09. Mai 2004 Manager in Unternehmen aus Tschechien, Ungarn und Slowenien sind deutlich gestreßter als ihre Kollegen aus Westeuropa. 72 Prozent der ungarischen Führungskräfte gaben in einer Studie an, sich mehrmals in der Woche an der Grenze zur Überlastung zu bewegen. In Slowenien liegt dieser Anteil bei 68, in Tschechien bei 67 Prozent. Am entspanntesten gehen die Schweizer zu Werke, hier leidet nicht einmal ein Viertel der Führungskräfte unter Streß, deutsche Führungskräfte nehmen eine mittlere Position ein. Länderübergreifend gilt: Jüngere Manager fühlen sich häufiger überlastet als ihre erfahreneren Kollegen. Die Unternehmensberatung Hernstein Management Institute (Wien) hat den Management-Alltag und dessen Rahmenbedingungen in Unternehmen aus Ungarn, Tschechien und Slowenien unter die Lupe genommen und mit westlichen Gepflogenheiten verglichen. Dabei zeigte sich: In vielen Kernfragen verhalten sich Manager aus Osteuropäischen Unternehmen nicht anders als ihre westlichen Kollegen. Im Detail ergeben sich jedoch einige Unterschiede.
Beispiel Führungsstile: In Tschechien ist der autoritäre Führungsstil, bei dem Mitarbeiter nur in Ausnahmefällen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden, noch vergleichsweise weit verbreitet. In gut jedem fünften Unternehmen findet sich diese Art der Führung, die in Deutschland nahezu ausgestorben ist. Aufschlußreich ist sicher auch der Befund, daß die osteuropäischen Manager im Gegensatz zu ihren Kollegen in Westeuropa weitaus häufiger der Meinung sind, Führungsqualitäten seien erlernbar. Ein Drittel der slowenischen und der tschechischen Führungskräfte ist beispielsweise der Meinung, soziale Kompetenz sei erlernbar. Diese Ansicht wird von lediglich 13 Prozent der deutschen und 12 Prozent der Schweizer Manager geteilt.
Die osteuropäischen Unternehmen unterscheiden sich aber auch in Fragen der Unternehmenskultur. So verfügen beispielsweise durchschnittlich 79 Prozent der Unternehmen aus den Beitrittsländern über ein schriftlich fixiertes Leitbild - deutlich mehr als in Westeuropa. Ferner ist ein erheblicher Teil der Manager aus den betrachteten Beitrittsländern der Auffassung, die Unternehmenskultur lasse sich aktiv beeinflussen. 13 Prozent der deutschen, aber 38 Prozent der slowenischen Manager glauben, Unternehmenskultur aktiv gestalten zu können.
Auch hinsichtlich des Ausmaßes, in dem Wissen zwischen den Mitarbeitern ausgetauscht wird, unterscheiden sich die osteuropäischen von den westlichen Firmen. Vor allem bei den Unternehmen aus der Schweiz (57 Prozent) wird Wissen gerne weitergegeben, während es in Tschechien 34 Prozent und in Ungarn 37 Prozent sind. Die Mehrheit der Manager in diesen Ländern neigt dagegen eher dazu, Wissen als Machtbasis anzusehen und für sich zu behalten. Mit der Pünktlichkeit nehmen es die Führungskräfte in Osteuropa nicht so genau. So sind nur 38 Prozent der Manager aus Tschechien stets pünktlich, in ungarischen Firmen beträgt der Anteil immerhin 45 Prozent. Europameister in Sachen Pünktlichkeit sind die Schweizer, von denen sich eigenen Angaben zufolge 70 Prozent nie bei einem Termin verspäten.
Vergleichsweise optimistisch schätzen die Manager aus Osteuropa die Folgen ein, die sich aus dem Einsatz von Informationstechnik (IT) für ihre Arbeitsbelastung ergeben. Immerhin 16 Prozent der ungarischen und 18 Prozent der slowenischen Führungskräfte glaubt, durch IT-Einsatz sinke ihre Arbeitszeit. Zum Vergleich: Der Prozentsatz der deutschen Manager, die an eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit dank Informationstechnik glaubt, beträgt genau Null. Ein Viertel ist sogar der Meinung, dank moderner IT länger im Büro verweilen zu müssen. Besonders in Tschechien und Ungarn ist der Effekt zu spüren, daß elektronische Kommunikation das persönliche Gespräch teilweise ersetzt. 31 Prozent der ungarischen und 37 Prozent der slowenischen Manager beklagen, die Zahl der persönlichen Gespräche mit den Mitarbeiters sei nach Einführung von Intranet und E-Mail gesunken. Die befragten deutschen Führungskräfte sehen hier keine Veränderungen. (nr.)
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2004, Nr. 108 / Seite 22
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