Von Hajo Friedrich
28. September 2003 Viele glauben, sein Name sei Olaf. Doch das ist nur die französische Abkürzung für das "Office de Lutte Anti-Fraude", das Franz-Hermann Brüner seit März 2000 leitet. Damit endet aber auch schon die Leichtigkeit des Daseins für den 58 Jahre alten bayerischen Oberstaatsanwalt. Denn als Generaldirektor des EU-Amts für Betrugsbekämpfung sitzt Brüner in Brüssel auf einem der schwierigsten Posten. "Das ist eine Mammutaufgabe - ich habe mir nicht gedacht, daß ich mit einer solchen großen Last der Vergangenheitsbewältigung konfrontiert würde", sagt er heute. Damit spricht Brüner vor allem die mutmaßlichen Betrugsfälle und dubiosen Managementpraktiken in den Dienststellen der Kommission an, die im März 1999 zum Rücktritt der Santer-Mannschaft geführt haben. Der nach Hinweisen aus dem Apparat von Brüner jüngst ins Rollen gebrachte Eurostat-Skandal belegt: Der Sumpf aus Vetternwirtschaft und anderen Manipulationen in den EU-Führungsetagen ist offenbar bis heute nicht trockengelegt.
Das hören die Kommissare nicht gern, die - wie der Brite Neil Kinnock - im Herbst 1999 mit dem Anspruch antraten, die Kommission zur "besten Verwaltung der Welt" umzugestalten. Als ob Unwissenheit vor Verantwortung schützen könnte, wollte die Kommissionsspitze bis in die jüngste Zeit hinein gar nicht wissen, gegen wen Olaf in der Behörde ermittelt - um nach den Erfahrungen mit dem Rücktritt der Santer-Mannschaft im März 1999 bloß nicht zur Verantwortung gezogen werden zu können?
Bekämpfung von Betrug, Korruption und anderen illegalen Aktivitäten, die sich gegen die finanziellen Interessen der EU richten, lautet der Arbeitsauftrag der 300 Olaf-Mitarbeiter. Brüner ist kein Neuling auf dem Feld. In den neunziger Jahren machte er sich einen Namen im Kampf gegen Korruption und andere Formen der Wirtschaftskriminalität: zunächst bei der Staatsanwaltschaft München und dann als Leiter der Betrugsbekämpfungseinheit beim Hohen Repräsentanten der internationalen Staatengemeinschaft in Bosnien.
Der Schutz des Subventionshaushalts der EU verlangt von Brüner noch mehr akribische Aufklärungsarbeit. Nicht immer verstecken sich hinter Unregelmäßigkeiten Betrügereien oder Korruption. "Unsere Berichte müssen gerichtsfest sein", entgegnet er der Kritik, daß Olaf zu langsam arbeite. Aber auch wenn er dann den zuständigen nationalen Justizbehörden seine Ergebnisse zur Weiterverfolgung auf den Tisch legt, steckt er als Bote schlechter Nachrichten oft wieder Prügel ein. Wie erst in der vergangenen Woche: Da bezichtigte ihn Kommissionspräsident Prodi gar öffentlich, die Kommissare nicht rechtzeitig über die Olaf-Ermittlungen zu Eurostat informiert zu haben. Daß es nicht nur bei Olaf, sondern auch in vielen Kommissionsdiensten seit Jahren genügend Hinweise auf Lug und Trug im EU-Statistikamt gab, verschweigt der Italiener dabei, um seine Kommissare zu schützen. Das hält Brüner nicht davon ab, den Fall Eurostat weiterzuverfolgen. Erst drei der acht inzwischen zu diesem Komplex eingeleiteten Ermittlungsfälle sind abgeschlossen. Sie wurden an die Justizbehörden in Paris und Luxemburg weitergeleitet.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2003, Nr. 226 / Seite 10
Bildmaterial: dpa
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