Fernsehen und Doping

Die Doper sind wir

Von Michael Hanfeld

Pflegte für die ARD den Kontakt zu Jan Ullrich: Der ehemalige ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf

Pflegte für die ARD den Kontakt zu Jan Ullrich: Der ehemalige ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf

22. Mai 2007 

Am Montagabend haben wir in der ARD eine Sternstunde des Fernsehens erlebt. Fünfundsiebzig Minuten saßen wir gebannt vor dem Bildschirm und waren konsterniert, dass es so etwas in diesem zugeschwatzten Medium noch gibt: Da ermannt sich einer, hat lange mit sich gerungen, offenbart sich und hat etwas zu sagen, das alle angeht. Bricht das Schweigen, das ein mafioses System zusammenhält, ist schonungslos gegen sich selbst, will zugleich die Sportkameraden nicht am Pranger sehen und sagt: Seht her, ich habe gedopt!

Wir können den Mut des Bert Dietz, des ehemaligen Radprofis aus dem Team Telekom, gar nicht hoch genug schätzen, den er als Gast der Sendung „Beckmann“ bewiesen hat. Er hat ausgesprochen, was alle wissen, aber fast alle, die in diesem System eine Rolle spielen, bis heute konsequent leugnen: Ohne Doping funktioniert der Radsport nicht.

Hätten wir das bloss gewusst!

Die Ehrlichkeit des Bert Dietz ist bewundernswert, bezieht er seine Enthüllung doch konsequent auf sein eigenes Tun und auf das der Ärzte und Pfleger, die ihm die unerlaubten Mittel verabreicht haben. Er hat die Blutdopingsubstanz „Epo“ seinerzeit, in den neunziger Jahren, selbst bezahlt, zwischen dreitausend und fünftausend Mark habe ihn das pro Saison gekostet, sagte er bei „Beckmann“. Was es Dietz gekostet haben muss, einen Strich unter seine Vergangenheit zu ziehen, können wir nur ahnen. Und was das für seine Familie, für sein persönliches Ansehen bedeutet und was ihn das Doping gesundheitlich noch kosten kann, fragt er sich selbst.

Doch was wird aus dem Befreiungsschlag, den Dietz in Kohlhaas-Manier bewirken will? Seine Hoffnung, nun stehe einer nach dem anderen auf und rede Tacheles, ist trügerisch. Denn viele seiner Sportkameraden sind heute noch als Profis unter Vertrag, aus anderen Aktiven sind Manager geworden, und die können aus reinem Selbstschutz nicht offenbaren, was sie bis jetzt geleugnet haben. Die Heuchelei des Tages lautet: „Das haben wir nicht gewusst“ oder: „Hätten wir das bloß gewusst!“

Stütze des Systems: das öffentlich-rechtliche Fernsehen

Und leider, das war das Tragische an dieser „Beckmann“-Sendung, drückte sich diese Haltung schon aus, noch während Bert Dietz sprach. Denn am Ende und zugleich an der Spitze des Dopingsystems, hinter den Teamchefs, hinter den kriminell handelnden Ärzten und hinter den Sponsoren, stand - das Fernsehen, insbesondere das öffentlich-rechtliche.

Das nicht auszusprechen, muss man Reinhold Beckmann vielleicht nicht ankreiden, denn auch er ist Teil des Systems und hat sich vor Wochen schon redlich um das Thema Doping bemüht, als er den überführten Radsportstar Jan Ullrich in seiner Sendung hatte, der partout nichts zur Aufklärung beitragen wollte. Doch als jetzt der Doping-Experte der ARD, der Redakteur Hajo Seppelt, eindringlich darauf verwies, dass ein „Staatskonzern“ wie die Telekom jahrelang zumindest Augen und Ohren verschloss und dass eine öffentliche Einrichtung wie die Uniklinik Freiburg, aus der die beiden belasteten Ärzte des Teams Telekom stammen, in den Skandal verwickelt sei - da hätte man diesen Satz gern um einen Mitspieler vervollständigt: den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Maulkorb für den Kritiker

Denn man muss wissen, dass dieser Hajo Seppelt, der nun den Kronzeugen wider das Doping geben darf, bis vor ein paar Monaten in der ARD vollkommen abgemeldet war. Über Jahre hinweg ist von ihm kaum ein Beitrag zum Thema gelaufen, denn solange die ARD selbst Partner des Teams Telekom (1998 bis 2004) war, galt der Satz des ehemaligen ARD-Sportchefs Hagen Boßdorf: Wenn das Team Telekom sagt, es gebe kein Doping, dann gibt es auch für die ARD kein Doping.

