19. Dezember 2009

Geheimnisträgerin

Julia (Codename), 24, hat ein offenes Ohr für Kommilitonen

Von Nadja Kirsten



Julia (Codename) telefoniert für "Nightline", das Freiburger Zuhörertelefon von Studenten für Studenten.
30. Januar 2006 
Wieso bist du heute morgen schon wieder so müde? Das bekommt Julia öfter zu hören. Sie sagt dann irgendwas, niemals aber die Wahrheit: daß sie gestern mal wieder bis 2 Uhr nachts am Telefon saß, im Gespräch mit Anrufern, die ihr von ihren Sorgen berichteten. Julia arbeitet bei der „Nightline“, einem Zuhörtelefon von Studenten für Studenten in Freiburg.

Wer sich einsam oder unglücklich fühlt, mit Prüfungsängsten kämpft, sich den letzten WG-Streß zu Herzen nimmt oder einfach nur Probleme mit dem Einschlafen hat, kann anrufen. Von unbekannt zu unbekannt - Anonymität wird bei der Nightline großgeschrieben. Auch die Nightliner bleiben im verborgenen; sonst könnte es passieren, daß der Anrufer seinen Ansprechpartner zufällig kennt, die Unbefangenheit wäre dahin. Am Telefon hört Julia zu, faßt zusammen, stellt Fragen. „Direkte Ratschläge versuchen wir zu vermeiden“, erklärt sie eines der Nightline-Prinzipien. Sie will dem Anrufer helfen, selber einer für ihn passenden Lösung näherzukommen. Was nach dem Gespräch passiert, ob ihre Unterstützung geholfen hat - das erfährt die Medizinstudentin nicht. „Diese Ungewißheit gehört dazu, das muß man aushalten“, sagt sie.
Unter Freiburger Studenten ist die Nummer gegen Kummer mittlerweile ziemlich bekannt - nicht zuletzt, weil die Nightliner eine effektive Werbefläche für ihre Aufkleber gefunden haben: die Uni-Klos. „Dort kann man die Nummer unbeobachtet notieren“, erklärt Julia die Vorzüge dieser Plazierung. Sie und ihre Mitstreiter hoffen nun, neben Anrufern auch neue Mitarbeiter zu gewinnen. „Dann könnten wir das Telefon jeden Tag besetzt halten und nicht wie bisher nur dreimal die Woche“, sagt sie.
„Schließlich richtet sich ein Stimmungstief nicht danach, ob wir gerade Sprechtag haben.“.

www.nightline-freiburg.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 82, 2006
Bildmaterial: privat