21. Dezember 2009

Gehaltsanalyse

Der Markt macht den Preis

Von Tobias Wiethoff




21. März 2005 
Vor dem Gehaltsgespräch steht die Recherche. Nur wer weiß, was in vergleichbaren Positionen gezahlt wird, hat eine Vorstellung davon, was er für seine Arbeit verlangen kann. Diese Zahlen zu ermitteln ist gar nicht so schwer.

Die Experten für psychische Hygiene sind sich einig: Wer im Frieden mit sich und der Welt leben möchte, sollte nicht zu sehr darauf schielen, was andere haben. Im Berufsleben kommt man mit dieser Maxime freilich nicht weit. Gehälter werden nicht im luftleeren Raum gebildet, sondern nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Sie folgen einer bestimmten Arithmetik, in der neben der jeweiligen Position und Branche auch andere Faktoren wie Berufserfahrung oder Standort des Unternehmens eine Rolle spielen. Zwar sollte man im Gehaltsgespräch tunlichst vermeiden, auf die Namen vermeintlich besser gestellter Kollegen zu verweisen. Die Kenntnis branchenüblicher Durchschnittsgehälter ist aber zumindest für den Hinterkopf eine wesentliche Voraussetzung, um den Spielraum des Verhandlungsgegners einschätzen zu können. Außerdem schafft sie Waffengleichheit, denn von einem kann man ausgehen: Der andere kennt die Zahlen auch. Doch wie kommt man in ihren Besitz? Über Geld wird in Deutschland nicht gern gesprochen. Selbst wenn man Kollegen und ehemaligen Kommilitonen als unmittelbaren Vergleichsobjekten ein Bekenntnis entlockt hat, bleibt eine Frage offen: „Man weiß nie, ob die Angaben auch der Wahrheit entsprechen", sagt Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie in Berlin. Beide Tendenzen sind möglich: Untertreibung wie Übertreibung. „Das hängt davon ab, wovor sich der Betreffende mehr fürchtet: vor Neid oder vor der Blamage", so Hesse.

Für viele ist die Recherche bereits nach einigen Gesprächen dieser Art beendet. Gehaltsvergleiche sind schließlich nicht nur für die anderen unangenehm, sondern auch für einen selbst. Am Geld, mit dem die Unternehmen die Leistung ihrer Mitarbeiter aufwiegen, mißt sich das eigene Selbstwertgefühl. Ein Rest von Unsicherheit dient auch zum Selbstschutz. „Viele benutzen die vermeintliche Schwierigkeit der Recherche als Entschuldigung vor sich selbst. Sie konstruieren eine Art Blockade und lassen den Wunsch nach einer Gehaltserhöhung auf sich beruhen", weiß Karriereexperte Hesse. „In Wirklichkeit ist es natürlich gar nicht so schwer, an die Zahlen zu kommen."

„Viele benutzen die vermeintliche Schwierigkeit der Recherche als Entschuldigung vor sich selbst.“

Eine Einrichtung, die den ganzen Tag über nichts anderes tut als Zahlen zu sammeln und zu publizieren, ist das Statistische Bundesamt. Wer in Wiesbaden anruft, stellt mit Erstaunen fest, daß sich die Behörde auch dem Dienstleistungsgedanken nicht verschließt. Bereitwillig betätigen sich die Mitarbeiter als Pfadfinder durch das umfangreiche Internetangebot oder übersenden kostenlos Tabellen mit Auszügen aus der Statistik. Letzteres ist schon deshalb hilfreich, weil die Datensammlungen im Internet nicht selten den Umfang von mehreren hundert Seiten einnehmen. Einen Nachteil haben die Recherchen bei dieser Adresse aber in jedem Fall: Die Zahlen der Behörde sind oft schon etwas angestaubt und differenzieren nicht nach Position oder Berufserfahrung.

Zwar stellt das Statistische Bundesamt auch online die gesammelten Tarifverträge wichtiger Wirtschaftszweige zur Verfügung. Aber zumindest dieser Weg läßt sich unaufwendig abkürzen: „Wer Tarifgehälter erfragen will, sollte beim jeweiligen Fachverband anrufen", rät Karriereberater Hesse. „Gewerkschaften geben ebenfalls Auskunft, selbst wenn man nicht Mitglied ist." Für alle, die bereits in Lohn und Brot stehen, bietet sich auch der Betriebsrat als Anlaufstelle an. Mit seiner Hilfe läßt sich herausfinden, wo man im Gehaltsgefüge eines Unternehmens angesiedelt ist.

Zu den differenziertesten Übersichten über das Gehaltsniveau unterschiedlicher Branchen gehören die Vergütungsstudien, die die Unternehmensberatung Kienbaum regelmäßig veröffentlicht. Sie richten sich aber vor allem an die Geschäftsführer und Personalabteilungen der Unternehmen und sind für Berufseinsteiger kaum erschwinglich: „Die Preise fangen bei etwa 350 Euro an und reichen bis in vierstellige Größenordnungen", sagt Christian Näser von Kienbaum. Teilergebnisse werden aber oft in der Wirtschaftspresse veröffentlicht, auf die man schon aus diesem Grund ein wachsames Auge haben sollte.

Kostenlose Recherchemöglichkeiten bietet das Internet in großer Zahl. Viele der dort angebotenen Gehaltschecks verfügen aber über eine schwache Datenbasis und die etwas undifferenzierte Intelligenz, wie sie automatischen Programmen eigen ist. Nicht ganz kostenlos, dafür aber fundiert ist hingegen die Gehaltsanalyse der Hamburger Karriere- und Vergütungsberatung Personalmarkt. Die Preise beginnen bei 17,50 Euro für Berufseinsteiger. Die Analyse basiert auf der mit 250.000 Profilen umfangreichsten Gehaltsdatenbank Deutschlands. „Die Referenzgruppen werden bei uns nicht maschinell, sondern individuell von einem Berater ermittelt", sagt Geschäftsführer Tim Böger. Aus der etwa zwölfseitigen Analyse geht nicht nur hervor, welche Gehälter in der jeweiligen Referenzgruppe gezahlt werden. Kunden erfahren zum Beispiel auch, wie viele Urlaubstage anderen in vergleichbarer Position zustehen und zu welchem Prozentsatz zum Beispiel ein Dienstwagen das Gehaltsniveau aufbessert.

Wer die Zahlen und Tabellen betrachtet, erkennt freilich auch, daß die Gehaltsbildung mit Gerechtigkeit nicht viel zu tun hat. So bekommt man etwa für die gleiche Tätigkeit in Lübeck um bis zu 30 Prozent weniger als in Karlsruhe. Auch Frauen sind nach wie vor benachteiligt: Eine 35- bis 40jährige Ingenieurin in der Projektentwicklung verdient rund 43.400 Euro im Jahr, während ihr männlicher Kollege auf 51.100 Euro kommt. Wer sich über diese Grundtatsachen hinwegsetzen will, muß im Gehaltsgespräch schon besonderes Geschick beweisen.

Weitere Informationen unter:

Statistisches Bundesamt: Tel.: 06 11/7 51-0 http://www.destatis.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 77, 2005
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor