Versicherer

Allianz und Münchener Rück lösen die letzten Bande

30. September 2003 Die Allianz und die Münchener Rück lösen ihre letzten Verbindungen aus der Historie. Die Versicherungskonzerne wollen den seit 1921 bestehenden und immer wieder erneuerten Rahmenvertrag ihrer "Grundsätze der Zusammenarbeit" endgültig aufheben. Darüber seien sich beide Seiten prinzipiell einig, verlautete aus Versicherungskreisen. Die Einzelheiten würden derzeit verhandelt. Sprecher der Münchener Rück und der Allianz bestätigten auf Anfrage, daß Verhandlungen stattfinden. "Beide Seiten wollen den Vertrag beenden, da er durch die Entwicklungen der letzten Jahre von der Realität überholt worden ist", sagte der Sprecher der Münchener Rück. "Beide Seiten sind sich aber auch einig, daß die intensiven operativen Geschäftsbeziehungen erhalten bleiben sollen." Die Allianz gibt derzeit vertragsgemäß 30 Prozent ihres Rückversicherungsbedarfs bei der Münchener Rück in Deckung und steuert damit knapp ein Zehntel zu deren weltweitem Prämienvolumen bei. Die Münchener Rück verschafft sich ihrerseits bei der Allianz Entlastung, indem sie Risiken bei der Allianz in Retrozession gibt.

Im Rahmenvertrag sind drei Fragen geregelt: die Höhe der gegenseitigen Beteiligung, die gemeinsam gehaltenen dritten Unternehmen sowie die Höhe, in welcher sich die Allianz bei der Münchener Rück rückversichert. Diese Festlegungen sollen nun ersatzlos gestrichen werden. Damit würden die Versicherungskonzerne formal zu unabhängig agierenden Unternehmen. Die gegenseitigen Beteiligungen von noch 15 Prozent dürften somit mittelfristig weiter reduziert werden. "Sie sind nur noch Finanzbeteiligungen, die keine strategische Bedeutung mehr haben", heißt es in informierten Kreisen.

Noch vor einem Jahr ließen der damalige Allianz-Vorstandsvorsitzende Henning Schulte-Noelle und Münchener-Rück-Chef Hans-Jürgen Schinzler an der Überkreuzverflechtung von damals mehr als 20 Prozent nicht rütteln. Selbst als im Frühjahr im Zuge der milliardenschweren Allianz-Kapitalerhöhung der Abbau auf 15 Prozent angekündigt wurde, behauptete der neue Allianz-Chef Michael Diekmann: "Es bleibt eine strategische Beteiligung." Nun könnte selbst in diesem Jahr noch eine weitere Reduktion anstehen, wenn die Münchener Rück, wie von der Mehrheit der Analysten erwartet, ebenfalls ihr Kapital um mehrere Milliarden Euro erhöhen sollte. Rating-Agenturen fordern seit längerem eine Reduktion der Überkreuzverflechtung, da diese ein "Konzentrationsrisiko" darstelle.

Nach Brancheneinschätzung ergibt eine Beteiligung von 15 Prozent ohnedies keinen Sinn mehr. Die Allianz werde mit der Münchener Rück nur noch normale Geschäftsbeziehungen pflegen. Dafür brauche es aber keine Beteiligung. An der Swiss Re, dem nach der Münchener Rück zweitgrößten Rückversicherer der Welt, sei die Allianz auch nicht beteiligt. Die Swiss Re ist gemeinsam mit der Münchener Rück der wichtigste Rückversicherungspartner der Allianz.

Die Beendigung des Vertrags muß bis spätestens 31. Dezember 2003 vereinbart werden - sonst verlängert sich der Vertrag automatisch um zehn Jahre. "So lange Fristen passen nicht mehr in die Zeit", kommentiert ein Manager. Wann der Vertrag aufgehoben wird, ist ebenfalls Gegenstand der Verhandlungen. Die zuletzt vereinbarte Kündigungsfrist lief bis Ende 2005. Möglicherweise einigen sich Allianz und Münchener Rück aber auch auf ein früheres Vertragsende.

Für das eigentliche Versicherungsgeschäft werde sich durch das Vertragsende kaum etwas ändern, heißt es. Die Allianz habe sich bei der Münchener Rück auch bisher schon zu Marktbedingungen rückversichert. Die Rückversicherungsverträge hätten auch ohne den Rahmenvertrag Bestand - wobei die meisten nur ein Jahr lang laufen. Mit der Herabstufung der Münchener Rück durch die Rating-Agentur Standard & Poor's habe die Beendigung des Rahmenvertrags nichts zu tun. Die formelle Beendigung des Vertrags hole nur nach, was sich faktisch schon verändert habe. Allianz und Münchener Rück - vor zehn Jahren auch durch eine Reihe gemeinsamer Erstversicherungs- und Bankbeteiligungen miteinander verbunden - haben sich auseinanderentwickelt. Im Gefolge der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz 2001 wurden alle Versicherungs- und Bankbeteiligungen einer Seite zugeordnet. Im Dezember 2002 kündigten beide an, ihre Vertreter aus den Aufsichtsräten der Partnerin abzuziehen.

Text: mag., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2003, Nr. 228 / Seite 16

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