Der Stoff, aus dem die Kanonen sind

01. Juli 2008 Die Geschichte eines Unternehmens lässt sich aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln schreiben. Und doch gibt es einen heimlichen Königsweg, der ohne Umwege ins Zentrum unternehmerischer Entscheidungsprozesse führt. Ihm folgt Jürgen Lindenlaub, wenn er die Unternehmensgeschichte der Firma Krupp in ihrer entscheidenden Aufstiegsphase aus der Perspektive ihrer Finanzierung analysiert. Auch der Gegenstand selbst trägt dazu bei, den Leser in Spannung zu versetzen. Die Essener Stahlschmiede hat die frühe deutsche Industrialisierung wesentlich geprägt - und Alfred Krupp ist eine ihrer strahlenden Ikonen. Vieles ist schon geschrieben worden über das Genie des Eisenmannes, Stahl zu dem Stoff zu machen, aus dem Kanonen sind - und weit darüber hinaus zum Leitfossil der alten Industriewirtschaft.

Hartnäckig hält sich das Urteil, Krupp habe die kapitalistische Ratio der Gewinnmaximierung zeit seines Lebens und immer hart am Rande des Abgrundes des unternehmerischen Scheiterns souverän missachtet. Nicht um den Gewinn sei es ihm gegangen, sondern um technische Raffinesse, industrielle Expansion und um Investitionen in die Zukunft. Mochte sich aber jemand, der auf "Ewigkeit" ein leistungsfähiges Unternehmen im Weltmaßstab schaffen wollte, der Objektivität des Gewinnstrebens ganz entziehen? Schließlich besteht die zentrale Funktion einer Unternehmensorganisation darin, den "Stoffwechsel des Menschen mit der Natur" (Karl Marx) so zu bewältigen, dass sich langfristig ein positiver Zahlungssaldo einstellt und auch kurzfristig die Liquidität gesichert ist. Lief also Krupp ein zu hohes Risiko, als er sich dem Modetrend verweigerte, sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, der der Kapitalmarkt offenstand? Tatsächlich blieb die Essener Gussstahlfabrik Personengesellschaft, ab 1861 sogar Einzelunternehmen, während direkte Konkurrenten wie der Bochumer Verein, der Hoerder Verein oder der Phoenix sich als Kapitalgesellschaften etablierten.

Um es vorwegzunehmen: Keines dieser (Vor-)Urteile lässt sich im Lichte der Krupp'schen Bücher erhärten. Krupp war nicht nur ein herausragender Erfinder, Organisator und Planer, sondern auch ein guter Finanzier. Das Unternehmen schnitt im Vermögensvergleich mit den Wettbewerbern vier- bis neunmal besser ab und realisierte die höchste Investitionsquote (30 von hundert). Im Untersuchungszeitraum resultierte der Kapitalbedarf des Unternehmens von insgesamt 171 Millionen Mark zu 81 Prozent aus Investitionen in Anlagen, zu 16 Prozent aus Vorratsbildung und der Bedienung von Forderungen und zu 3 Prozent aus der Notwendigkeit, liquide zu bleiben. Es deckte diesen Bedarf - wie die Konkurrenz - zu rund 80 Prozent aus eigenen Mitteln, die allerdings vollständig innenfinanziert waren, das heißt aus dem cash flow stammten. Damit war praktisch das gesamte langfristig gebundene Kapital durch Eigenmittel gedeckt. Fremdes Geld wurde nur zur Zwischenfinanzierung gebraucht. Dies war möglich, weil die Essener den anderen Unternehmen an Ertragskraft weit überlegen waren und sich der Eigentümer mit sehr geringen Entnahmen zufriedengab.

Selbst die Baukosten der Villa Hügel, der herrschaftlichen Residenz der Krupps in Essen-Bredeney, wurden zunächst aus den Privatentnahmen bestritten. Erst 1867 trug man der Tatsache Rechnung, dass das "Landgut" eine wichtige Rolle bei der Geschäftsanbahnung mit prominenten Kunden spielte. Aber auch danach blieb noch immer gut ein Drittel im Privatvermögen. Bei den Kapitalgesellschaften schlugen die Entnahmen mehr als doppelt so hoch zu Buche, und ihre cash flow-Rendite lag bis zur Hälfte unter der Krupp'schen. Offenbar zahlte sich das hohe Maß an Selbständigkeit für Krupp aus und kompensierte reichlich die Nachteile, die einer Personengesellschaft eigen waren. Dies gilt bis 1874 auch für die Unabhängigkeit von Banken.

Der Primat der unternehmerischen Freiheit und die Sorglosigkeit, die Alfred Krupp in Finanzierungsfragen an den Tag legte, hatten vor allem einen Grund. Er verließ sich völlig auf das "Treuebündnis auf Gegenseitigkeit", das dem Staat keine Wahl lassen würde, als ihm im Ernstfall beizuspringen. Erst die Finanzkrise von 1873/74 überzeugte ihn vom Gegenteil: "Der Staat kennt keine Dankbarkeit." Als die Kapitalrendite, die in den 1850er Jahren (unabhängig vom Rüstungsgeschäft) noch bei 25 Prozent gelegen hatte, auf 2 Prozent sank, intervenierte zwar der Kaiser, konnte aber auch nicht verhindern, dass die Banken bei Krupp die Kontrolle übernahmen. Erst 1886 - ein Jahr vor Alfred Krupps Tod - waren in Essen der Vorkrisenstand und die unternehmerische Handlungsfreiheit wiederhergestellt. Das Unternehmen konnte seine Erfolgsgeschichte fortschreiben.

Lindenlaub scheut sich nicht, das Beispiel Krupp auf die Gegenwart zu projizieren und die Chancen einer innenfinanzierten Expansion für mittelständische Unternehmen abzuwägen. Tatsächlich wäre sie gerade für Hersteller nachindustrieller, maßgeschneiderter Qualitätsprodukte eine sinnvolle Alternative. Abhängigkeit von der allzu kurzen Taktung des Kapitalmarktes ist für viele von ihnen keine zweckmäßige Option. Die Studie zeigt aber auch die strengen Voraussetzungen, die für Personengesellschaften gelten müssen: unbedingter Wille zur Selbständigkeit, hohe innovative Leistungen, Enthaltsamkeit bei der Gewinnentnahme und ein funktionierendes Bankensystem zur Ergänzungsfinanzierung. Daran hat sich seit dem 19. Jahrhundert nichts geändert.

WERNER ABELSHAUSER

Jürgen Lindenlaub: Die Finanzierung des Aufstiegs von Krupp. Die Personengesellschaft Krupp im Vergleich mit den Kapitalgesellschaften Bochumer Verein, Hoerder Verein und Phoenix 1850 bis 1880. Klartext Verlag, Essen 2007. 690 S., 89,- [Euro].



Buchtitel: Die Finanzierung des Aufstiegs von Krupp
Buchautor: Lindenlaub, Jürgen

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2008, Nr. 151 / Seite 8

 
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