Von Rainer Seele, Brest
05. Juli 2008 Bob Stapleton sah aus, als wollte er zu einer Trekkingtour aufbrechen. Mit dem Outdoor-Look war der Amerikaner von dem Bekleidungshersteller versorgt worden, der seit kurzem seinen Rennstall finanziert: Er tritt bei der Tour de France, die an diesem Samstag in Brest in der Bretagne beginnt, als Team Columbia auf.
Einst war dies das T-Mobile-Team, das allerdings in den schweren Turbulenzen des Radsports unterging. Columbia, das seinen Kader am Freitagmorgen in Brest präsentierte, ist bei dieser Tour nur mit zwei deutschen Radprofis vertreten, mit Gerald Ciolek und Marcus Burghardt. Gerne spricht Teamchef Stapleton von einer jungen Mannschaft, die einen Wandel im Radsport dokumentieren soll.
Die Tour wird die Vergangenheit - und die Schatten - nicht los
Allerdings hat Stapleton auch seinen Landsmann George Hincapie zur Tour geschickt, der einst ein treuer Helfer von Lance Armstrong war. So möchte der Radsport sich zwar in die Zukunft stürzen und sogar zur Romantik zurückkehren, wie Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France, es pathetisch formulierte. Aber die Branche wird die Vergangenheit - und die Schatten - nicht los. Sie beeinflussen auch die 95. Tour, die gern neue Wege gehen würde.
Sportlich wenigstens lässt sich das ohne weiteres bewerkstelligen. Die Tour de France hat - den Kurs betreffend - mit einer Tradition gebrochen, sie verzichtet diesmal auf einen Prolog. Statt eines Vorspiels steht dem Peloton gleich eine Etappe von Brest nach Plumelec bevor. Prudhomme findet das offensichtlich sehr gut, weil der Kreis der Profis, die am ersten Tag nach dem Gelben Trikot greifen können, nicht mehr auf Prologspezialisten beschränkt ist. Alle Fahrer, sagte Prudhomme, hätten nun sofort ihre Chance.
Holczer: Wenn es hier noch mal richtig scheppert, ist es vorbei
Aber welche Perspektive haben der Radsport und die Tour nach den Doping-Skandalen des vergangenen Jahres? Wenn es hier noch mal richtig scheppert, ist es vorbei, sagte dieser Tage in Brest HansMichael Holczer, der Manager des Teams Gerolsteiner. Das soll heißen: Affären wie 2007, als die Tour durch die Fälle Rasmussen und Winokurow schwer erschüttert wurde, würde die Zunft nicht noch einmal verkraften.
Prudhomme will die Lage auf französische Art in den Griff bekommen. Das Team Astana - und damit Vorjahressieger Alberto Contador - nicht dabei wegen der Doping-Verstrickungen im zurückliegenden Jahr, der belgische Sprinter Tom Boonen nach seinem Kokainkonsum nicht zugelassen: Die Tour versucht, Härte zu demonstrieren und mit einer Politik der Aussperrung ihr Renommee aufzupolieren.
Sehr penible Haarproben
Allerdings musste sie sich auch den Vorwurf gefallen lassen, dabei ein bisschen willkürlich vorgegangen zu sein. Pat McQuaid, der Präsident des Radsport-Weltverbandes (UCI), kritisierte das Vorgehen der Franzosen mit dem Hinweis, dass auch andere Teams hätten ausgeschlossen werden können. Zum Beispiel die holländische Equipe Rabobank, bei der der Däne Michael Rasmussen 2007 noch unter Vertrag stand.
Nach der Abkoppelung von der ProTour und der UCI steht die Tour nun unter der Obhut des französischen Radsportverbandes und der französischen Anti-Doping-Agentur. Wie es scheint, führen die Franzosen, die auch Haarproben entnehmen wollen, die Doping-Kontrollen sehr penibel aus. Am Donnerstag etwa benötigten sie mehr als zwei Stunden, um den neun Profis der spanischen Formation Caisse d'Epargne - darunter Alejandro Valverde - Blut abzuzapfen. Die Spanier mokierten sich umgehend darüber.
Prudhomme: Im Juli wird das Urteil gefällt über den Radsport
Erstmals bemüht sich die Tour, den möglichen Missbrauch mit Wachstumshormon aufzudecken. Holczer behauptet, dass dies ein Meilenstein sei im Kampf gegen Doping. Grundsätzlich glaubt er, dass sich die Betrugsmöglichkeiten dramatisch einengen - er führt das auch auf die Anti-Doping-Maßnahmen der UCI zurück. Dass der internationale Verband möglicherweise Erkenntnisse über Manipulationen zurückhalten könnte, um der Tour und ihrem Veranstalter, der Amauray Sport Organisation (ASO), zu schaden, hält der Deutsche für ausgeschlossen. Der Ire McQuaid soll zugesichert haben, die Teams über sichtbare Probleme zu informieren.
Prudhomme, der seit längerem mit der UCI im Clinch liegt, gibt sich jedenfalls sehr zuversichtlich, für die kommenden drei Wochen gewappnet zu sein. Er hat die Teams auch finanziell in die Pflicht genommen: Wer bei der Tour von einem Doping-Fall betroffen ist, muss 100.000 Euro Strafe zahlen. Ohne Zweifel, sagte der Franzose, sei es ein wichtiges Jahr für den Radsport, über den im Juli das Urteil gefällt werde.
Ich bin dopingfrei
Prudhomme redet von einer großen Gelegenheit, dass Teams und Fahrer dafür sorgen werden, die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Der Italiener Damiano Cunego, der zum Favoritenkreis gezählt wird, will den angeblichen Willen dazu bei der Tour mit einer Aufschrift an seinem linken Arm verdeutlichen: Ich bin dopingfrei, soll da zu lesen sein.
Vorläufig zumindest scheint eine gewisse Entspannung im Tour-Tross zu herrschen. Er spüre nicht, sagte Holczer, dieses scharfe Misstrauen der letzten Jahre. Der Schwabe will sogar festgestellt haben, dass die Stimmung bei den Teams um Klassen besser sei als zuletzt. Zumal, wie Holczer behauptet, auch nicht mehr dieser Druck aus dem Umfeld vorhanden sei. Es könnte ein trügerisches Gefühl sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS