07. Dezember 2008 Gibt es noch einen Eishockey-Fall im deutschen Sport? Immer die gleiche Frage, aber keine konkreten Antworten. Erst haben es Parlamentarier des Sportausschusses im Deutschen Bundestag am vergangenen Mittwoch vergeblich versucht. Am Freitag dann schickte die SPD-Politikerin Dagmar Freitag dem Innenministerium einen Fragen-Katalog zur Affäre um den Eishockey-Profi Florian Busch.
Am Samstag mühten sich Journalisten während und nach der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Warnemünde um offizielle Aussagen zu möglichen weiteren Lücken im deutschen Kampf gegen Doping. Das kann ich aus dem Stand nicht beantworten, erklärte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper quasi stellvertretend.
Schwächen in der schnellsten Sportart und besten Liga
Aber die Experten ahnen es längst. Neben dem Deutschen Eishockey-Bund (DEB), der es über eineinhalb Jahre bis zum vergangenen Sommer versäumte, den Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) in seinen Statuten zu verankern, gibt es noch eine Handvoll Fachverbände mit einer ähnlich laxen Einstellung zu einem Grundproblem des Spitzensports.
Busch, der wegen dieser peinlichen Panne trotz einer zunächst verweigerten Kontrolle nicht bestraft werden durfte (zwei Jahre Sperre), könnte also Gesellschaft bekommen. Denn wie die schnellste Mannschaftssportart der Welt offenbart auch die stärkste Liga im Universum zumindest eine Schwäche im Kampf gegen Doping: der deutsche Handball.
Eine Verankerung in der Satzung ist viel sicherer
Auch die Profis aus dem Land des Weltmeisters? Nein, wir arbeiten doch an der Einfügung des Codes, sagte DHB-Rechtswart Heinz Winden am Sonntag auf Anfrage. Wir schaffen das bis zum 1. Januar. Unter Druck geschieht, was lange nicht funktioniert hat. Denn den seit 2006 gültigen alten Kodex hat der DHB nur über Verweisungen implementiert (Winden). Damit ist der Handball zwar fortschrittlicher gewesen als die Kollegen vom Eishockey.
Gefährlich ist die Konstellation in einer Sportart, in der die prophylaktische Einnahme von (erlaubten) Schmerzmitteln wie Voltaren weit verbreitet ist, aber dennoch: Eine Verankerung in der Satzung ist viel sicherer, sagte Ulrike Spitz, die Sprecherin der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Es könnte sein, dass eine Überprüfung (der Verweismethode) vor ordentlichen Gerichten nicht standhält.
Generaldirektor Vesper: Wer nicht hören will, muss fühlen
Über so viel Umständlichkeit lächeln Verbandsprofis, deren Sportler bislang kaum auffällig geworden sind. Letzte Woche hat das Präsidium die Annahme des neuen Wada-Codes beschlossen, erklärt der Generalsekretär des Deutschen Basketball-Bundes (DBB), Wolfgang Brenscheidt, in Warnemünde. Schon vor einem Jahr hat sich die DBB-Führung in weiser Voraussicht von ihren Mitgliedern eine Verkürzung des Weges genehmigen lassen. Dem Basketball wird man nichts nachsagen können. Alle Spieler der ersten und zweiten Liga sowie die Damen der ersten Liga haben eine Athletenvereinbarung unterschrieben.
Wäre Busch ein Basketball-Profi, würde er jetzt zuschauen, statt munter über das Eis zu ziehen und die halbe Anti-Doping-Welt gegen sich und vor allem seine Hintermänner aufzubringen. Die Wada will gegen den DEB klagen. DOSB-Präsident Thomas Bach sprach in seiner Rede an die Sportnation von einem herben Rückschlag, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mahnte freundlich, aber mit bedrohlichem Unterton zu preußischer Pünktlichkeit, also zur Umsetzung des Kodex zu Neujahr 2009: Das ist kein Spiel ... Das (Versäumnis) kann dann nicht ohne Konsequenzen bleiben. Der Bund müsste den Fluss der Steuergelder an den Delinquenten stoppen. Wer nicht hören will, sagte DOSB-Generaldirektor Vesper, muss fühlen.
Das Ganze ist eine Unverschämtheit
Schmerzen hat der Fall Busch aber vorerst anderen bereitet. Draußen in der Wandelhalle vor dem Sitzungssaal sprachen jene betroffen von der Affäre, die überwunden geglaubte Missstände letztlich ausbaden müssen: Athleten. So präzise wie zuvor ihr Minister Schäuble, so ruhig wie ihr vorsichtiger Präsident Bach. Nur nahmen sie jenen schweren Säbel, von dem der Fecht-Olympiasieger von 1976 an anderer Stelle in seiner Rede gesprochen hatte, tatsächlich in die Hand.
Der Streich führte zu einer rhetorischen Enthauptung: Der Eishockey-Bund hat nicht verstanden, wie der Sport funktioniert. Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Sportler, sagte Athleten-Sprecher Christian Breuer, die Sache ist doch klar, Florian Busch hätte nicht zur WM fahren dürfen und nicht in der Meisterschaft spielen dürfen, dann hätte er auch nicht das entscheidende Tor erzielt. Das Ganze ist eine Unverschämtheit. Der DEB ist keiner von uns.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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