Benzinpreise auf Rekordniveau

28. April 2004 hi. FRANKFURT, 28. April. Der Preis für Rohöl zieht nach einer deutlichen Korrektur in der vergangenen Woche wieder beharrlich an. Die fortlaufenden oder "rollierenden" Notierungen für die jeweils nächstgelegenen Terminkontrakte liegen zwar noch unter ihren zyklischen Höchstpreisen, die unmittelbar vor Beginn der Militäraktion gegen den Irak zu verzeichnen waren, doch erreichen die vorderen Kontrakte immer neue Hochs. Dies erklärt sich mit der inversen und damit atypischen Preisstruktur der Terminmärkte für Rohöl. Die Experten sind sich einig darin, daß gegenwärtig die Notierungen für Benzin die entscheidende Kraft sind, die den Ölmarkt bewegt. Vom amerikanischen Markt wird seit Wochen über immer neue Rekordpreise für Benzin berichtet, und nun gelangen auch die europäischen Preise für diesen Treibstoff in die Schlagzeilen.

Die auch diesseits des Atlantiks zu verzeichnenden Höchstpreise für Benzin haben nach Darstellung von Händlern zwei Ursachen. Zum einen drücken sie die beständige Verteuerung des Rohstoffs, nämlich Rohöl, aus. Zum anderen werden leicht zu Benzin zu verarbeitende "süße" Ölsorten von Westeuropa abgezogen oder auf den amerikanischen Markt geleitet. Zugleich fließt auch Benzin von Westeuropa auf den zweifelsfrei unterversorgten amerikanischen Markt. Die dort chronisch werdende Knappheit an Benzin ist nach einhelliger Ansicht so rasch nicht zu beseitigen. Als Hauptursache werden unzureichende Raffineriekapazitäten genannt. Als besonders brisant wird der Umstand dargestellt, daß der Sommer erst bevorsteht und daß sich die Versorgungslage wegen des zunehmenden Reiseverkehrs zuspitzen dürfte. Ein Ausbau der Raffineriekapazitäten dauert nicht nur seine Zeit, sondern er muß auch wirtschaftlich sein. Der Kapazitätsmangel gilt als Spiegelbild unzureichender Ertragsmargen der Raffinerien. Die Margen müssen daher so weit steigen, daß ein nicht nur vorübergehender ökonomischer Anreiz zu deren Ausbau geschaffen wird.

Der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) scheint der Benzinmangel in Amerika unterdessen argumentativ gerade zur richtigen Zeit zu kommen. Mehrfach haben Vertreter des Kartells jüngst erklärt, die Opec könne für die angespannte Lage bei diesem Treibstoff nicht verantwortlich gemacht werden. Rohöl sei jedenfalls reichlich vorhanden. Aus Kreisen des Kartells gelangen fast täglich Erklärungen an die Öffentlichkeit, die von einem Überangebot an Rohöl künden. Daß dabei Interessen im Spiel sind, verraten die weit auseinandergehenden Angaben über die Höhe des angeblichen Überschusses.

Venezuela liegt bei solchen Schätzungen meist an der Spitze. Zuletzt hatte der Ölminister des Landes eine Menge von 3 bis 4 Millionen Barrel am Tag genannt. Sein Kollege aus Qatar gab die Menge mit 3 Millionen Barrel an, während andere Stimmen von höchstens 1,5 Millionen Barrel sprachen. Der algerische Ölminister vertrat die auch von unabhängiger Seite vertretene Ansicht, daß die Opec nahe an ihrer Kapazitätsgrenze fördere. Unterdessen scheint der Präsident des Kartells die Welt auf eine Anhebung des Zielkorridors für den Ölpreis vorbereiten zu wollen. Er könne sich eine Anhebung um mindestens 4 Dollar je Barrel vorstellen, ließ er wissen. Bis jetzt liegt die offizielle Spanne zwischen 22 und 28 Dollar, während das Centre for Global Energy Studies vermutet, das wahre, aber noch geheimgehaltene Ziel liege inzwischen bei mindestens 30 Dollar.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2004, Nr. 100 / Seite 23

 
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