Von Rainer Seele
19. Juli 2008 Die Tour de France gewinnt nun wieder an Höhe, sie durchstreift die Alpen, überquert Berge der höchsten Kategorie. Sie strebt dem Gipfel entgegen. Auf diesem Terrain wird die Entscheidung darüber nahen, wer in einer Woche in Paris das Gelbe Trikot tragen wird. Aber wie soll man als Zuschauer nach den Dopingenthüllungen der jüngeren Vergangenheit dem Sieger gegenüberstehen, wie all die Strapazen erleben, denen die Radprofis in den kommenden Tagen ausgesetzt sein werden bei kilometerlangen Anstiegen?
Sie werden natürlich, ob mit oder ohne Leistungsmanipulation, eine Qual für sie sein. Die Bilder von verzerrten Gesichtern, von erbittert geführten Kämpfen, von Fahrern, die sich vor Anstrengung kaum noch auf ihrem Rad halten können, haben die Betrachter immer wieder in den Bann gezogen, über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Sie machten den speziellen Reiz der Tour aus, sie begründeten den Mythos der Großen Schleife“. Trotz des Wissens, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht bei diesem Spektakel, dass verbotene Mittel im Spiel sind. Trotz des Skandals um das Team Festina just vor zehn Jahren, der die Tour und den Radsport schwer erschüttert hatte. Aber die Hoffnung, dass es vielleicht doch eine Erneuerung geben könnte, einen Wandel im Denken und Handeln, war noch vorhanden.
Ernüchterung und Entsetzen
Eine Weile wenigstens, bis sie sich endgültig als Trugschluss erwies, bis immer deutlicher wurde, wie tief das Betrugssystem im Radsport verwurzelt ist. Die Aufdeckung des spanischen Dopingnetzwerkes um den Arzt Eufemiano Fuentes, die Geständnisse einiger Radprofis und die Beschreibungen von Doping-Kronzeugen wie Jörg Jaksche schufen Ernüchterung, auch Entsetzen. Und sie steigerten das allgemeine Misstrauen gegenüber dem Peloton.
Dass nun bei der Tour wieder einige Fahrer wie der junge Italiener Riccardo Ricco des Dopings überführt wurden, zeigt zwar, dass die Dopingkontrolleure über Verfahren verfügen, auch neuere Dopingprodukte zu entdecken. Aber die Dopingfälle bei dieser Tour, deren Zahl vermutlich noch wachsen wird, legen auch den Schluss nahe: Der Radsport scheint trotz mancher Bemühungen, den Missbrauch einzudämmen, ein hoffnungsloser Fall zu sein.
Riccos schlechte Show
Wer mag, wird trotzdem noch eine gewisse Faszination in der Tour de France entdecken, in dieser bunten Karawane, die – bisweilen auch auf Irrwegen – auf ihrer alljährlichen Sommerreise Tausende von Kilometern zurücklegt bis zu ihrem Ziel. Aber jede außergewöhnliche Leistung, jedes forsche Auftreten eines Rennfahrers muss von Argwohn begleitet werden.
Zu oft ist schließlich zuletzt aus solchen Ereignissen ein Fall geworden – wie bei Ricco, der seinen Konkurrenten zweimal mit frappierender Leichtigkeit enteilt war. Er hat eine schlechte Show gezeigt. Seine Enttarnung mögen die Dopingjäger als gutes Zeichen empfinden, sie ist in gewisser Weise ein Fortschritt. Aber sie belegt auch: Der Generalverdacht wird den Radsport weiterhin überlagern. Und auch in der Tour steckt mehr Gift als Zauber.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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