Von Evi Simeoni
22. Mai 2007 Bravo, Bert Dietz, für diesen erlösenden Fernsehauftritt. Wer nun staunt über die böse Doping-Welt, hat sich entweder nie ernsthaft mit Hochleistungssport beschäftigt, oder er will schlicht seine Haut retten. (Oder er gibt sich wie Talkmaster Reinhold Beckmann zwar als Sportexperte aus, hat aber niemals Wert darauf gelegt, den Unterschied zwischen Testosteron und Wachstumshormon zu erfahren).
Der Unterschied zwischen dem Stand der Dinge am Sonntag und am Montag Schlag Mitternacht ist lediglich der: Nun kann auch der sturste Verharmloser nicht mehr leugnen, wie krank der Sport ist und dass Ärzte mit verfehltem Berufsverständnis ihn noch viel kränker gemacht haben, als er ohnehin schon war. Der Profiradsport ist dabei nur Versuchslabor für viele andere Disziplinen wie Schwimmen oder Leichtathletik. Nein, nicht nur damals in der DDR. Und nicht nur in China. Hier.
Helden und Sklaven der Landstraße
Der Leipziger Bert Dietz ist zwar nicht der erste Radprofi, der seine Verantwortung den Nachwuchssportlern gegenüber wichtiger nimmt als das Schweigegebot der geschlossenen Zweiradgesellschaft - sein zwölfjähriger Sohn, der leistungsorientiert schwimmt, mag dabei eine Rolle spielen. Doch seine Bekenntnisse in der Talk-Sendung der ARD ergänzen so kongenial das Gesamtbild des Profiradsports, dass niemand mehr wagt, ihn zu schmähen, wie die organisierten Leistungsfetischisten das früher mit Athleten gemacht haben, die ihr Gewissen erleichtern wollten.
Gibt es eigentlich Sportler, die mehr Bewunderer hatten als die Radrennfahrer? Diese Meister des Durchhaltens, Helden und Sklaven der Landstraße, Magier des Leidens. Das Übermenschliche an ihren Leistungen ist zugleich faszinierend und erschreckend, ihre Fähigkeit, die Alarmzeichen ihres Körpers stundenlang zu ignorieren, ist heroisch wie zerstörerisch. Ihre Bereitschaft, alles für den Erfolg zu tun, führt zu imponierenden Opfern - und der Bereitschaft, den Zaubertrank eines Pflegers zu schlucken, dessen Inhaltsstoffe man nicht kennt.
Moderne Landsknechte, beschränkt und abgebrüht
Die Grenzerfahrungen rücken die Rennfahrer eng zusammen und lassen den Rest der Welt mit ihren Regeln und Maßstäben verschwimmen. Ihre Welt hat eigene Gesetze, Radprofis sind die modernen Landsknechte, beschränkt und abgebrüht und in ein System aus Leistungsdruck und gegenseitiger Abhängigkeit verstrickt, aus dem sie kaum mehr ausbrechen können. Nur notorische Optimisten können annehmen, dass in einem solchen Milieu der Anti-Doping-Kampf greifen könnte. Dazu müsste das ganze alte Personal verschwinden und seine verhängnisvolle Mentalität mitnehmen.
Doch die alten Drahtzieher bleiben. Walter Godefroot etwa, der langjährige Telekom-Teamchef, der laut Dietz und Pfleger Jef D'hont den Finanztransfer des systematischen Dopings organisierte, gibt seine Erfahrung jetzt an das kasachische Astana-Team weiter. Und während die glücklich Davongekommenen, die ihre Mittel zufällig nicht vom Vampir-Doktor Fuentes bezogen und deshalb nicht in den spanischen Akten auftauchen, hoffen, einfach so weitermachen zu können, zeigt man auf die Erwischten mit Fingern: auf Jan Ullrich, den Begabtesten seiner Zeit, den das System zerstörte und wegwarf.
Den deutschen Helden Ullrich dingfest zu machen ist zwar ein Meilenstein in der öffentlichen Wahrnehmung des Dopingproblems, aber nicht in der Dopingbekämpfung. Das Anprangern Einzelner schützt nur den Rest. Bert Dietz hat dies gestört. Sein später Ausreißversuch könnte ein Anfang sein, Christian Henn setzte am folgenden Tag schon nach: Die Sportler, gleichzeitig Täter und Opfer, setzen sich endlich zur Wehr.
Text: F.A.Z., 23.05.2007, Nr. 118 / Seite 31
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