Von Michael Reinsch
04. April 2007 Ach, der gebeutelte Jan Ullrich. Nun ist also der Beweis erbracht, dass der Dopingdoktor Eufemiano Fuentes Blut aus dem begnadeten Körper des ersten und einzigen deutschen Tour-de-France-Siegers in seiner Tiefkühltruhe gelagert hatte. Eine Überraschung ist das nicht mehr. Warum hätte der spanische Hochleistungsarzt sonst auf die Beutel mit dem ganz besonderen Saft Jan oder, offenbar in Anspielung auf dessen Betreuer Pevenage, Rudis Sohn schreiben sollen? Vermutlich handelt es sich bei den Gaben nicht um Blutspenden Ullrichs. Doch der Beweis, dass das Blut angereichert zurückgeführt werden sollte oder dass Ullrich auf diese Art und Weise schon früher gedopt wurde, ist damit rechtlich nicht erbracht.
Bleibt es also dabei, dass es eine innere Stimme war, die Ullrich riet, nach seinem Ausschluss von der Tour vor dem Start im vergangenen Sommer, nach seinem Rauswurf aus dem Team T-Mobile und nach der Strafanzeige wegen Betruges Schluss zu machen mit dem Sport? Im besten Alter für einen Radprofi? Waren es nicht eher seine Berater, die erkannten, dass ein Athlet wie Ullrich buchstäblich nicht mehr vermittelbar ist?
Fragen verboten, Herzen verloren
Das Publikum ist nicht auf die Unschuldsvermutung verpflichtet. Es verschenkt sein Herz, wie es will. Und es verweigert seine Zuneigung, wo es nicht mehr folgen will. Gerade im Sport mit seiner Massenproduktion von Triumphen und Wundern ist der Erfolg eine heikle Gratwanderung. Jan Ullrich, der sich im Sommer vor zehn Jahren auf dem Weg hinauf nach Andorra in das Gelbe Trikot schwang, wurde mit dem Gewinn jener Tour de France zu einem scheinbar unsterblichen Liebling der Nation.
Respekt erwarb er sich später: durch seine mannhaft durchgestandenen Niederlagen gegen Marco Pantani, das wohl berühmteste Dopingopfer der Welt, und gegen den unersättlichen Lance Armstrong, der auf wundersame Art und Weise den Krebs überwand und die Tour als Erster und wohl Einziger sieben Mal gewann. Der eine wurde des Dopings überführt und zerbrach daran; der andere wird Zeit seines Lebens unter dem Verdacht stehen, skrupelloser und erfolgreicher als andere gedopt zu haben.
Mit den Händen an der Keksdose
Ullrich, trotz einer Dopingsperre wegen Amphetaminmissbrauchs in einer Rehabilitationsphase, stand bis zum Sommer vergleichsweise gut da. Dann trafen ihn die Nachrichten vom Dopingring aus Spanien und den Folgen der Razzien. Dass er seinen Abschied kürzlich mit einer Pressekonferenz gab, auf der Fragen verboten waren, und mit einem Talkshow-Auftritt, in dem er mehr als alles andere schwitzte und stammelte, das ruinierte sein Ansehen vollends.
Ohne es zu wollen, machte Ullrich deutlich, dass er, der große Radrennfahrer, nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe des Sports war. Aus dem Gesicht der Tour de France 1997, vielleicht sogar dem Antlitz des deutschen Sports überhaupt damals, ist die Fratze eines Verstockten geworden, hinter der sich dreiste Machenschaften verbergen. Die meisten der Herzen, die ihm einst zugeflogen waren, hat Ullrich längst verloren.
Tiefpunkt eines gebeutelten Sports
Für den Entzug von Zuneigung wie von Vertrauen bedarf es, da hilft keine Juristerei, keiner Beweise. Ullrich steht mit seinen Blutbeuteln nicht besser da als der freche Junge mit den Händen an der Keksdose: ertappt. Ullrichs Beteuerung, er habe niemanden betrogen, versteht indes jeder. Der Zweifel an jeder hervorragenden sportlichen Leistung, an jedem Rekord, ist noch weiter verbreitet als Doping selbst. Besser macht das die Sache nicht. Jan Ullrich verkörpert auf dem Tiefpunkt auch dies: einen gebeutelten Sport.
Text: F.A.Z., 04.04.2007, Nr. 80 / Seite 29
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS