Schulen und Wirtschaft

Unterrichtsfach Kaugummi

Von Cornelia von Wrangel

05. Mai 2007 Lernen rund um den Kaugummi? Oder Pizza als Unterrichtsthema? In Amerika soll einem Jugendlichen einmal mit dem Verweis von der Schule gedroht worden sein, weil er am „Coca-Cola“-Tag ein T-Shirt vom Konkurrenten „Pepsi“ trug. Keine Sorge, davon ist Deutschland weit entfernt, Produktwerbung an Schulen ist mit Ausnahme von Berlin, Bremen und Sachsen-Anhalt in allen Bundesländern verboten. Pizza ist ja auch kein Produkt, sondern ein Gericht, das jeder zu Hause selbst machen kann. Bei Kaugummi ist das schon anders. Die Lehrerverbände jedenfalls sind alarmiert, weil sie fürchten, dass sich an den Schulen immer mehr Werbung einschleicht.

Schulen und Wirtschaft - schon lange arbeiten sie in Deutschland zusammen. Das stellen die Verbände auch keineswegs prinzipiell in Frage. Im Gegenteil. Es gibt viele Partnerschaften und Arbeitsgemeinschaften, die auch aus ihrer Sicht gut funktionieren und zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen. Aber sie registrieren mit Sorge, dass die Schulen inzwischen „mit Unterrichtsmaterialien und Werbezusendungen von Unternehmen richtiggehend zugeschüttet werden“, wie Heinz-Peter Meidinger sagt, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes. Auch sein Kollege Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, betrachtet dies mit „großer Sorge und wachsendem Verdruss“.

„Kau dich schlau!“

„Wrigley“, der Welt größter Kaugummihersteller, hat beispielsweise eine fächerübergreifende Unterrichtsmappe für die Sekundarstufe 1 zusammengestellt. Ihr Titel lautet: „Kau dich schlau! Lernen rund um Kaugummi“. Er spielt auf Untersuchungen an, nach denen Kaugummikauen die Hirnleistung positiv beeinflusse. Kaugummi im Unterricht? Das fragen sich die Autoren auf den Eingangsseiten selbst und kommen zu der Antwort: „Und ob!“ Schließlich könne man am Kaugummi vielfältige Lerninhalte darstellen. In der Mappe werden fünf Punkte genannt: „Umwelterziehung“, „Mund- und Zahngesundheit“, „Ausgewogene Ernährung“, „Konzentration“ und „Stressbewältigung“. „Kaugummi gehört nach dem Kauen in den Mülleimer“, heißt es dann beispielsweise beim Punkt „Umwelterziehung“; das Kauen von Kaugummi könne helfen, die Gedächtnisleistung zu steigern, beim Thema Konzentration.

Dass durch die Kaubewegungen das Hirn besser durchblutet werde - die Verbreitung dieses Untersuchungsergebnisses wertet der Philologen-Verband als den ersten „Coup“ von „Wrigley“. Den zweiten landete das Unternehmen nach seiner Meinung im vergangenen Februar in München mit einer Projektwoche der Wirtschaftsinitiative „Jugend denkt Zukunft“, die viele Politiker an ihrer Seite hat. In diesem Fall hatten das bayerische Kultusministerium, die Stiftung Bildungspakt Bayern und „Wrigley“ die Patenschaft übernommen.

Eine Woche lang also waren die Gymnasiasten beim Ministerium und bei „Wrigley“ zu Gast und entwickelten ihre Vision von der Schule im Jahr 2020. Und die sieht so aus: Schulbücher haben ausgedient, stattdessen setzen die jungen Leute nachts eine elektronische Lernmütze auf, die ihnen automatisch den aktuellen Lernstoff vermittelt. Vor allem hat die Schulleiter-Kollegen Meidinger und Kraus geärgert, dass der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider hernach in einer Presseerklärung mitteilte: „Es freut mich sehr, dass Firmen wie Wrigley mit dafür sorgen, dass junge Menschen in Bayern und ganz Deutschland eine Plattform für die Entwicklung innovativer Ideen rund um das Lehren und Lernen von morgen erhalten.“ Bei der „kreativen Zusammenarbeit von Bildungsbehörden und Unternehmen“ habe das bayerische Kultusministerium „den Vogel abgeschossen“, meint dazu der Philologenverband.

„Reale Aufgabenstellungen aus der Wirtschaft“

Dass es eine Flut von Material gibt - diesen Eindruck vermittelt auch das Internetportal „schule-trifft-wirtschaft.de“, das seit Anfang März im Netz steht und das Unterrichtsmaterial aus der Wirtschaft für die Lehrer transparenter machen will. „Sie suchen Lehrmaterial, das auch noch kostenlos ist? Dann sind Sie hier richtig“, heißt es auf der Startseite: Einfach Schulfach, Schultyp und Klassenstufe anklicken. Unterstützt wird dieses Portal von der Deutschen Post, deren Unterrichtseinheiten nicht ohne die Farbe Gelb auszukommen scheinen, und der Metro Group, die in Sachen Schule ohnehin aktiv ist. Etwa hundert Partnerschaften mit Schulen unterhält das Handelsunternehmen, mehr als 7000 Schulen hat es Lehrmaterial kostenlos zur Verfügung gestellt. Unter dem Titel „Handelswelten Didaktik“ enthält es „reale Aufgabenstellungen aus der Wirtschaft“.

