14. April 2008 Harald Schmid wollte kein rundgeschliffenes Etwas sein - und so ist ein Sportler und Mensch mit Ecken und Kanten aus ihm geworden. Das haben Politiker und Funktionäre zu hören bekommen. So hat sein Image ein klares Profil gewonnen: Harald Schmid steht für Spaß, Anstrengung, Erfolg und Sauberkeit im Leistungssport. Auf Kompromisse zu Lasten der Moral lässt er sich nicht ein. Er gewann fünf Europameistertitel und hielt fast 13 Jahre lang den Europarekord über 400 Meter Hürden in 47,48 Sekunden. Der heute 50-jährige Doktor der Sportwissenschaft betreibt eine Diagnose-Praxis und arbeitet für die bundesweite Kampagne Kinder stark machen. Im Gespräch redet Schmid im zehntenTeil der FAZ.NET-Serie SOLO - Ein Thema, ein Interview über - Vorbilder.
Sie waren weder Olympiasieger, noch Weltmeister oder Weltrekordler - trotzdem galten und gelten Sie als Inbegriff des Musterathleten. Wie kommt das?
Erstens bin ich eine ganze Zeitlang gelaufen, 15, 16 Jahre in der A-Nationalmannschaft. Mit 18 hat es begonnen, mit 33 aufgehört. Und ich habe eigentlich jedes Jahr irgendwas gewonnen - sei es nur eine Bronzemedaille bei Olympia. Dazu kamen Europameistertitel, WM-Zweiter, WM-Dritter, Europarekord. Ich habe eigentlich kein Jahr gehabt, in dem es einen Einbruch gab. Vielleicht hat das zu meinem Image beigetragen.
Was haben Ihre Bewunderer an Ihnen wohl so hoch geschätzt?
Hm, vielleicht lag das daran, dass ich meinen eigenen Vorstellungen gefolgt bin. Ich kannte mein Ziel und den Weg, von dem bin ich selten abgewichen. Ich habe das zwar immer mal wieder korrigiert, wenn ich gemerkt habe, dass ich Fehler mache. Aber wenn ich überzeugt war, dass ich es richtig mache, dann habe ich das auch verfolgt. Und vor allem klar nach außen vertreten.
Konkreter, wenn's geht: Was muss ein Vorbild zu bieten haben - außer Erfolg?
Man muss klar erkennbar sein für andere, nicht so ein rundgeschliffenes Etwas, das bin ich nicht, sondern jemand mit einer klaren Struktur. Die Leute wollen wissen: Wer steht da vor ihnen?
Auf neudeutsch: Authentisch muss man sein! Das ist aber noch nicht per se positiv. Welche Werte muss dieser Jemand verkörpern?
Für mich musste der Spass am Sport rüberkommen. Ich habe ihn nie verbissen gesehen, selbst wenn ich hart trainiert habe. Auch wenn es viele Menschen nicht verstehen können, dass die 400 Meter oder die 400 Meter Hürden keine Qual waren, zweimal am Tag trainieren, und das auch noch hart. Ich habe es als Abenteuer gesehen und ein bisschen als Spiel. Und wenn ich verloren habe, gut, dann war ich eben schlechter. Ich habe nicht drumherumgeredet, sondern versucht, den Fehler bei mir zu finden. Erst das hat mir die Chance gegeben, es beim nächsten Mal besser zu machen. Dieses Streben, immer besser zu werden, das hat in mir dringesteckt. Und ganz wichtig: Ich habe den Sport immer so betrieben, dass ich weder mich noch andere betrüge.
Was bewundern Verehrer wohl am Vorbild: Fleiß, Leistung, Erfolg - Geld?
Das kann ich nicht genau sagen. Die gleichen das ja auch ab mit ihren eigenen Erwartungen vom Leben und versuchen, das wiederzufinden, was zu ihren Wertvorstellungen passt. Aus diesen persönlichen Gründen nehmen sie dann einen Spitzensportler zum Vorbild. Andere interessiert Sport überhaupt nicht, die nehmen sich einen Musiker.
Hatten Sie Vorbilder, haben Sie sie vielleicht immer noch?
Ich hatte kein Vorbild, weil ich mich gar nicht so gut in der Sportwelt auskannte. Ich bin ja auf einem kleineren Dorf groß geworden. Auch am Gymnasium gab es für meinen Sport nicht viel Verständnis. Mein Klassenlehrer hat zum Beispiel, wenn ich mich für einen Leichtathletik-Wettkampf am Samstag abmeldete, ins Klassenbuch geschrieben: Harald geht zum Turnen. So weit weg war das, was ich gemacht habe. Ich wusste zwar im Sport einigermaßen Bescheid, was früher die Athleten gelaufen sind über die 400 Meter. Aber ein Vorbild in dem Sinne habe ich nicht gehabt. Irgendwie war ich ein sehr selbständiger Athlet, mündig sagt man heute, das haben mir die Funktionäre ja auch bestätigt, mit denen ich oft genug über Kreuz war.
Ein Vorbild zu sein und es zu wissen, ist das eine Bestärkung des Selbstbewusstseins oder eine Belastung für die Psyche?
Um das zu beantworten, muss man die Menschen, die einen bewundern, in zwei Klassen einteilen: die einen, die mit ihren Äußerungen und ihrem Applaus glaubwürdig sind und einem wirklich ein gutes Gefühl geben; die einem vermitteln, dass man als Sportler gut war und die Rolle sauber erfüllt hat. Da habe ich mich bestärkt und wohl gefühlt als Vorbild. Unwohl war mir bei den Schulterklopfern, die so neben und hinter einem standen, die sich selbst vielleicht wichtig vorkamen. Und die sind sofort weg, wenn man in der Versenkung verschwindet oder aufhört. Die waren mir lästig. Aber die anderen, denen ich vielleicht mit meinem Vorbild etwas geben konnte, die haben mir auch was bedeutet.
Vorbild verpflichtet. Haben Sie mal ein schlechtes Gewissen gehabt, weil Sie sich öffentlich oder insgeheim nicht vorbildlich verhalten haben?
Das ist auch so ein Punkt, über den man diskutieren kann. Warum oder wem gegenüber sollte ich mich verpflichtet fühlen? Ich glaube, man hat schon verloren, wen man sich als Vorbild gegenüber anderen verpflichtet, wenn man meint, die Vorstellungen der anderen erfüllen zu müssen. Man muss sich selbst gegenüber verpflichtet sein. Dann gewinnt man und bleibt Vorbild.
Haben Sie Ihren Weg nie verlassen?
Das habe ich mich schon manches Mal gefragt.
Haben Sie eine Antwort gefunden?
Über den richtigen Umgang mit den Medien, durch die man ja zum Vorbild gemacht wird, habe ich oft nachgedacht. Man kann nicht immer alle Vorbildvorstellungen bedienen. Vor den Europameisterschaften 1986 in Stuttgart war ich unter sehr starkem Erfolgsdruck. Einmal stand der Deutsche Leichtathletik-Verband nicht gut da, und ich hatte vorher schon zweimal den Titel gewonnen und war der große Favorit. Jeder wollte was von mir. Ich habe gedacht, wenn ich jetzt diesen Zirkus mit zig Interviews und Pressekonferenzen mitmache, geht es schief. Also habe ich eine Art Nachrichtensperre verhängt, womit ich mir zunächst ein schlechtes Image eingehandelt habe. Aber ich musste trainieren, ich musste mich konzentrieren, ich musste komplett an mich denken und konnte nur dadurch auch die Erwartung der anderen erfüllen. Das Ergebnis war: Ich habe das Rennen souverän nach Hause gelaufen, bin Europameister geworden, und nachher war ich wieder nett zu denen und die nett zu mir.
Haben Sie nie etwas genommen, das nicht zu den natürlichen Nahrungsmitteln gehörte?
Sie meinen unerlaubte Hilfsmittel? Nein, nie. Ich war fest davon überzeugt, dass ich Sport auch so treiben kann und muss. Ich meine, man hat das ja mitbekommen, was andere Sportler so alles angestellt haben, verboten oder nicht - mir war das ein Rätsel: Warum soll das nicht ohne gehen? Ich habe für mich bewiesen - nicht weil ich ein herausragendes Talent hatte -, dass man Sport sauber und erfolgreich betreiben kann. Ich habe zu keinem Moment irgendwelche Mittelchen ausprobiert. Ich musste ja bei den Doping-Kontrollen auflisten, welche Medikamente ich gerade einnahm. Mein Blatt war immer weiß. Ich war kerngesund. Erst am Ende meiner Laufbahn hatte ich mal eine Mandelentzündung - und auch die habe ich mit Naturheilkunde in den Griff gekriegt. Man muss seinem Körper nur genügend Zeit lassen.
Aber die Hochleistungssportler haben doch keine Zeit zu verlieren ...
Ich habe auch im härtesten Training Regenerationsphasen eingelegt. Ich habe zum Beispiel nie eine Hallensaison bestritten.
Ist Ehrlichkeit ehrlich gefragt?
Das Publikum hat sich nicht geändert seit den Römern mit ihren Brot und Spielen: Es will unterhalten werden. Ob alle Besucher in den Stadien und an den Strecken wirklich interessiert, dass die Sportler clean sind - das bezweifele ich. Aber man darf das Publikum auch nicht unterschätzen. Die Leute möchten natürlich auch Athleten sehen, mit denen sie sich identifizieren können, und da kommt eben dazu, dass man ein entsprechendes Bild abgeben muss: für die einen ein Vorbild, für die anderen nur ein Bild.
Hatten Sie denen, die Brot und Spiele wollten, auch Vorbildliches zu bieten - in puncto Spannung vielleicht?
Zum Beispiel das 400-Meter-Finale 1987 bei der WM in Rom ...
... das Sie gewonnen zu haben schienen ...
... bei dem wir alle drei, Edwin Moses, Danny Harris und ich, der dann Dritter wurde, auf einer Linie lagen. Sie haben mich vorne gesehen, oder?
Ja.
Das ist schön. In jedem Fall war es ein Rennen, das nicht mehr getoppt worden ist.
War Edwin Moses, an dem Sie ja auch bei anderen großen Rennen nie vorbeikamen, der Sie zu lähmen schien - kein Vorbild für Sie?
Der war für mich eine neutrale Figur.
Neutral, wo Sie ihn doch nur ein einziges Mal besiegt haben, am 26. August 1977 in Berlin?
Ja, als Mensch neutral. Ich habe die Stärke von Moses jedenfalls nicht als Belastung empfunden, sondern als besondere Chance, immer nach neuen Strategien zu suchen, um ihn zu schlagen. Wer immer vorn ist, der sucht keine neuen Wege. Was Moses als Sportler angeht, da habe ich natürlich schon versucht, Wege zu finden, schneller zu sein als er. Als ich dann vielleicht schneller war, hat er Wege gefunden, nicht gegen mich anzutreten.
Haben Sie gegen einen sauberen Gegner verloren?
Ich kann's nicht sagen. Darüber habe ich mir auch keine Gedanken gemacht. Die Gegner waren da, ich habe gesagt, ich mache meinen Sport so, und die anderen sollen halt mal so laufen, wie sie denken. Ich hatte damals noch keine Chance, mich mit meinen Vorstellungen von Trainingskontrollen durchzusetzen. Sie kamen, als es für mich zu spät war. Manche haben gesagt: Der ist ja schön blöd. Wenn er sich ein bisschen dopen würde, wäre er vielleicht doch noch schneller als der Moses. Aber das hat mich nicht interessiert.
Gehört zum Erfolg auch der Ehrgeiz, Vorbildern nicht nur nachzueifern und es ihnen gleichzutun, sondern sie zu übertreffen?
Ehrlichkeit kann man nicht übertreffen. Bei der sportlichen Leistung gehört dieser Ehrgeiz aber dazu. Wobei es für manche das Schlimmste ist, wenn sie ihr Ziel erreicht haben und dann nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.
Was passiert, wenn Vorbilder vom Sockel stürzen, so wie Dieter Baumann 1999 oder Jan Ullrich 2006?
Tja. Da gibt's zwei Antworten. Die Person selbst ist natürlich beschädigt, wenn man sagt: Mensch, ich habe doch auf die Ehrlichkeit gezählt. Aber die Werte gehen ja nicht verloren, sie müssen nur bei einer anderen Person gesucht werden. Oder man hat in dieser Person nie diese besonderen Werte des Sports gesehen, sondern nur gesagt: Der hat eine tolle sportliche Leistung gezeigt, und deswegen ist er ein tolles Vorbild. Aber ist er wirklich wertvoll als Vorbild, wenn er nur eine tolle sportliche Leistung bringt? Der Radsport wird es ganz schwer haben, und auch die Leichtathletik hat unter dem Verlust an Vorbildern zu leiden.
Wie macht man Kinder stark? Kann man den Nachwuchs fordern und fördern, ohne ihm ein Vorbild vor die Nase zu halten, dem er wie der Hund einer Wurst hinterherläuft?
Überhaupt nicht, wenn auch nicht wie beim Hund und der Wurst. Kindererziehung läuft über Vorbilder. Kinder orientieren sich mit dem ersten Lebenshauch an ihrer Umwelt, an ihren Eltern. Schon die Kleinen müssen das Vorbild akzeptieren können, es muss ein Bezug entstehen. Sportler und Künstler sind auch gute Vorbilder, aber sie sind oft weit entfernt. Deshalb wirken Vorbilder, die nah sind, die man anfassen, mit denen man reden kann, sehr stark. Das kann der Übungsleiter, der Trainer, der Betreuer von der Fußballmannschaft oder Turngruppe sein.
Aber schwärmen Kinder nicht gerade von den Stars, die weit weg sind, die nur übers Fernsehen zu ihnen kommen?
Ja, das ist klar. Vor allem in der Musik. Aber es gibt auch schon Kinder, die differenzieren können, die sagen: Ich schwärme zwar für die Musik von der oder der, aber nicht dafür, wie sie sich gibt. Ich versuche, Kindern auch vorbildliche Werte zu vermitteln: Sport muss Spaß machen, man muss leistungsbereit sein, man muss lernen, sich im Team zu verständigen, miteinander gut umzugehen, seine Gefühle zu zeigen - auch zu verlieren. Der Sport ist eine kleine Schule fürs Leben.
Bekannte oder berühmte Eltern - können die nicht ein Fluch für die Kinder sein?
Bestimmt, wenn sie ihre Kinder zwingen. Ich habe meinen Kindern nie als Lebensziel aufgegeben, dass sie so gut werden sollen im Sport wie meine Frau, die ja auch Hürdenläuferin war, oder wie ich. Da sind die Kinder ja doppelt belastet. Meine Tochter hat jetzt mit 22 noch Ambitionen entwickelt - über 400 Meter Hürden. Mein Sohn hat auch ein großes Talent, aber so ganz fleißig hat er das eben nicht umgesetzt. Das ist kein Tadel, nur eine Feststellung.
Wenn man hinter seinem Vorbild weit zurückbleibt - kann das entmutigen und vielleicht sogar dazu führen, dass man seine Anstrengungen ganz einstellt?
Da muss man genau unterscheiden. Will da jemand genauso schnell laufen wie das Idol oder so viele Tore schießen? Dann ist das kein Vorbild, sondern ein Anreiz. Vorbild in meinem Sinne ist etwa eine Mannschaft, die sehr fair spielt, auch auf gegnerischem Platz, und die damit auch Erfolg hat. Das ist als Vorbild nicht unerreichbar. Man darf keinem Kind sagen: Du musst mal Torschützenkönig in der Bundesliga werden: Das funktioniert nicht als Vorbild.
Könnte es vorbildlich sein, im Einsatz für die Menschenrechte auf olympische Medaillen zu verzichten und nicht nach Peking zu gehen?
Das ist ganz einfach zu beantworten: Wenn ein Sportler das für sein eigenes Gewissen beschließt, dann soll er das machen. Er muss sich aber bewusst sein, dass er es in diesem Fall wirklich nur für sich macht und kaum eine Wirkung erzielen kann. Dann springt halt der Nächste in die Bresche und wird Olympiasieger. So ist dieses Spiel. Es wird unter den 15 000 Athleten, die hingehen, nur einer weniger sein. Wenn Sportler wirklich was erreichen wollten, müssten sie das geschlossen tun. Das werden sie nicht schaffen. Aber es werden über 20.000 Journalisten kommen, und die chinesische Regierung muss sich im Klaren darüber sein, dass über jeden Missstand berichtet wird. Sie kann nicht allen den Notizblock entziehen, nicht jede Kamera kann man abschalten, nicht jedes Mikrophon kann man wegziehen.
Das Gespräch führte Hans-Joachim Waldbröl.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z. - Wonge Bergmann
