Olympisches Menetekel

26. April 2008 Als Monique Berlioux an ihrer Geschichte der Winterolympiade von 1936 schrieb, konnte die bedeutende französische Sportlerin, Journalistin und langjährige Direktorin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nicht ahnen, wie brennend aktuell das Thema mittlerweile ist. Ein Buch vereint vieles: erschöpfende Chronik der Wettkämpfe in Garmisch-Partenkirchen, Abriss der Entwicklung des IOC bis Mitte der siebziger Jahre, Porträtgalerie seiner Präsidenten von Pierre de Coubertin bis zu Avery Brundage und Register der olympischen Sündenfälle, die die Missachtung der Fairness genauso betreffen wie die Indienstnahme des Sports zu Propagandazwecken. Gerade dieser Teil des monumentalen zweibändigen Werkes liest sich wie eine Warnschrift vor dem Dauerirrtum der Berufsolympier, ihre dem Frieden und der Völkerverständigung dienenden Spiele ließen sich auf neutralem, sprich politikfreiem Raum durchführen.

Eine Insel der Seligen, auf der nur der olympische Geist herrscht, hat es nie gegeben und wird es nie geben: weder im alten Griechenland noch 1936 in Garmisch-Partenkirchen und Berlin, noch dieses Jahr in Peking. Als Wunschbild existiert dieses Eiland des Fairen und Schönen nur in der Phantasie der IOC-Mitglieder, die damit häufig an der politischen Wirklichkeit scheitern. Die Nachfolger Coubertins ficht das Scheitern freilich nicht an. Sie nehmen das bisweilen hässliche politische Umfeld der Spiele, in dem Menschenrechte verletzt werden, einfach nicht wahr.

Monique Berlioux zitiert die Standardantwort der Vertreter des IOC 1936 in Garmisch auf besorgte Journalisten-Fragen: "Das Gastgeberland und die beiden olympischen Städte achten unsere Charta und unsere Regeln sowohl im olympischen Bezirk als auch bei der Durchführung der Spiele. Aus unserer Sicht gibt es an den olympischen Stätten weder Rassismus noch Verfolgung. Der Rest betrifft uns nicht." Die Vogel-Strauß-Politik im Zeichen der olympischen Ringe hatte Gründe. Die Führungsriege des IOC war beeindruckt vom "Führer" und Reichskanzler.

Wie Hitler in kürzester Zeit in Deutschland Ruhe und Ordnung wiederherstellte, wie er den Sport zur Disziplinierung der Jugend benutzte, wie er ihn zum Körperkult und zur Schule der Tapferkeit überhöhte, gefiel dem Präsidenten des IOC, dem belgischen Grafen Henri de Baillet-Latour. Auch seine engeren Mitstreiter im IOC, der Schwede Sigfrid Edström, der Brite Lord Burghley, der Amerikaner Avery Brundage und der Franzose Michel de Polignac waren angetan von der auf breiter Basis betriebenen nationalsozialistischen Leibesertüchtigung. Dass diese hauptsächlich zur Formierung von Kanonenfutter für Hitlers großen Krieg gedacht war, kam dem Club der Herrenreiter aus Hoch- und Finanzadel nicht in den Sinn.

Jeder dieser olympischen "Schöngeister" teilte freilich noch mindestens eine Leidenschaft mit dem deutschen Diktator. Edström und Brundage mochten keine Juden. Burghley war ein großer Bewunderer deutschen Wesens. Polignac begrüßte in Hitler den kompromisslosen Kämpfer gegen den Kommunismus und im "Dritten Reich" ein Bollwerk gegen die rote Gefahr. Der belgische IOC-Präsident Graf Baillet-Latour schließlich bündelte all diese Eigenschaften in einer glühenden "Führer"-Verehrung. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der exklusive Hitler-Fanclub trotz massiver Widerstände in den Vereinigten Staaten die Abhaltung der Spiele in Deutschland durchsetzte und die vor und während der Wettkämpfe andauernden massiven Menschenrechtsverletzungen außerhalb der Spielstätten einfach ignorierte.

Zur Erinnerung: Zwischen Hitlers "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 und der Eröffnung der Winterolympiade am 6. Februar 1936 war Ungeheuerliches geschehen. Ein erster Judenboykott hatte stattgefunden, die Demokratie war abgeschafft, Rivalen Hitlers und Gegner des nationalsozialistischen Regimes waren ermordet oder in Konzentrationslager gesteckt und die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet worden. Hohn und Spott auf den olympischen Geist und seine Ideale. Seine Bannerträger fühlten sich gleichwohl nicht herausgefordert. Sowohl ihre Sympathien für den "Führer" als auch das perfekt organisierte und pompös inszenierte Sportspektakel in den bayerischen Bergen machte sie blind für den deutschen Diktaturalltag. Und sie blieben dieser selektiven Wahrnehmung treu.

Als die für 1940 im japanischen Sapporo geplante Winterolympiade wegen Japans China-Invasion abgesagt werden musste und Sankt Moritz infolge eines technischen Problems als Alternativstandort ausfiel, wollte IOC-Präsident Baillet-Latour die Spiele erneut nach Garmisch-Partenkirchen vergeben. Hitler machte ihm im September 1939 mit dem Überfall auf Polen einen Strich durch die Rechnung, honorierte aber gleichwohl die Anhänglichkeit des belgischen Grafen an das nationalsozialistische Deutschland durch einen enormen Trauerkranz, den eine deutsche Delegation beim Begräbnis, am 9. Januar 1942, im Auftrag des "Führers" überbrachte.

Monique Berlioux hat zwölf Jahre an ihrem Mammutwerk gearbeitet, das in Vor- und Rückblicken weit über das Jahr 1936 hinaus weist und eine unerschöpfliche Fundgrube für die Wege und Irrwege der olympischen Bewegung wie ihrer Matadore bietet. Da die Autorin viele der Olympier noch persönlich kannte, ist ihr Buch auch ein Zeitzeugenbericht aus der geheimnisumwitterten IOC-Zentrale in Lausanne, der sich teilweise spannend wie ein Kriminalroman liest. Dies alles legt es nahe, "Des Jeux et des Crimes 1936" eine deutsche Übersetzung zu wünschen, die an Substanz gewänne, wenn sie einige Schwächen der französischen Ausgabe vermiede. Die Detailverliebtheit der viel wissenden und elegant schreibenden Autorin verführt sie immer wieder zu weitschweifigen Exkursen und Wiederholungen, die entbehrlich sind. Unentbehrlich hingegen wäre die richtige Schreibung deutscher Namen und Zitate, die leider oft nicht gelingt. Auch wird nicht jeder Leser Berliouxs kühner These folgen können, Hitler hätte den Zweiten Weltkrieg bleiben lassen, wenn die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich den Spielen in Garmisch-Partenkirchen und Berlin ferngeblieben wären. Diese vergleichsweise kleinen Nachteile wiegen gering gegenüber den gewichtigen Vorzügen des Buches, zu denen auch gehört, dass es als historischer Kommentar zur aktuellen Diskussion um das Für und Wider eines Boykotts der Pekinger Spiele gelesen werden kann.

PETER HÖLZLE

Monique Berlioux: Des Jeux et des Crimes 1936. Le piège blanc olympique. Zwei Bände. Atlantica Verlag, Biarritz 2007. 844 S., 55,- [Euro].



Buchtitel: Des Jeux et des Crimes 1936
Buchautor: Berlioux, Monique

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2008, Nr. 98 / Seite 9

 
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