Und also gab es stattdessen seit 1999 einen Sondervertrag für Jan Ullrich über ein Honorar von bis zu 200.000 Euro pro Jahr, der 2003 sogar noch einmal verlängert wurde, obwohl der Radsportler zwischenzeitlich des Dopings überführt worden war. Zwei Dutzend Sportchefs und Intendanten haben die Verträge gesehen, aber angeblich nicht richtig gelesen, wie der Direktor des ersten Programms, Günter Struve, einmal lapidar sagte.

Radsport um jeden Preis

Dabei war alles bis ins Kleinste ausformuliert, sogar der persönliche Betreuer von Jan Ullrich, Rudy Pevenage, schlüpfte mit einem Mitwirkendenvertrag bei der ARD unter. Und beim ZDF war letztes Jahr bei der Tour de France als Fachkommentator der Radsportler Rolf Aldag unter Vertrag, der einst mit Bert Dietz für das Team Telekom fuhr und bis heute zum Thema Doping nur ausflüchtende Binsenweisheiten verkündet. Die Sender wollten den Radsport eben um jeden Preis, auch um den Preis der eigenen Glaubwürdigkeit; eine angemessene, distanzierte und kritische Berichterstattung zu diesem Sport hat es ein ganzes Jahrzehnt lang nicht gegeben.

Der Drang, auszublenden, was dem Medienereignis Radsport schadet, führte schließlich so weit, dass Sportchefs vom Schlage eines Jürgen Emig beim Hessischen Rundfunk und eines Wilfried Mohren beim Mitteldeutschen Rundfunk ihr eigenes Mafiasystem errichteten. Weil ihre Sender - gerade der HR - Sport zeigen wollten, etwa das Rennen um den Henninger-Turm in Frankfurt, aber angeblich kein Geld hatten, sahen sie sich nach „Beistellungen“ um, was nichts anderes bedeutet, als dass Verbände und Veranstalter die Rundfunkübertragung bezahlen. Dieses System hat erst ermöglicht, dass jemand wie Emig in die eigene Tasche wirtschaftete, die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat ihn wegen Betrugs in einer Schadenshöhe von 600.000 Euro angeklagt.

Ein Teil des Problems

„Die Massenmedien haben sich selbst noch nicht als Mitverursacher des Dopingproblems entdeckt. Ihre eigene Verstrickung ist der große blinde Fleck, den sie vor sich selbst verheimlichen. Sie berichten nicht über den Kontext, in dem Doping entsteht, weil sie Teil des Kontextes sind“, sagt der Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette von der TU Darmstadt in dem kürzlich erschienenen Buch des Sportjournalisten Ralf Meutgens „Doping im Radsport“. Die Medien, insbesondere die bildorientierten, heißt es da, seien Teil einer „riesigen Personalisierungsmaschinerie“, die sich fatalerweise auch der Behandlung des Themas Doping bemächtigt habe. Vergehen würden in ermüdender Weise immer nur einzelnen Personen zugeschrieben, und selbst investigative Journalisten übersähen, dass einzelne Menschen, insbesondere die Athleten, nicht die eigentlich Handelnden sind, sondern „gehandelt“ würden.

Dabei ist es noch weit schlimmer: Wie sehr die Sportler Handelsware sind, zeigen die perversen Fernsehverträge, mit denen erst im vergangenen Jahr Schluss gemacht wurde. „Erst wenn ich ein Radrennen gewinne, bin ich im Fernsehen“, sagte Bert Dietz an diesem bizarren Abend bei „Beckmann“. Und nur wer im Fernsehen ist, gilt als erfolgreich; mit welchen Mitteln der „Erfolg“ zustande kommt, das hat das Fernsehen bis gestern kaum interessiert.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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