teams LA-MSS. Nach dem plötzlichen Tod eines Fahrers stellte die Polizei bei dieser Radsportgruppe Material für Eigenbluttransfusionen, Spritzen, Epo und Wachstumshormon sicher.
Ein Arsenal des Schreckens, das Männer wie Mondenard, die ein sehr düsteres Bild des Radsports zeichnen, bestätigen dürfte. Für Mondenard steht fest, dass der Betrug elementar ist im Radsport: Er steckt in den Chromosomen der Fahrer.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS