15. Oktober 2009 Nur die Katzen sind noch da. Aber vielen droht der Hungertod, weil die Werftarbeiter, die sie jahrelang durchgefüttert haben, nicht mehr kommen. Man suche derzeit gemeinsam mit Tierschutzorganisationen nach einer Lösung für die herrenlosen Tiere, versichert Boguslaw Adamski, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stettiner Schiffswerften. Der Mann hat keinen einfachen Job: Er verwaltet den Niedergang des industriellen Herzstücks einer ganzen Region. Zudem gilt die Werft neben Danzig als Keimzelle der Solidarnosc-Bewegung, die in den achtziger Jahren den Fall des Eisernen Vorhangs einleitete. Heute erinnern nur noch ein paar schlappe Fahnen vor den geschlossenen Werkstoren an die Ereignisse von damals. In den neunziger Jahren arbeiteten noch bis zu 12.000 Menschen auf dem riesigen Areal in Polens nordwestlichster Ecke, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Mehr als 100.000 Tonnen Rohstahl jährlich wurden auf Europas einstmals größter Werft zu Spitzenzeiten verbaut. Mittlerweile sind auch die letzten 4000 Werftarbeiter mit Abfindungen von bis zu 60.000 Zloty (rund 15.000 Euro) nach Hause gegangen.
Im Mai verließ das bislang letzte neue Containerschiff das Stettiner Haff in Richtung Ostsee. Und vieles spricht derzeit dafür, dass der Taufe des 184 Meter langen Stahlkolosses keine weiteren mehr folgen werden. Die letzten Hoffnungen schwanden, als sich im August ein Investor aus Qatar zurückzog. Lieber schrieb man die schon gezahlte Tranche in Höhe von 8 Millionen Euro ab, als den Gesamtpreis von 90 Millionen Euro zu überweisen. Nun ragen die gigantischen Kräne wie mahnende Zeigefinger in den Himmel, als wollten sie an die Fehler der Vergangenheit erinnern.
Witold Jablonski glaubt zu wissen, was falsch gelaufen ist. Als Vizemarschall ist er der zweithöchste Verwaltungsbeamte der Region Westpommern mit ihrer Hauptstadt Stettin. In der postsozialistischen Umbruchphase während der neunziger Jahre wurden die Werften direkt vom Staat unterstützt. Jedes gebaute Schiff war hoch subventioniert, sagt Jablonski. Nur so konnten sich die polnischen Produkte am Weltmarkt gegen die Konkurrenz aus Korea und China behaupten.
Außerhalb der Werft gibt es keine Arbeitsplätze für sie
Die Beihilfen riefen nach dem Beitritt zur Europäischen Union jedoch die Brüsseler Wettbewerbshüter auf den Plan, die zwar nach langem Verhandeln auf eine Rückzahlung verzichteten, von der Regierung in Warschau aber die Privatisierung der Werften forderten. Nach dem Rückzug der Hoffnungsträger aus Qatar sucht die Regierung von Premierminister Donald Tusk weiter nach privaten Geldgebern. Von Interesse aus Dänemark oder Vietnam ist die Rede.
Mieczyslaw Jurek, Präsident der Gewerkschaft Solidarnosc in Westpommern, wirft der Regierung schwere Fehler bei der Privatisierung der Werften vor. Mögliche Unregelmäßigkeiten haben mittlerweile sogar zu einem medienwirksam ausgetragenen Streit zwischen Tusk und der nationalkonservativen PIS-Partei von Präsident Lech Kaczynski geführt. Ausbaden mussten es nach Jureks Ansicht vor allem die ehemaligen Werftarbeiter, von denen noch immer rund 80 Prozent arbeitslos seien: Sie warten darauf, dass die Werft wieder geöffnet wird, weil es sonst keine Arbeitsplätze für sie gibt.
Irritationen in Diplomatenkreisen
Auch Verwaltungsmann Jablonski hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, obwohl er weiß, dass es keine Rückkehr zu alter Größe geben wird: Selbst wenn wir einen Investor finden, heißt das noch nicht, dass hier wieder Schiffe gebaut werden. Vielleicht könne man auf einem Teil des Geländes Nischenprodukte wie Sportboote herstellen. Den Gewerkschaftsforderungen nach einer staatlichen Beteiligungsgesellschaft wolle man jedenfalls nicht nachgeben, denn die besten Leute seien sowieso schon in Norwegen oder anderswo.
Dass wenige Kilometer westlich in den ebenfalls kriselnden Wadan-Werften von Wismar und Rostock-Warnemünde einige Dockarbeiter wieder Hoffnung schöpfen können, weil der neue russische Besitzer weitere Schiffe dank einer Bürgschaft der Bundesregierung über fast 200 Millionen Euro bauen lassen kann, sorgt in polnischen Diplomatenkreisen allerdings für Irritationen. Ganz zu schweigen von den Milliarden-Hilfen für den Autobauer Opel, der allerdings auch ein Werk in der schlesischen Stadt Gleiwitz besitzt, weshalb die offiziellen Stellen dazu schweigen.
Für polnische Verhöltnisse eine vorzügliche Infrastruktur
Während in Deutschland die Befürworter eines starken Staates und einer gezielten Industriepolitik so viel Gehör finden wie schon lange nicht mehr, sucht die junge polnische Marktwirtschaft im Strukturwandel ihre Chance. Die Menschen in der Region müssen sich den neuen Wirklichkeiten anpassen, sagt Jablonski und wirbt vor einer Gruppe deutscher Journalisten energisch für ausländische Investitionen in seiner Region. Die zentrale Lage in Europa, die für polnische Verhältnisse vorzügliche Infrastruktur, gut ausgebildetes Personal sowie hohe steuerliche Anreize machten Gewerbeansiedlungen gerade für kleine und mittelgroße Unternehmen rund um Stettin interessant. Kommt ins Investorenparadies, lautet die Botschaft.
Der Mann trommelt nicht ohne Grund so laut: Das Wachstum in den ost- und mitteleuropäischen Transformationsländern der vergangenen Jahre war vor allem von ausländischem Kapital getrieben. Doch die Finanzkrise hat tiefe Spuren hinterlassen. Auf absehbare Zeit werden wir das Niveau der vergangenen Jahre nicht mehr erreichen, erwartet Thomas Mirow, Präsident der Osteuropabank.
Weder Ungarn noch die Ukraine
Die Investoren seien vorsichtiger geworden mit Engagements in der gesamten Region. Darunter leide vor allem Polen, sagt Slawomir Majman von der staatlichen Agentur Invest in Poland. Obwohl Polen als eines der wenigen europäischen Länder in diesem Jahr mit einem leichten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts rechnen kann, werde man für die Probleme der Nachbarn in Mithaftung genommen. Ich muss den Leuten klarmachen, dass wir weder Ungarn noch die Ukraine sind. Majman schätzt, dass die ausländischen Direktinvestitionen von 13 Milliarden Euro im Vorjahr auf etwa 9 Milliarden Euro sinken werden.
Auch in Westpommern ist die Zurückhaltung zu spüren. In Stargard, südöstlich von Stettin gelegen, hat der japanische Reifenhersteller Bridgestone gerade für viele Millionen Euro ein neues Werk auf die grüne Wiese gesetzt, in dem 300 Mitarbeiter vor allem Lkw-Reifen produzieren sollen. Geplant waren jedoch weitere Ausbaustufen und eine Aufstockung der Belegschaft auf 700 Personen. Doch die, so wird gemutmaßt, werden wohl vorerst auf Eis gelegt wegen der geringen Nachfrage nach Lastkraftwagen.
Zuversicht in Gollnow
Im benachbarten Gollnow ist man da zuversichtlicher. Hier lässt das deutsche Familienunternehmen Vosschemie seit April in einem neuen Werk Klarlacke und Flüssigglas für die Automobilindustrie fertigen. Dafür sind am Stammsitz in Uetersen bei Hamburg keine Arbeitsplätze verlorengegangen, betont Geschäftsführer Hans-Joachim Rohde. Es habe sich bei der Investition von 8 Millionen Euro nicht um Produktionsverlagerungen im Sinne der klassischen Werkbank-Theorie gehandelt, sondern um das Erschließen neuer Kapazitäten und osteuropäischer Märkte.
Für den polnischen Standort sprachen unter anderen die günstigen steuerlichen Bedingungen. Der Industriepark liegt in einer von 14 Sonderwirtschaftszonen im Land, die bis zum Jahr 2017 mit Abschlägen bei der Körperschaftsteuer von bis zu 50 Prozent werben. Außerdem betragen die Lohnkosten für die 50 Fachkräfte durchschnittlich rund 800 Euro im Monat, sagt Rohde. In Deutschland zahlen wir das Vierfache. Der Bürgermeister von Gollnow - ein kleiner, energisch wirkender Mann, der den Posten schon unter den Sozialisten innehatte - gibt zufrieden lächelnd noch den Hinweis, dass die Arbeitslosenquote hier mit 6 Prozent nur die Hälfte des Landesdurchschnitts beträgt.
Der Abstand zum deutschen Lohnniveau sinkt
Während im Umland die geförderten Industrieparks wie Pilze aus dem Boden schießen, siedeln sich in Stettin zunehmend auch Dienstleistungsunternehmen an. Der amerikanische Call-Center-Betreiber Stream Global Services beschäftigt mehr als 200 Mitarbeiter, die vor allem deutschen Kunden am Telefon erklären, warum ihr neuer Computer oder die Digitalkamera nicht funktionieren.
In den vergangenen Jahren habe sich der Kostenvorteil stetig verringert, sagt Manager Enrico Kautz. Seit 2005 sind die Gehälter um 20 Prozent gestiegen. Noch liege man zwar rund ein Drittel unter dem deutschen Lohnniveau. Der Abstand schmelze aber, und man müsse schon über den Tellerrand hinausschauen. So schwebt Kautz etwa die Erweiterung auf russische Sprachdienste vor. Mit dem steigenden Lohnniveau werden die polnischen Arbeitsplätze wiederum für deutsche Arbeitnehmer zunehmend interessant. In ein paar Jahren pendelten die Ostdeutschen zum Arbeiten nach Stettin ein, glaubt er.
Der Großraum Stettin als Arbeitgeber für Ostdeutsche
Auf der anderen Seite der Grenze verfolgt man das eifrige Buhlen um Investoren aufmerksam. Der Erlass gewinnabhängiger Steuern höre sich zwar zunächst verlockend an, sagt Morgens Brattig vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft. Solche Erträge weise aber ohnehin kaum ein neues Unternehmen in den ersten Jahren auf. Ein Land wie Mecklenburg-Vorpommern verfüge über genügend Instrumente zur Investitionsförderung, um im Standortwettbewerb mitzuhalten.
Dennis Gutgesell, Stellvertreter des Landrats von Uecker-Randow, hat sogar ein großes Interesse daran, dass der Großraum Stettin 20 Jahre nach dem Ende des Ostblocks zu alter wirtschaftlicher Bedeutung zurückfindet und als Arbeitgeber für Ostdeutsche interessant wird. Denn mit 75.000 Einwohnern sei der Landkreis, in dem jeder Fünfte arbeitslos gemeldet ist, zu klein, um die notwendige wirtschaftliche Dynamik zu entfalten. Es ist ihm deshalb lieber, sagt Gutgesell, eine Neuansiedlung findet in Stettin statt als in Oberbayern. Wir können davon nur profitieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Astheimer, Matthias Lüdecke - FAZ
| Tops & Flops | Kurs | in % |
| Volkswagen | 79,94 € | +1,33% |
| Infineon | 3,42 € | +1,19% |
| BASF | 41,67 € | +1,09% |
| Fresenius Vz | 46,46 € | +1,04% |
| FMC | 36,64 € | +0,94% |
| Dt. Bank | 47,51 € | −1,73% |
| Münchener Rück. | 102,65 € | −1,79% |
| K+S | 40,36 € | −1,80% |
| Siemens | 60,88 € | −1,85% |
| Commerzbank | 5,96 € | −2,22% |
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.656,88 | −0,56% |
| TecDAX | 806,76 | −0,75% |
| MDAX | 7.242,99 | −0,64% |
| SDAX | 3.473,42 | −0,42% |
| REX | 376,86 | +0,01% |
| Eurostoxx 50 | 2.826,63 | −0,79% |
| Dow Jones | 10.286,00 | −1,00% |
| Nasdaq 100 | 1.772,73 | −0,61% |
| S&P500 | 1.091,94 | −1,03% |
| Nikkei225 | 10.004,70 | −1,34% |
| EUR/USD | 1,4720 | +0,12% |
| Rohöl Brent Crude | 75,26 $ | −0,19% |
| Gold | 1.146,75 $ | 0,00% |
| Bund Future | 123,55 € | +0,17% |
| Gesamt- Index |
Durchschnitt 90 Tage |
Durchschnitt 200 Tage |
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|---|---|---|---|
Aktien-Index09.12.2009 13:00 |
1355,93 | 1343,32 | 1280,78 |
Performance-Index09.12.2009 13:50 |
299,05 | 296,82 | 279,94 |
Euro-Aktien-Index09.12.2009 13:50 |
141,49 | 140,32 | 128,29 |