Von Evi Simeoni, Frankfurt
05. Mai 2008 Die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) hat in der Auseinandersetzung mit dem Deutschen Eishockey-Bund (DEB) zu einem harten Druckmittel gegriffen. Die Trainingskontrollvereinbarung wird gekündigt. Dabei handelt es sich um den Vertrag, mit dem sich die Sportverbände dem Testprogramm der unabhängigen Stiftung anschließen.
Wir fühlen uns der Geschäftsgrundlage beraubt“, sagte Nada-Geschäftsführer Christoph Niessen bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Frankfurt. Anlass für den Schritt, den der Nada-Vorstand am Sonntagabend beschloss, ist nicht nur die milde Strafe, die der DEB gegen seinen Nationalspieler Florian Busch aussprach. Der Berliner hatte am 6. März eine Dopingkontrolle verweigert, was eigentlich wie ein positiver Dopingtest gewertet werden müsste, worauf eine Regelsperre von zwei Jahren steht. Stattdessen hatte der DEB lediglich eine öffentliche Verwarnung, 5000 Euro Geldstrafe und 56 Stunden gemeinnützige Arbeit verhängt. Hinzu kommt, dass neun der 25 Spieler, die zum Kader der aktuellen Weltmeisterschaft in Kanada gehören, nicht für den nationalen Testpool gemeldet wurden.
Doping-Freibrief für die Deutschen in Amerika
Zum Kreis dieser Spieler, die zumindest im Training einen Doping-Freibrief hatten und haben, gehören die vier Deutschen, die in den amerikanischen Ligen NHL und AHL aktiv sind, nämlich Torwart Dimitri Pätzold, die Abwehrspieler Christoph Schubert und Dennis Seidenberg, sowie der Angreifer Marco Sturm. Unter den drei Spielern, die vom DEB für Kanada nachnominiert werden sollen, vermutet die Nada noch weitere zwei, die nicht für Trainingskontrollen angemeldet wurden.
Ohne Bindung an die Nada verliert das deutsche Eishockey endgültig seine durch den Fall Busch bereits schwer beschädigte Glaubwürdigkeit im Anti-Doping-Kampf. Entweder hat der DEB die sportpolitische Brisanz dieses Falls nicht erkannt oder er glaubt, die Angelegenheit aussitzen zu können“, sagte Armin Baumert, der Vorstandsvorsitzende der Nada, am Montag. Die öffentlichen Fördermittel für das deutsche Eishockey (600.000 Euro) dürften nun gefährdet sein.
Die Wada stellte klar, dass der Fall Busch noch nicht abgeschlossen sei
Sollte sich die Lage nicht ändern, müsste auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) prüfen, ob er 2010 eine Eishockey-Mannschaft zu den Winterspielen nach Vancouver entsenden kann. Am Mittwoch findet zu dem Thema eine Anhörung vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages statt.
Florian Busch spielt zwar weiter - im ersten WM-Spiel gegen Finnland am Samstag erzielte er den einzigen deutschen Treffer, im zweiten Spiel gegen die Slowakei (01.15 Uhr/live im DSF und im FAZ.NET-Liveticker). Zuvor hatte er das entscheidende Tor für die Berliner Eisbären im Play-off-Finale gegen die Kölner Haie geschossen. Doch die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) dementierte am Montag Nachrichten über seine uneingeschränkte Freigabe. Die juristische Abteilung der Wada, die von der Nada im Fall Busch angerufen wurde, stellte klar, dass man an der Sache noch arbeite. Über eine mögliche Revision sei noch nicht entschieden.
Der DEB habe auf Nachfragen gleichgültig bis patzig reagiert
Auf der Website des Internationalen Eishockey-Verbandes (IIHF) hatte es mit Bezug auf die Wada geheißen, Busch habe keine weitere Strafe mehr zu befürchten. Wir wissen nicht, woher die Meldung kommt“, heißt es seitens der Wada. Wir sind besorgt darüber, dass solche Fehlinformationen in die Medien kommen.“ Nada-Justitiarin Anja Berninger erklärte, die Wada müsse erst einmal ihr eigenes Recht auf Revision feststellen. Dafür würden Informationen vom DEB benötigt etwa darüber, in welcher Form die Regeln des Anti-Doping-Kodex im Verbandsreglement umgesetzt und die Spieler daran gebunden seien. Der Verband habe dazu bisher nur unzureichende und widersprüchliche Auskünfte gegeben.
Dass der DEB einige seiner Nationalspieler nicht für die Trainingskontrollen gemeldet hat, sieht Niessen als schwerwiegende Pflichtverletzung“ an. DEB-Vizepräsident Uwe Harnos allerdings reagierte eher patzig auf eine Nachfrage der Nada. Ich nehme das Schreiben mit nach Kanada“, so zitierte am Montag Baumert aus der Antwort Harnos', und werde dann nach meiner Rückkehr ein Antwortschreiben verfassen.“ Auch DEB-Präsident Hans-Ulrich Esken habe gleichgültig auf die Nada-Anfragen reagiert.
Wenn ein Spieler Kontrollen verweigern könnte, sei das System nutzlos
Noch am Freitag war Hanns-Michael Hölz, der Kuratoriumsvorsitzende der Nada zusammen mit DOSB-Generaldirektor Michael Vesper nach Köln gefahren, um Esken bei einem Treffen davon zu überzeugen, dass das milde Urteil gegen Busch revidiert werden müsse, allerdings ohne Erfolg. Mehrere Sportler meldeten sich bereits bei der Nada, um ihrem Ärger über das Sonderrecht des Eishockeyprofis Luft zu machen. Wenn ein Spieler eine Kontrolle verweigern könnte, um einer Sperre zu entgehen, würde dies das Anti-Doping-System ad absurdum führen“, erklärt Justitiarin Berninger.
Busch, der am 6. März mit seiner Freundin essen gehen wollte, als die Kontrolleure erschienen, entzog sich nicht nur der Trainingskontrolle, sondern erklärte auch noch handschriftlich auf einem Blatt Papier seine Verweigerung. Außerdem beschwerte er sich telefonisch bei der Nada, dass er so oft kontrolliert werde. Trotzdem verurteilte ihn der DEB lediglich für einen Missed test“, also das Nicht-Antreffen des Sportlers. Fünf Stunden nach der Verweigerung war Busch bereit, sich einem vom Verband veranlassten Test zu unterziehen, der ein negatives Ergebnis brachte. Für die Nada ein wertloses Resultat. In der Zwischenzeit gab es Manipulationsmöglichkeiten“, sagt die Nada-Justitiarin.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
VfB Stuttgart: Schäfers letztes Stündchen - Kommt ![]()
Eishockey-WM: Zum Abschied gewinnt Deutschland gegen Lettland
Eiszeit in Thurso - oder Hawaii auf Schottisch
Bundesliga-Kommentar: Kein Platz für kleine Tiere
Nationalmannschaft: Comeback bei Real - Metzelder muss zur EM
Ist ein Boykott der Olympischen Spiele richtig?
