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FAZ.NET-Spezial: Daimler-Chrysler zieht Notbremse bei Mitsubishi

Schwierige Verbindung: Daimler-Chrysler und Mitsubishi

Schwierige Verbindung: Daimler-Chrysler und Mitsubishi

23. April 2004 Der deutsche-amerikanische Autokonzern Daimler-Chrysler nimmt überraschend an der Kapitalerhöhung für seinen angeschlagenen japanischen Partner Mitsubishi Motors (MMC) nicht teil.

Nur eine Woche bevor Mitsubishi seinen milliardenschweren Sanierungsplan vorstellen wollte, beschlossen die Stuttgarter, die finanzielle Unterstützung zu beenden. Damit droht MMC das Aus. Über den Verkauf von Mitsubishi sei jedoch noch nicht entschieden, sagte Daimler-Chrysler-Finanzvorstand Manfred Gentz am Freitag in einer Telefonkonferenz.

Daimler-Aktie reagiert positiv

Alleingelassen - Mitsubishi Motors

Alleingelassen - Mitsubishi Motors

Die Daimler-Aktie stieg zu Handelsbeginn um mehr als acht Prozent und notierte am Freitag mittag mit plus 6,4 Prozent bei 38,40 Euro. Mehrere Banken hoben ihre Einschätzungen für Daimler-Chrysler. So erhöhte die WestLB das Kursziel für die Daimler-Aktie von 33 Euro auf 40 Euro. Dresdner Kleinwort Wasserstein stufte die Aktie von „Hold“ auf „Buy“.

Mitsubishi-Aktie bricht ein

Nach Ansicht von Branchenexperten droht MMC das Aus. „Das ist das Ende, wenn nicht irgendwoher noch frisches Kapital kommt", erklärte ein Branchenkenner.

Zum Börsenkurs

Die Aktie von Mitsubishi befand sich am Freitag nach Wiederaufnahme des Handels im freien Fall. Am Donnerstag hatte die Aktie mit 321 Yen geschlossen. Am Freitag setzte der Kurs bei 241 Yen ein. Die Verkaufsaufträge sollen sich Händlerangaben zufolge auf 14 Millionen Aktien belaufen.

Daimler hält an Strategie fest

Daimler-Chrysler hält trotz des Rückzugs bei Mitsubishi an der Strategie Welt-AG fest. Dies stellte Finanzvorstand Gentz am Freitag im Rahmen einer Telefonkonferenz klar.

Die finanziellen Auswirkungen des Ausstiegs aus der Unterstützung von Mitsubishi Motors hielt Gentz für begrenzt. Die Bilanz und die Ergebnisse von Daimler-Chrysler würden dadurch kurzfristig nicht belastet, sagte Gentz in der Telefonkonferenz.

Späterer Verkauf nicht ausgeschlossen

Im ersten Quartal, für das am 29. April Zahlen vorgelegt werden sollten, seien keine außerordentlichen Belastungen zu erwarten. Es gebe derzeit keinen Anlaß, die Beteiligung an Mitsubishi abzuschreiben. Ob ein solcher Schritt in Zukunft nötig werde, hänge von der weiteren Entwicklung in Japan ab.
Gentz schloß nicht aus, daß DaimlerChrysler den Anteil später verkaufen werde. „Wir müssen den Anteil nicht für immer behalten", sagte er. Möglicherweise werde die Beteiligung in der eigenen Bilanz künftig als „zu verkaufen“ (available for sale) eingestuft.

Die für eine Sanierung von Mitsubishi nötigen erheblichen finanziellen Mittel hätten sich nicht ausgezahlt, hieß es von Daimler-Chrysler. „Es hat sich nicht gerechnet. Es gab keinen Business-Plan, der funktioniert hätte", sagte ein Sprecher. Alle Pkw-Projekte mit Mitsubishi sollen jedoch planmäßig weitergeführt werden. Dies betreffe die Entwicklung eines Weltmotors mit Chrysler und Hyundai, gemeinsame Plattformen mit Chrysler sowie die Zusammenarbeit mit Smart, sagte der Sprecher weiter.

Mitsubishi Group kündigt Unterstützung an

Angesichts des möglichen Ausstiegs von Daimler-Chrysler bei Mitsubishi Motors haben Unternehmen der Mitsubishi Group angekündigt, den angeschlagenen Autokonzern weiter zu unterstützen. „Die drei Unternehmen der Mitsubishi Group werden weiter das Äußerste tun, um die Erholung von Mitsubishi Motors zu unterstützen", teilten am Freitag Mitsubishi Heavy Industries, Mitsubishi Corp und die Bank of Tokyo-Mitsubishi mit. Gemeinsam halten sie 23 Prozent der Anteile an Mitsubishi Motors.

