Luftfahrt

Cargolifter meldet Insolvenz an

07. Juni 2002 Am Ende bewies Carl Freiherr von Gablenz nochmals die Qualitäten, die den wahren Pionier auszeichnen: den Glauben ans eigene Projekt bis zuletzt. Selbst in der trockenen Pflichtmitteilung für die Börsianer, dass der Luftschiffbauer Unternehmen Cargolifter Insolvenz anmelden muss, verbreitete der Firmengründer am Freitagnachmittag wieder einige Visionen. Ans Aufgeben denkt er immer noch nicht. Auch wenn kaum noch einer daran glaubt, dass eines Tages tatsächlich riesige Transport-Luftschiffe made in Germany durch die Welt fliegen werden.

Genau das ist es aber, was Gablenz vorgeworfen wird. Die Branche spottet schon seit einer Weile darüber, dass dem Cargolifter-Chef im Lauf der Jahre irgendwann der Realitätssinn abhanden gekommen ist. Was Gablenz mit seinem „LastenHeber“ nicht alles anstellen wollte. Eigentlich sollte das erste Luftschiff bereits zur Expo 2000 über Deutschland schweben. Bis heute gibt es nicht einmal einen Prototypen davon. Noch vor wenigen Wochen wollte er die Helium-Luftschiffe aus Brandenburg bis in die Stratosphäre aufsteigen lassen. Da zeichnete sich das Ende des langen Sinkflugs schon ab.

Überzeugungstäter Gablenz

Die Vorgeschichte reicht in die frühen 90er Jahre zurück. Als Logistik-Professor in den USA entwickelte Gablenz - Spross einer Fliegerfamilie - die Idee, mit einem riesigen Helium- Luftschiff gigantische Lasten von Kontinent zu Kontinent zu transportieren, ohne sie zerlegen müssen. 1996 gründete der gelernte Jurist dazu die Cargolifter AG. Die riesige Werfthalle steht 60 Kilometer südlich in Brandenburg. Alles in allem arbeiten 500 Menschen an dem Projekt. Viele davon „Überzeugungstäter“ - wie Gablenz selbst.

Die Aufgabe von Rolf-Dieter Mönning wird es nun sein, mehr Sinn für die Wirklichkeit in das Projekt zu bringen. Als Insolvenzverwalter ist der Rechtsanwalt dafür zuständig, die Zukunftschancen des Unternehmens auszuloten. Die Bücher kennt er schon. Am Freitag vergangener Woche schon ereilte Mönning im Hörsaal der Ruf als Insolvenzverwalter für die wichtigste Cargolifter-Tochter. In den vergangenen Tagen machte er sich dann in der Berliner Firmenzentrale und auf dem Werftgelände im brandenburgischen Brand kundig.

Insolvenzverwalter skeptisch

„Wenn die Technik funktioniert und der Markt da ist, wird das Projekt überleben“, sagt der Aachener Anwalt, einer der bekanntesten deutschen Insolvenzrechts-Experten. „Ansonsten werden auch keine öffentlichen Finanzhilfen helfen. Anders wird auch der Kapitalmarkt nicht reagieren.“ Mehr als 300 Millionen Euro hat der Cargolifter schon verzehrt. Nach Meinung des Insolvenzverwalters ist das Schicksal des Unternehmens untrennbar mit dem CL 160 verbunden, dem Luftschiff zum Transport von 160-Tonnen-Lasten.

Im Unterschied zu Gablenz hält er wenig davon, zunächst nur wesentlich kleinere Transport-Ballons zu bauen. Bis zur Serienreife des Vorzeige-Projekts werden aber noch mindestens 420 Millionen Euro gebraucht. Woher das Geld kommen soll, steht in den Sternen. Bund und Land Brandenburg haben in den vergangenen Wochen immer wieder abgewunken, wenn es um weitere Finanzmittel ging. Auch der US-Konzern Boeing gab Gablenz einen Korb, als es um die Finanzen ging. Und auch bei den mehr als 70.000 Aktionären gab es keine große Bereitschaft mehr, neues Geld in die Firma zu stecken.

Mit solchen Situationen hat Mönning schon Erfahrung. „Cargolifter geht es wie vielen anderen Firmen aus Forschung und Entwicklung“, sagt der Insolvenzverwalter. „Anfangs herrscht überall große Euphorie. Dann kommen die Probleme, und irgendwann schlägt alles in Depression um.“ In dieser Phase sind bei Cargolifter viele Beschäftigte und Aktionäre schon. Der Chef aber längst noch nicht.

Text: dpa

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