Voila, hier ist die Pizza. Für den Deutschunterricht wird das Thema „Lieblingspizza“ vorgeschlagen, für Mathematik das Thema „Wie kommt die Pizza in den Laden“, für Erdkunde „Pizza-Export in Europa“ und für Hauswirtschaft „Der große Pizza-Test“. Da sollen die Schüler die Zutaten von Pizzen erkunden, die auf dem Schaubild im Begleitbuch bekannte Markennamen und -logos tragen: das Mehl ebenso wie das Salz oder das Öl. Und die Schüler sollen selber Pizzen backen - aus preisgünstigen Produkten, aus Markenprodukten und aus ökologisch hergestellten Produkten - und sie dann hinterher im Blindtest miteinander vergleichen.

Werbung an Schulen ist heikel

Den Philologenverband regt das auf. Ob Pizzen für Kinder eine gesunde Ernährung seien, werde nicht dargestellt und auch nicht, dass die Metro Group einer der größten Vertreiber von Pizzen sei. Diesen Vorwurf weist man dort freilich zurück. „Wir sind ja nicht Dr. Oetker, sondern Händler, bei denen man 40 000 andere Produkte kaufen kann.“ Dem Unternehmen geht es nach Angaben seines Sprechers vielmehr einzig darum, das Image des Handels aufzuwerten. „Wir werben für unser Unternehmen als Arbeitgeber.“

Werbung an Schulen ist heikel. Das wissen Agenturen, deren Geschäft das Schulmarketing ist, das weiß auch Volker Nickel vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft. Er seufzt nur, wenn man ihn danach fragt. Werbung an Schulen, das sei nach wie vor ein „Randphänomen“, tauche als Thema immer wieder auf, und dann heiße es: „Jetzt drängt die Wirtschaft in die Schule und verbiegt die Gehirne der Kinder.“ Nach seiner Erfahrung ist es jedoch genau umgekehrt, rennen die Schulen der Wirtschaft die Türen ein und bitten um Sponsoren. Wo aber liegt die Grenze zwischen sinnvoller Unterstützung und kommerzieller Einflussnahme, zwischen Förderung und Reklame? Eine interessante Zielgruppe sind Schüler allemal, sie haben Taschengeld und Sparbücher. Nach der „Kids“-Verbraucher-Analyse verfügten Sechs- bis Dreizehnjährige im vergangenen Jahr über ein Vermögen von mehr als 1000 Euro.

„Korngesundes Frühstück - mach mit!“ Auf diese Unterrichtsmappe stößt man, wenn man auf der Startseite von „schule-trifft-wirtschaft.de“ das Fach Biologie und Grundschule eingibt. Sie wird von den Köllnflockenwerken herausgegeben. Und auch dort finden sich auf den Schaubildern gezeichnete Köllnflocken-Packungen. Vielleicht wird sich das aber ändern: Die Betreiber der Website wollen Standards für Schulmaterialien entwickeln. Von einem Gütesiegel will der Initiator Klaus-Müller Neuhof, ein Kommunikationswissenschaftler und der Geschäftsführer der Complan Medien GmbH, dabei nicht sprechen, sondern lieber von Zertifizierung. „Wir möchten den Firmen nicht reinreden“, sagt er, „aber sie sollen darauf aufmerksam gemacht werden, dass manchmal weniger mehr wäre.“

Amerikanisches Sponsoring-Konzept in Deutschland

Ob Eon, Rhein-Energie, BMW, Coca-Cola oder die Sparkassen - wie viele Unternehmen sich direkt an die Schulen wenden, Wettbewerbe ausschreiben, Lehrmappen oder Rollenspiele für den Unterricht offerieren und wie viele Lehrer die Angebote nutzen, darauf hat keiner eine Antwort. Für Helmut Schorlemmer, den Schulsponsoring-Berater von Nordrhein-Westfalen, ist es jedoch klar, dass es viele sind. Klar ist für ihn ebenfalls, dass auch „hervorragendes“ Schulmaterial aus fremder Feder existiere.

„Wrigley“ hat seine Europa-Zentrale nicht weit von München in Unterhaching. Dort gibt es das Lise-Meitner-Gymnasium, dessen Leiterin kein schlechtes Wort über das Unternehmen verliert. Schüler der 11. und 12. Klasse seien doch aus dem Kaugummi-Alter raus. Frau Grams-Loibl gefällt es, wie „Wrigley“ das amerikanische Sponsoring-Konzept auf Deutschland übertragen habe, die Schule an seinem Standort unterstütze, jedes Jahr Geld gebe für ein sozialpädagogisches Projekt und 1000 Euro für eine Erzieherin zahle. „Wir haben genügend Probleme in den Klassen“, sagt sie. Und entschuldigt sich dafür, nichts im „Sinne der Recherche“ gesagt zu haben. Aber das ist schon in Ordnung.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: DIETER RÜCHEL, Kat Menschik

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