Telekommunikation

Siemens hat die Lust am Handygeschäft verloren

27. April 2005 Siemens bereitet den Rückzug aus dem Handygeschäft vor. Spätestens in drei Monaten soll die Einheit mit den Mobiltelefonen und den schnurlosen Festnetztelefonen aus dem Konzern ausgegliedert sein. "Ich bin sicher, daß wir nach dieser jetzt getroffenen Entscheidung in Kürze eine zweite treffen werden", sagte Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld in der Halbjahrespressekonferenz der Siemens AG in Lissabon. "Und zwar über eine Lösung mit einem Partner oder über eine Reihe von Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette." Der Münchner Elektro- und Elektronikkonzern pocht dabei offenbar nicht auf die Führung des Geschäfts. "Daß Siemens die Mehrheit behält, ist eher unwahrscheinlich", sagte Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger vor Beginn der Pressekonferenz. In den vergangenen Tagen waren Spekulationen über Partner für das verlustreiche Handy-Geschäft - genannt wurden Acer und Motorola - neu aufgeflammt.

Zwei Aspekte erschweren eine Vereinbarung mit einem oder mehreren Partnern: die Markenrechte und eine Garantie für die deutschen Standorte. "Wir müssen darauf achten, daß der 158 Jahre alte Markenname vorsichtig genutzt wird", stellte Kleinfeld klar. Daß eine Vereinbarung möglich sei, zeigten die Beispiele Fujitsu Siemens Computers (FSC) und BSH Bosch Siemens Hausgeräte sowie die Personal-Computer-Sparte von IBM, die das chinesische Unternehmen Lenovo übernommen hat. "Die wichtigste Botschaft für unsere Handykunden ist heute aber, daß die Marke Siemens weiter existiert", sagte Kleinfeld. Den rund 10000 Mitarbeitern in der Einheit Telefongeräte, davon ungefähr 4000 in Deutschland, versprach er eine "tragfähige Lösung". Die Frage nach einem Personalabbau bezeichnete er als Spekulation. "Das hängt von der Lösung ab, die wir finden." Für die Werke in Kamp-Lintfort und Bocholt hatte Siemens erst im vergangenen Jahr eine Standortgarantie bis Mitte 2006 gegeben. Im Gegenzug hatten die Beschäftigten dort unter anderem einer Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich zugestimmt.

Kleinfeld gab sich überzeugt, bald eine Lösung mit einem oder mehreren Partnern präsentieren zu können, nannte aber keinen Zeitraum. "Wir glauben nicht, daß die Braut geschmückt werden muß", sagte er. "Sie ist attraktiv genug." Eine Mitgift sei nicht notwendig. In der Branche wird kolportiert, daß Ningbo Bird, der Vertriebspartner von Siemens in China, eine halbe Milliarde Euro für die Übernahme des Handygeschäfts der Münchner verlangt habe.

Die Geschäftseinheit, die Siemens ausgliedert und deren Rechtsform bis spätestens am Ende der nächsten Woche feststehen soll, erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von rund 5,5 Milliarden Euro oder 7 Prozent des Konzernerlöses. Die schnurlosen Festnetztelefone erbrachten ein Betriebsergebnis in Höhe eines zweistelligen Euro-Millionenbetrages, berichtete Neubürger. Den Verlust mit den Mobiltelefonen hat Siemens im vergangenen Quartal nur leicht verringert: Er fiel von 143 Millionen Euro im ersten Abschnitt des Geschäftsjahres 2004/05 (30. September) auf 138 Millionen Euro. Andere Hersteller wie Marktführer Nokia und der Branchenzweite Motorola hatten in der vergangenen Woche dagegen von steigenden Gewinnen und Marktanteilen berichtet, die die Erwartungen übertroffen hatten. Auch im Absatz büßte Siemens weiter ein: Der Konzern verkaufte im zweiten Quartal 9,3 Millionen Mobiltelefone nach 12,8 Millionen im Vorjahr. Aufwärts ging es lediglich mit dem Durchschnittspreis. Er stieg von 86 Euro je Handy im ersten Quartal 2004/05 auf 90 Euro.

Einen Hoffnungsschimmer hat Kleinfeld in diesem Monat erkannt. Erstmals seit langem habe im April der Auftragseingang bei den Mobiltelefonen den Umsatz übertroffen. Finanzvorstand Neubürger erwartet, daß der Verlust mit den Handys nun von Quartal zu Quartal stärker abnimmt.

Text: him., F.A.Z., 28.04.2005, Nr. 98 / Seite 14

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