Von Evi Simeoni, Freiburg
15. Mai 2007 Können Sportärzte, die Athleten in einer dopingverseuchten Disziplin wie dem Profi-Radsport betreuen, ihren weißen Kittel wirklich sauber halten? Die hohen Titelträger der Universitätsklinik Freiburg meinen: Ja. Und das um so nachdrücklicher, seit massive Vorwürfe gegen die beiden Freiburger Sportmediziner Lothar Heinrich und Andreas Schmid laut geworden sind. Das Wesen des Dopings ist es ja“, sagt Professor Hans-Hermann Dickhuth, der Leiter der Abteilung Sportmedizin, dass es heimlich passiert.“ Und Professor Matthias Brandis, der Leitende Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, betont: Sie können doch nicht sehen, ob ein Sportler Epo genommen hat.“
Die beiden Dienstleister Heinrich und Schmid, die von der Universitätsklinik gegen Honorar für das einstige Team Telekom und heutige Team T-Mobile tätig waren, sollen lediglich über die Gesundheit der Sportler gewacht und ihre Verletzungen behandelt haben. Sport-Kenner setzen zwar eine massive Drei-Affen-Haltung bei Sportärzten voraus, die von den im Radsport üblichen Doping-Praktiken über Jahre nichts mitbekommen. Doch wer unterstellen will, dass Heinrich und Schmid darin verwickelt sind, muss Beweise dafür bringen.
Zugang zu allen Unterlagen und Archiven
Weitergabe von Dopingmitteln ist laut Arzneimittelgesetz strafbar. Neben der Staatsanwaltschaft Freiburg, die aufgrund einer Anzeige des Heidelberger Wissenschaftlers Werner Franke ermittelt, wird sich auch eine mit drei unabhängigen Experten besetzte, intern finanzierte Kommission mit der Frage beschäftigen, was konkret gegen die beiden Mediziner vorliegt. Am Dienstag wurden in der Klinik die Namen der drei Mitglieder präsentiert: Den Vorsitz führt Hans Joachim Schäfer, der ehemalige Präsident des Sozialgerichts in Reutlingen, der als Vorsitzender der Kammer für Kassenarztrecht mit Disziplinarsachen gegen Ärzte eine große Erfahrung hat. Dazu kommen der Kölner Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer und Ulrich Schwabe, der langjährige Leiter des Pharmakologischen Instituts der Universität Heidelberg.
Den dreien soll hausintern Zugang zu allen Unterlagen und Archiven ermöglicht werden – sofern Patienten- und Datenschutz dies erlauben. Allerdings könnten Akten aus den zu untersuchenden Jahren 1992 bis 1996 bereits vernichtet sein. Außerdem will die Kommission Zeugen befragen – auch Jef D’hont. Schäfer glaubt sogar, dass die Kommission größere Chancen habe, D’hont schon bald zu hören; die Staatsanwaltschaft müsse ein Amtshilfe-Verfahren einleiten. Man wolle mit der Justiz zusammenarbeiten und so schnell wie möglich“ zu Ergebnissen kommen, sagte er. Brandis war zuvor für Äußerungen kritisiert worden, die Untersuchung werde ein bis zwei Jahre dauern. Das habe ich erst einmal so gesagt“, erklärte er. Um sicherzustellen, dass sorgfältig gearbeitet werden kann.“
Freiburg will zur Eliteuniversität aufsteigen
Bisher gibt es lediglich immer wieder auftauchende Verdachtsmomente gegen die von T-Mobile suspendierten Ärzte und die Behauptungen eines ehemaligen Masseurs namens Jef D’hont, der in einem Buch und in einem Interview mit dem Spiegel“ Ende April unter anderem den beiden Freiburgern vorwirft, sie hätten in den neunziger Jahren Radsportlern das Blutdopingmittel Epo und Wachstumshormon verordnet und besorgt und ihnen Epo auch gespritzt. Entsprechende Unterlagen, gab der Belgier D’hont an, könne er aber nicht vorlegen – seine Frau habe alles vernichtet, als er 1998 wegen Beihilfe zum Doping in Untersuchungshaft saß.
Trotzdem reagierte man in Freiburg heftig. Die Vorwürfe sind irritierend und ausgesprochen besorgniserregend“, findet Brandis. Und Professor Wolfgang Jäger, der Dekan der Medizinischen Fakultät, spricht von einem höchst ungelegenen Zeitpunkt“ für solch unangenehme Schlagzeilen. Freiburg will zur Eliteuniversität aufsteigen. Mitte Juni erwartet man die internationale Begutachtung. Auch unser Krisenmanagement wird beurteilt werden“, erklärte Jäger. Sowohl Heinrich als auch Schmid haben gegenüber Brandis einige Tage nach Erscheinen der Vorwürfe schriftlich Stellung bezogen. Ihre Briefe, in denen sie die Behauptungen des Pflegers (Dickhuth: Ein kleiner Gangster“) zurückweisen, legte Brandis am Dienstag vor. Es gilt die Unschuldsvermutung“, betonte er.
Nicht mehr im Hochleistungssport tätig
Dickhuth, der im Jahr 2002 die Sport-Abteilung vom wegen Anabolika-Verharmlosung umstrittenen Professor Joseph Keul übernahm, stellte am Dienstag sogar die aktive Arbeit seiner Mediziner im Leistungssport nach dem Vorbild T-Mobile in Frage. Man könne es der Klinik nicht zumuten, in einem Hochleistungssport zu bleiben, der sich nicht klar vom Doping distanziere. Die Mitarbeiter seien vor Ungewissheiten zu schützen. Ein Sportler, der sich heimlich dope, könne jederzeit seinen Arzt damit belasten.
Heinrich und Schmid sind zur Zeit nicht mehr im Hochleistungssport tätig, der etwa zwanzig Prozent der Abteilungsarbeit umfasst. Heinrich wird auch seine Tätigkeit am Institut für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig, für die er abgeordnet wurde, nicht fortsetzen. Dickhuth betont aber: Wenn in unserem Institut irgendjemand damit aufgefallen wäre, dass er mit Dopingpraktiken zu tun hat, wäre er nicht mehr hier.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa
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