Gerhard Cromme im Gespräch

„Wir Aufklärer wurden angefeindet“

Von Holger Steltzner und Georg Meck

26. Mai 2007 Der Technologiekonzern Siemens rechnet mit weiteren Enthüllungen im Schmiergeldskandal. „Ich kann nicht ausschließen, dass wir in den nächsten Monaten noch einige böse Überraschungen erleben werden“, sagte der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Gerhard Cromme, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er könne noch nicht absehen, bis wann die Affäre restlos aufgeklärt ist. „Man muss festhalten: Bei Siemens gab es in einem Ausmaß Verstöße gegen das Gesetz, das in dieser Form überrascht.“ Das Unternehmen habe dadurch schwerwiegende Probleme bekommen, „verbunden mit Imageverlust, Ausschluss von Aufträgen und am Ende wohl hohen Strafen“, sagte Cromme. Für eine exakte Bezifferung des entstandenen Schadens sei es noch zu früh.

Scharf kritisierte Cromme die Teile des Siemens-Managements, die eine Aufarbeitung der Schmiergeldfälle zu torpedieren suchen. „Aufgefallen ist mir das fehlende Unrechtsbewusstsein bei jenen, die direkt oder indirekt mit gesetzwidrigen Dingen zu tun hatten“, berichtet Cromme. „Wir, die wir versuchen dies aufzuklären, werden von manchen Leuten angefeindet, weil wir gewisse Kreise stören. Erst nach und nach wird verstanden, dass wir versuchen, Schaden von Siemens abzuwenden und nicht vor haben, den Konzern zu zerstören.“

Vorwürfe an die frühere Siemens-Führung

Der früheren Siemens-Führung wirft Cromme vor, die Mitarbeiter „nicht ausreichend konsequent darauf hingewiesen zu haben, dass Schmiergelder nicht im Interesse des Unternehmens liegen, sondern Siemens schaden.“

Zudem seien dem Prüfungsausschuss Informationen vorenthalten worden: „Hätten wir früher erfahren, was einige im Konzern offenbar wussten, dann wären wir früher eingeschritten“, sagt Cromme. Der Spitzenmanager hat erst im April den Vorsitz im Siemens-Aufsichtsrat von Heinrich von Pierer übernommen, nachdem dieser unter dem Druck der Korruptionsaffäre zurückgetreten ist. Im Januar 2008 werde er abermals für das Amt kandidieren, kündigte Cromme nun an. „Ich will weiter daran mitwirken, dass Siemens wieder auf gesunde Beine kommt.“

Vorschusslorbeer für Löscher

Den neuen Vorstandsvorsitzenden, den in Deutschland bisher völlig unbekannten Österreicher Peter Löscher, empfängt der Aufsichtsratschef mit Vorschusslorbeer „Wenn es überhaupt einen Wunschkandidaten gab, dann war er es“, sagte Cromme. „Hätte man jemand in den letzten 20 Jahren vorbereiten wollen auf diese Position, dann hätte man es nicht besser machen können“, lobte er den Werdegang des Österreichers, der vom amerikanischen Pharmakonzern Merck kommt und am 1. Juli in München antritt.

Nachdem ihn ein Kollege im Siemens-Aufsichtsrat auf Löscher gestoßen habe, habe er sofort gesehen, „das ist der Richtige“, erzählt Cromme. Den Namen habe er eigenhändig auf die Liste möglicher Kandidaten gesetzt, berichtet der Aufsichtsratsvorsitzende: „Als wir dann die Reihe von Namen besprochen haben, haben wir schnell festgestellt: Herr Löscher schlägt alle anderen.“ Außer Löscher habe er nur noch Linde-Chef Wolfgang Reitzle auf die Kleinfeld-Nachfolge angesprochen, betont Cromme: „Den ganzen Rest der gehandelten Namen können Sie vergessen.“ Die Berufung Reitzles ist nach Crommes Version an Indiskretionen gescheitert. „Bevor wir die Möglichkeit hatten, die Sache zu vertiefen, gelangte sie an die Öffentlichkeit. Damit war sie von vornherein tot.“

„Neue Struktur mit höherer Transparenz“

Die erste Aufgabe des neuen Vorstandsvorsitzenden wird es sein, das Kompetenzwirrwarr zwischen Zentralvorstand, Bereichsvorständen und den mächtigen Landeschefs von Siemens zu lichten. Peter Löscher sei vom Aufsichtsrat beauftragt, eine „neue Struktur mit höherer Transparenz“ zu finden, sagt Cromme. „Schon der gesunde Menschenverstand sagt: Wir müssen klare, transparente Verantwortungsstränge haben.“

Außerdem wird sich Siemens von weiteren Randbereichen trennen. Der neue Vorstand werde das Tempo bei Abspaltungen erhöhen, kündigte Cromme an, „schon aus dem Grund, um die Mittel zu haben für die weltweite Expansion in den Technologien, die wir als langfristige Kerngeschäfte identifizieren.“ Niemand habe aber vor, den Konzern zu zerschlagen, besänftigt Cromme. „An solche Hauruckmethoden denkt keiner. Wir wollen mit Siemens einen Weltkonzern haben, der wie in der Vergangenheit das Synonym für deutsche Technologie in der Welt ist.“



Text: hst. / mec. / F.A.Z.
Bildmaterial: Edgar Schoepal - F.A.Z.

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