01. April 2008 Das ganze Desaster der Leichtathletik offenbart der Blick auf die ursprünglichen Ergebnislisten der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2001 in der westkanadischen Stadt Edmonton: zeilenweise Namen von inzwischen überführten oder geständigen Doping-Sündern, etwa Montgomery, Chambers, Kenteris, Young, Annus, Boulami, Jones, White, Thanou, Ekpo-Umoh, Gaines, Edwards, Pawlitsch, Maggi.
Und über 5000 Meter der Frauen hieß die Siegerin Olga Jegorowa; die Russin durfte damals trotz eines vorangegangenen positiven Doping-Tests auf Epo in Edmonton starten - weil das Labor in Paris einen Formfehler begangen hatte. Auf der Tribüne protestierte die Britin Paula Radcliffe mit einem Plakat gegen die Russin (Betrüger raus) - ihre kleine Demonstration wurde von Sicherheitskräften unterbunden. So sieht Meinungsfreiheit im Sport aus.
Anzeichen von Ärger oder Enttäuschung
Die bald sieben Jahre alten Daten der damaligen WM sind deshalb noch immer interessant, weil bis heute Medaillen neu verteilt werden (müssen). Mit knapp drei Jahren Verspätung erhielt die deutsche Frauen-Sprintstaffel die Goldmedaille, nachdem die Amerikanerinnen als Folge des Geständnisses von Kelli White disqualifiziert worden waren. Nun hat die selbst umstrittene griechische Sprinterin Ekaterini Thanou nachträglich die Silbermedaille über 100 Meter zuerkannt bekommen, weil die des Dopings überführte Amerikanerin Marion Jones wie einst White aus den Ergebnislisten gestrichen wurde.
Wie umstritten ist Thanou? Vor dem Sprintfinale der Frauen in Edmonton wiesen hochrangige Offizielle des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF) darauf hin, dass die Griechin Ekaterini Thanou lieber auf viel Geld verzichtet, als am Anti-Doping-Programm teilzunehmen. Zwei unangemeldete Trainingskontrollen mit negativem Analyseergebnis musste ein Athlet nachweisen, um von der IAAF die für die besten acht ausgelobte WM-Prämie ausgezahlt zu bekommen.
Ekaterini Thanou, 2000 in Sydney Olympiazweite hinter Marion Jones, hatte schon 1999 ein großes Jahr: Hallen-Weltmeisterin über 60 Meter, später WM-Dritte über 100 Meter. Das Preisgeld für diese Erfolge, 50.000 und 20.000 amerikanische Dollar, ist die IAAF allerdings nie losgeworden - das bestätigte die Griechin in Edmonton. Anzeichen von Ärger oder Enttäuschung zeigte sie dabei nicht. Wer unrechtmäßig um viel Geld gebracht worden wäre, würde erfahrungsgemäß anders reagieren. Die Kontrollnachweise müssen wohl tatsächlich gefehlt haben. Dass Ekaterini Thanou gleich mehrmals ihre Bringschuld nicht erfüllte, machte sie verdächtig. Und die IAAF musste sich fragen lassen, warum sie derart säumigen Athleten nur den finanziellen Bonus vorenthält, ihnen aber das Startrecht gewährt.
Opfer eines Motorradunfalls?
IAAF-Sprecher Nick Davis meinte jetzt zur Vergabe des WM-Silbers an die Griechin, die hinter Überraschungssiegerin Schanna Block (Ukraine) und Jones WM-Dritte geworden war, seinem Verband seien die Hände gebunden gewesen: Rechtlich gesehen hatten wir keine andere Wahl. Es gab keinen Beweis für Doping-Vergehen von Thanou in der fraglichen Zeit.
Thanou war 2004 für zwei Jahre gesperrt worden, weil sie sich unmittelbar vor den Olympischen Spielen in Athen gemeinsam mit Sprinter Kostas Kenteris einer Doping-Kontrolle entzogen hatte. Es war einer der aufsehenerregendsten Fälle in der olympischen Geschichte. Beide waren vor den Spielen ins Visier der Doping-Fahnder geraten und wurden deshalb von der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für Tests ausgewählt. Es bestand der dringende Verdacht, sie hätten sich wiederholt Kontrollen entzogen. Im Olympischen Dorf sollten Proben genommen werden. Dort waren sie aber nicht auffindbar.
Sie sollten zurückgerufen werden und sind dann, so ihre damalige Aussage, auf dem Weg zurück ins Olympische Dorf angeblich Opfer eines Motorradunfalls geworden und ins Krankenhaus gebracht worden. Während sie dort angeblich verletzt behandelt wurden, sammelte das IOC Material, auch zu der Frage der Vorgeschichte. Es kamen abenteuerliche Dinge von Täuschung und Vertuschung zum Vorschein. Nachdem sie dann ihre Olympia-Akkreditierungen zurückgaben, hatte das IOC keine Hoheit mehr über den Fall. Die IAAF sprach später Sanktionen aus. Eine zweijährige Wettkampfsperre wegen der verpassten Doping-Kontrollen endete für Thanou im Dezember 2006. Ein Strafprozess wegen des nach Ansicht der Ankläger vorgetäuschten Unfalls soll im Juni 2008 stattfinden.
Thanou kann niemand ernsthaft als Geschädigte ansehen
Marion Jones, die wegen Falschaussagen über ihre Doping-Praxis derzeit eine sechsmonatige Haftstrafe verbüßt, waren nach ihrem Geständnis rückwirkend alle Erfolge bis ins Jahr 2000 aberkannt worden. Die Amerikanerin hat mittlerweile auch ihre fünf Olympia-Medaillen von Sydney 2000 zurückgegeben. Nach der Entscheidung der IAAF, dass Thanou die Silbermedaille zusteht, muss nun das IOC darüber befinden, ob Thanou nachträglich auch noch das olympische 100-Meter-Gold von Sydney 2000 erhält. Die IOC-Exekutive hatte die Entscheidung über die Neuvergabe im vergangenen Dezember in Lausanne vertagt. In Peking trifft das Gremium in den nächsten Tagen wieder zusammen.
Ekaterini Thanou kann niemand ernsthaft als Geschädigte ansehen. Die Ungerechtigkeiten werden womöglich auch beim IOC weitergehen, und das treibt Athletinnen wie die deutsche Weitspringerin Bianca Kappler in die Verzweiflung. Kappler hatte bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 als Neunte den Endkampf der besten acht (denen nach den ersten drei Versuchen weitere drei zustanden) knapp verpasst, Jones war damals Fünfte geworden.
Das Desaster geht weiter
Der Dreißigjährigen aus dem Saarland entgingen so Fördergelder und Prämien. Mir geht es weniger um Geld, sondern vor allem darum, darauf aufmerksam zu machen, wie sehr saubere Sportler unter Doping zu leiden haben, hat Bianca Kappler bei vielen Auftritten gesagt. Das Gefühl, in einem olympischen Finale nach drei Sprüngen aus dem Stadion mit einer solch tollen Atmosphäre geführt zu werden, im Wissen, dass mindestens eine gedopte Athletin weitermachen darf, die mir also den Platz weggenommen hat, das ist hart. Und niemand und nichts kann mir zurückgeben, was mir damals genommen worden ist.
Im Fall Thanou ging es ja nicht um Gerechtigkeit, sondern um rechtliche Fragen. Deshalb also musste die IAAF das Silber so vergeben, wie sie es getan hat. Das Desaster geht immer weiter.
Text: F.A.Z.
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