Universität Würzburg

Norbert Berthold

15. Juni 2007 

Was halten Sie von einem Mindestlohn in Deutschland und welchen Effekt hätte er?

Steigende Arbeitskosten zwingen Unternehmen zu rationalisieren, Arbeitsplätze werden verstärkt ins Ausland verlagert. Gesetzliche Mindestlöhne verringern die reguläre Beschäftigung zumindest dann, wenn sie 7,50 Euro betragen. Damit stehen in Deutschland mindestens 2,6 Mio. Arbeitsplätze im Feuer. Es ist eine Illusion zu glauben, man könne die Lasten höherer Mindestlöhne den Unternehmen aufbürden.

Mindestlöhne sind ein extrem teures und ungerechtes Instrument. Sie helfen nur einigen wenigen Bedürftigen, die trotz Vollzeitbeschäftigung
weiter arm sind. Das gilt zumindest dann, wenn sie trotz der Mindestlöhne weiter regulär beschäftigt bleiben. Und sie begünstigen
ungerechtfertigt eine weitaus größere Gruppe von Arbeitnehmern, die nicht wirklich arm ist und auch jene, die nur bereit sind, Teilzeit zu
arbeiten. Eine Verteilungspolitik mit (gesetzlichen) Mindestlöhnen ist so, als ob man versuchte, mit einer Gabel Akupunktur zu betreiben.

Warum haben so viele andere Länder einen Mindestlohn?

Viele Länder probieren es. Tatsächlich sind sie ein stumpfes, wenig zielgerichtetes Instrument, wirklich Bedürftigen zu helfen. Nicht alle
Bezieher von Mindestlöhnen sind nämlich arm. In Deutschland leben nur 17 Prozent der „Niedriglöhner“ in armen Haushalten, in den USA 14 Prozent.
Und viele, die arm sind, arbeiten entweder nicht Vollzeit, in Deutschland über 70 Prozent, oder sie arbeiten gar nicht. Im ersten Fall sind Mindestlöhne
nicht angebracht, im zweiten erreichen sie Bedürftige nicht.

Norbert Berthold ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg.



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