Tour de France

Marco Pantani ist immer dabei

Von Rainer Seele, Hautacam

15. Juli 2008 Er deutete, als er am Sonntag als Sieger der neunten Etappe (siehe: 9. Tour-Etappe: Ricco erster Pyrenäen-Sieger) die Ziellinie überquerte, auf seine Brust. Er tat das mit beiden Händen, und es schien, als wollte er mit dieser Geste auf sein Selbstbewusstsein hinweisen, auf seine Schnelligkeit, auf seine Kraft.

Riccardo Ricco sagte später ja auch, dass er sich selbst beeindruckt habe. Der Gesamtneunte der Tour de France, der auch gestern mit Rang sechs und lediglich 2:17 Minuten Rückstand auf Sieger Leonardo Piepoli seine Chancen auf eine vordere Platzierung bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt wahrte, scheint tatsächlich sehr von sich überzeugt zu sein: ein 24 Jahre alter Radprofi mit dem Habitus eines Champions und mit einer ungewöhnlichen Einstellung. „Man braucht“, sagt er, „keine Freunde, um ein Rennen zu gewinnen.“

Sebastian Lang begegnete einem Phantom

Der eigenwillige Italiener wird „Kobra“ genannt, dieser Beiname hatte auch zu seinem Auftritt in Bagneres-de-Bigorre gepasst, zu seinem verblüffenden Antritt am Aspin, wo er auf dem Weg zu seinem zweiten Etappensieg bei der Tour de France den Deutschen Sebastian Lang kurzerhand links liegenließ. „Er kam und war weg“, beschrieb der Erfurter diesen Moment.

Er schilderte es, als wäre er einem Phantom begegnet. Auftauchen und verschwinden: Das ist Ricco, der Aufsteiger, der Mann, der in diesen Tagen so viel Aufsehen erregt und so viele Spekulationen auslöst.

Abweichung von der Norm ist angemeldet

Kann man Ricco fassen? Das ist eine der wesentlichen Fragen, die seinen Auftritt bei der Tour überlagern. Seit Tagen steht er in der Diskussion wegen eines erhöhten Hämatokritwertes, der ein Indiz für eine Leistungsmanipulation sein könnte. Ricco aber behauptet, dass dies eine natürliche Erscheinung bei ihm sei, von klein auf sogar.

Er hat diese Abweichung von der Norm auch beim Internationalen Radsportverband (UCI) angegeben, sie ist in seinem Gesundheitspass dokumentiert. Er bleibe ruhig, sagt Ricco deswegen, aber der Italiener fühlt sich doch verfolgt: „Man will mein Image beschädigen.“

Schon mal beim Giro auffällig

Aber Ricco, der sich so unschuldig gibt, war ja schon früher ins Gerede gekommen. Der Italiener, Zweiter des Giro d'Italia 2008 hinter dem Spanier Alberto Contador, war beispielsweise beim Giro 2007 aufgefallen. Er wies - wie einige andere Profis - unnatürlich niedrige Testosteronwerte auf, die denen eines Kindes gleichen würden, wie die italienische Zeitung „Corriere dello Sport“ damals schrieb. Die Disziplinarkommission des italienischen Nationalen Olympischen Komitees leitete Ermittlungen ein und forderte Sanktionen. Doch die UCI sah keine Handhabe, zumal medizinische Gutachten nicht eindeutig waren.

Ricco war nach der 17. Etappe des Giro 2007 kontrolliert worden. Grund dafür sollen Ermittlungsergebnisse der Carabinieri von Brescia und Florenz gewesen sein. Die Namen der Fahrer, die damals ins Visier der Fahnder gerieten, waren im Rahmen der Doping-Ermittlungen mit der Bezeichnung „Oil for Drugs“ aufgetaucht. In ihrem Zentrum stand der inzwischen gesperrte Mediziner Carlo Santuccione.

Auch Etappensieger Piepoli ist kein unbeschriebenes Blatt

So begleiten Irritationen die Karriere von Ricco, der - weil der ursprüngliche Kapitän José Ángel Gómez Marchante ausfiel - in der spanischen Mannschaft Saunier Duval die Führungsrolle bei der Tour übernommen hat. Dort arbeitet der junge Italiener mit einem sehr erfahrenen Landsmann zusammen, dem 36 Jahre alten Leonardo Piepoli, der die heutige 10. Etappe der Tour de France gewann (siehe: Tour, 10. Etappe: Gelb wechselt von Luxemburg nach Australien).

Auch Piepoli ist, was Auffälligkeiten anbelangt, kein unbeschriebenes Blatt: Beim Giro 2007 war bei ihm der Wirkstoff Salbutamol festgestellt worden, der bei Asthma benutzt wird. Obwohl Piepoli eine Ausnahmegenehmigung für die Substanz vorlegen konnte, hatte ihn sein Rennstall nach Bekanntwerden des Testresultats vorläufig suspendiert - der Profi hatte zu viel Salbutamol in seinem Körper. Piepoli musste wegen der Zwangspause auf die Tour 2007 verzichten. Der für den Italiener zuständige monegassische Radsportverband sprach ihn jedoch noch 2007 frei.

Pantani ist Riccos Idol

Für Ricco und Piepoli stehen in diesem Jahr also die Zeichen auf Grün - der Jüngere möchte sich nun vor allem an die Tour de France gewöhnen. Erst 2009, sagte Ricco dieser Tage, wolle er das Gesamtklassement ins Auge fassen. Seine Landsleute erinnert der schmächtige, nur 59 Kilogramm schwere Rennfahrer längst an Marco Pantani, der am 14. Februar 2004 vereinsamt in einem Hotelzimmer in Rimini an einer Überdosis Kokain gestorben war.

Tatsächlich ähnelt Ricco in seinem Fahrstil dem „Piraten“, der 1998, im Jahr des Festina-Skandals, die Tour vor Jan Ullrich für sich entschieden hatte. Seine rasante Fahrt am Sonntag war manchem wie eine Kopie der Darbietungen von Pantani vorgekommen. Ricco selbst nennt Pantani sein Idol, angeblich trägt er stets ein Autogramm des einstigen italienischen Stars bei sich.

Ricco hat Pantanis Betreuer übernommen

Der junge Italiener hat sogar etwas von seinem Vorbild übernommen: Er lässt sich von Roberto Pregnolato betreuen, der sich bereits um Pantani gekümmert hatte. Pregnolato war übrigens 2005 in San Remo zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe und einer Geldbuße von 6000 Euro verurteilt worden, nachdem er Fahndern bei einer Doping-Razzia in Zusammenhang mit dem Giro d'Italia ins Netz gegangen war.

So ist Pantani, der offensichtlich am System des Profiradsports zerbrochen ist, dem aufstrebenden und polarisierenden Rennfahrer Ricco in besonderer Weise immer noch ganz nah.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

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