Dramatische Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat

In Medienberichten war von einem Kapitalbedarf von bis zu 700 Milliarden Yen (5,5 Milliarden Euro) die Rede gewesen - ein Betrag, der im Daimler-Chrysler-Unternehmen nun als Wunschdenken der japanischen Eigentümer bezeichnet wurde. Seit Ende Februar hatte ein Team von Daimler-Chrysler-Managern unter Leitung von Smart-Chef Andreas Renschler an dem Mitsubishi-Sanierungsplan gearbeitet. Schrempp hatte stets betont, alle Optionen seien offen.

In Japan war aber fest mit weiterer Unterstützung durch die Deutschen gerechnet worden. Der Sanierungsplan sollte am 30. April den MMC-Aktionären präsentiert werden.

Ein Teilnehmer des mehr als fünf Stunden dauernden Treffens von Vorstand und Aufsichtsrat sprach nach dessen Ende von einer dramatischen Sitzung. Analyst David Healy von Burnham Securities sagte, der Aufsichtsrat habe offenbar die Notbremse gezogen. Er habe dagegen rebelliert, daß Schrempp „Geld in dieses schwarze Loch fließen läßt".

„Vorstand und Aufsichtsrat von Daimler-Chrysler haben in einer außerordentlichen Sitzung am Donnerstag beschlossen, an der von Mitsubishi Motors (MMC) geplanten Kapitalerhöhung nicht teilzunehmen sowie die weitere finanzielle Unterstützung für MMC einzustellen", teilte das Unternehmen nach der außerordentlichen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat in Stuttgart mit.

Bei den Bemühungen um eine solide Finanzstruktur für Mitsubishi sei „keine Lösung gefunden (worden), die zu einem für Daimler-Chrysler akzeptablen Ergebnis führt", hieß es in der Mitteilung des Konzerns. Daimler-Chrysler habe vor allem vergeblich auf einen drastischen Schuldenerlaß gedrängt, hieß es in Firmenkreisen. MMC ist mit über fünf Milliarden Euro verschuldet.

Grundlegender Wandel in der Asien-Strategie

Der Ausstieg dürfte einen grundlegenden Wandel in der Asien- Strategie Schrempps bedeuten, die Teil seines Ziels war, einen globalen Automobilhersteller zu schaffen. Mitsubishi sollte mit Chrysler eng zusammenarbeiten, der neue Mitsubishi Colt wird gemeinsam mit dem viersitzigen Smart „Forfour“ gebaut.

Auch das zweite Standbein von Daimler-Chrysler in Asien wackelt: Wegen des schleppenden Fortgangs der Gespräche mit Hyundai Motor prüft der Konzern einen Verkauf seines Anteils von zehn Prozent an dem koreanischen Autohersteller. Berichten zufolge steht die Partnerschaft auf der Kippe. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, verlautete aus dem Aufsichtsrat.

Daimler-Chrysler will in Südkorea nach den bisherigen Plänen Motoren bauen und sich mit 50 Prozent an der Nutzfahrzeugsparte von Hyundai beteiligen. Healy sieht vor allem die amerikanische Tochter Chrysler von dem Ausstieg bei Mitsubishi negativ betroffen. „Alles hängt davon ab, ob Mitsubishi in der jetzigen Form überlebt. Chrysler und Mitsubishi haben gemeinsame Plattformen entwickelt, die für Chryslers Klein- und Mittelklassewagen sehr wichtig sind.“ Nun stiegen wohl die Entwicklungskosten.

Dreijährige Partnerschaft mit Mitsubishi

Bei Mitsubishi war Daimler-Chrysler vor mehr als drei Jahren eingestiegen, um sich über die Nummer vier unter den japanischen Autobauern den asiatischen Markt zu erschließen. 2003 sollte das Unternehmen eigentlich saniert sein.

Faule Kredite an die junge Kundschaft in den Vereinigten Staaten brachten MMC aber erneut in Schwierigkeiten, nach dem Ende der großzügigen Kredite brach der Absatz ein. Für das Fiskaljahr 2003/04 (31. März) erwartete Mitsubishi Motors 105 Milliarden Yen Verlust.

Text: FAZ.NET mit Material von Reuters, Dow Jones - VWD
Bildmaterial: dpa/dpaweb, REUTERS

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