Aufnahmeland Türkei

26. April 2008 Nach dem Untergang des Osmanischen Reiches und der Ausrufung der Republik 1923 war für Präsident Mustafa Kemal, besser bekannt unter seinem späteren Namen Kemal Atatürk, die Modernisierung der Türkei vordringlich. Dazu gehörte die Schaffung eines an westlichen Vorbildern ausgerichteten Hochschulwesens, das mit Hilfe ausländischer Wissenschaftler - darunter Ökonomen, Agrarwissenschaftler, Juristen, Mediziner, aber auch Architekten und Archäologen aus Deutschland - vorangetrieben wurde. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die Türkei nach 1933 zum Aufnahmeland für politisch und rassisch Verfolgte, die in Deutschland keine Arbeitsmöglichkeiten mehr hatten und darüber hinaus im Zustand zunehmender gesellschaftlicher Ausgrenzung lebten. Zum Kreis der deutschen Wissenschaftler gehörten aber auch regimetreue Akademiker, die offiziell von ihrer Tätigkeit in Deutschland beurlaubt waren und unter der Aufsicht des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung standen. In dessen Auftrag verfasste der Oberregierungsrat Herbert Scurla 1939 einen Bericht, der sowohl den national und ideologisch zuverlässigen "Ariern" gewidmet war als auch der "Emigrantenclique". Der Band enthält diesen Bericht, aber auch einen Kommentar des Wirtschaftswissenschaftlers Fritz Neumark, der als Jude 1933 von seiner Professur in Frankfurt/Main vertrieben wurde und in Istanbul lehrte, eine Dokumentation zu 96 Emigranten, Bildmaterial und eine kurze Ausführung von Edzard Reuter, dessen Vater Ernst Reuter in der Türkei Zuflucht fand, sowie ein Vorwort von Bundesaußenminister Steinmeier, der 2006 zusammen mit seinem türkischen Amtskollegen die "Ernst-Reuter-Initiative zum interkulturellen Dialog" ins Leben gerufen hat. (Faruk Sen/Dirk Halm [Herausgeber]: Exil unter Halbmond und Stern. Herbert Scurlas Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. Klartext Verlag, Essen 2007. 230 S., 17,90 [Euro].)

GOTTFRIED NIEDHART



Buchtitel: Exil unter Halbmond und Stern
Buchautor: Sen, Faruk

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2008, Nr. 98 / Seite 9

 
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