20. August 2005 Nach dem ersten Urteil gegen den amerikanischen Pharmakonzern Merck & Co. hoffen auch in Deutschland mögliche Opfer des Arthritis- und Schmerzmedikamentes Vioxx oder deren Hinterbliebene auf eine Entschädigung. Das Urteil hat auch für alle deutschen Vioxx- Patienten Signalwirkung, sagte der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz am Samstag. Allein Schulz hat bereits knapp 800 Fälle zur Klage vorbereitet.
Die ersten Klagen von Deutschen in den Vereinigten Staaten sollen kommende Woche eingereicht werden. Im ersten Vioxx-Prozess war Merck & Co. am Freitag zu einer Gesamtstrafe von 253,4 Millionen Dollar (209 Millionen Euro) verurteilt worden. Die Gerichts-Jury in Angleton (Bundesstaat Texas) gab dem Konzern die Mitschuld am Tod eines 59jährigen Texaners, der 2001 nach achtmonatiger Einnahme des Medikamentes gestorben war. Klägerin war Carol Ernst, die Witwe des Verstorbenen.
Entschädigung auch für geistige Qualen
Entschädigung auch für geistige Qualen Die aus zwölf Mitgliedern bestehende Jury entschied mit zehn zu zwei Stimmen. Die Geschworenen gestanden der Klägerin 24,5 Millionen Dollar für Verdienstausfälle ihres Mannes sowie geistigen Qualen zu. Die Jury gewährte aber zusätzlich 229 Millionen Dollar so genannte Strafentschädigung. Dies ist eine Eigenart des amerikanischen Rechts. Dabei kann eine Jury Klägern ein Vielfaches der tatsächlichen Schadenssumme zugestehen, um zukünftiges Fehlverhalten der Beklagten zu unterbinden. Texas hat aber eine Obergrenze des Zweifachen der eigentlichen Schadenssumme für Strafentschädigungen, so daß die Strafe gegen Merck drastisch reduziert werden dürfte.
Die Wall Street reagierte auf die gerichtliche Merck-Niederlage mit einem drastischen Kurs-Einbruch der Merck-Aktien um 7,7 Prozent auf 28,06 Dollar. Damit ist der Gesamtwert der Merck-Aktien innerhalb eines Tages um 5,2 Milliarden Dollar gefallen. Die Merck-Aktien hatten im August vergangenen Jahres noch mit 47 Dollar notiert. Merck hatte das Bestseller-Medikament im September 2004 vom Markt genommen weil in einer Studie nach mehr als 18monatiger Einnahme erhöhte Herzattacken- und Schlaganfallgefahren festgestellt worden waren.
4.100 Klagen sind anhängig
4.100 Klagen sind anhängig Vioxx brachte Merck jährliche Umsätze von 2,5 Milliarden Dollar. Im ersten Halbjahr 2005 war der Merck-Umsatz um sieben Prozent auf 10,8 Milliarden Dollar gefallen. Dabei hatte der Vioxx-Rückzug allein einen Umsatzrückgang von zwölf Prozent verursacht. Etwa 20 Millionen Patienten hatten das Schmerzmittel eingenommen. Es sind bisher mehr als 4100 Vioxx-Klagen anhängig. Die nächsten Prozesse werden im September anlaufen. Analysten spekulierten, daß die Gesamtkosten der Klagelawine für Merck bis 30 Milliarden Dollar erreichen könnte.
Merck will sich jedoch in jedem Einzelfall in den kommenden Jahren hart verteidigen, kündige Vizepräsident und Merck-Anwalt Kenneth C. Frazier an. Er hofft, daß das Urteil in Berufung korrigiert wird. Merck hat bisher nur 675 Millionen Dollar Rückstellungen für die Kosten der Durchführung der Vioxx-Prozesse vorgenommen. Das Unternehmen hat noch keine Gelder für mögliche gerichtliche Entschädigungen für Vioxx-Kläger zurückgestellt. Es gebe bis heute keinen zuverlässigen wissenschaftlichen Beweis, daß Vioxx zu Herzrhythmusstörungen geführt habe, die zusammen mit Arterienverkalkung zum Tode von Ernst geführt hätten, erklärte Merck-Anwalt Jonathan Skidmore in einer Stellungnahme des Unternehmens. Merck habe jederzeit verantwortlich gehandelt, von der Erforschung des Mittels bis zum freiwilligen Marktrückzug.
Zwei Vioxx-Klagen in Deutschland
Merck soll Ärzte und Patienten nicht ausreichend über die Gefahren des Medikaments aufgeklärt haben. Der amerikanische Konzern kündigte gegen das Urteil sofort Berufung an. Mit dem deutschen Merck-Konzern ist Merck & Co. nicht verbunden; die Namensgleichheit hat historische Gründe. Auf die Entscheidung hatten auch viele mögliche Vioxx-Opfer in Deutschland gewartet. Patientenanwalt Schulz kündigte an, daß bereits kommende Woche mehrere Dutzend Klagen aus Deutschland bei amerikanischen Gerichten eingereicht würden.
Zu den insgesamt 772 Fällen, die Schulz vertritt, gehören auch 81 Fälle, bei denen Vioxx-Patienten an Herzinfarkten oder Schlaganfällen gestorben sind. Wir werden zur Not jeden einzelnen Fall in den Vereinigten Staaten vor Gericht bringen, sagte Schulz. Durch die Entscheidung in Angleton seien aber die Chancen gestiegen, daß sich Merck & Co. auf eine außergerichtliche Einigung mit den Patienten einlasse. In Deutschland wurden bislang zwei Vioxx-Klagen eingereicht, bei Gerichten in Köln und Meiningen in Thüringen.
Durchschnittlich 100.000 Euro Folgekosten
Die Zahl der Vioxx-Fälle in Deutschland insgesamt wird von Experten auf mindestens 7.000 geschätzt. Auch die deutschen Krankenkassen sind längst auf den Vioxx- Skandal aufmerksam geworden. Möglicherweise entstanden ihnen durch Vioxx-Folgeschäden Behandlungskosten in Millionenhöhe. Nach Informationen des Internet-Magazins Spiegel Online ergaben interne Studien, daß die Folgekosten pro Vioxx-Fall durchschnittlich 100.000 Euro betragen. Deshalb erwäge mindestens einer der großen deutschen Versicherer, sich den Klagen seiner Kunden anzuschließen.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa und AP
Bildmaterial: AP
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