Satelliten schlafen nicht

Im Europäischen Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt wechseln sich die Spezialisten rund um die Uhr ab / Zu wenige Bewerbungen aus Deutschland /Von Nina Baumann

19. August 2005 Die Holzvertäfelung gibt dem Raum etwas Würdevolles. Die dunkle Decke mit den einzelnen Lichtpunkten ist wabenartig aus unzähligen Röhren zusammengesetzt und erinnert an ein Gemeindezentrum der evangelischen Kirche. Während der Teppichboden die Atmosphäre vollends dämpft, machen 60 Bildschirme in drei gebogenen Reihen klar, daß sich hier niemand trifft, um einen beschaulichen Gesprächskreis abzuhalten: Das Herzstück des Europäischen Satellitenkontrollzentrums (Esoc) in Darmstadt, der Hauptkontrollraum, ist an den meisten Tagen im Jahr ruhig. Und doch verdichtet sich genau hier in den entscheidenden Momenten von Satellitenmissionen das Wissen der europäischen Raumfahrt. Denn wenn Europa einen Satelliten im All hat, dann wird er hier in Darmstadt überwacht. Zur Zeit sind das 14 Satelliten in elf Missionen. Das Esoc ist ein Standort der Europäischen Weltraumorganisation Esa, die sich über ganz Europa verteilt. Verwaltet vom Hauptsitz Paris aus, werden in den Niederlanden Raumfähren konstruiert, in Köln Astronauten trainiert und in Italien und Spanien Satellitendaten gesammelt und ausgewertet.

Ein ganz besonderer Moment im Hauptkontrollraum war am Anfang dieses Jahres, als am 14. Januar die Raumsonde Huygens auf dem Titan landete. Eine Punktlandung nach sieben Jahren Reise über 1,4 Milliarden Kilometer. Auch für Hunderte anwesende Journalisten war da die Faszination der Raumfahrt erkennbar. Jocelyne Landeau-Constantin, Chefin der Öffentlichkeitsarbeit des Esoc, schwärmt heute noch von der geradezu elektrisierten Luft: "Die Begeisterung im Raum konnte man mit Händen greifen." Was sich jedoch auch in solchen Phasen höchster Betriebsamkeit, in denen 120 Spezialisten in zwei Schichten im Hauptkontrollraum arbeiten, nicht ändert, ist die Gedämpftheit des Raumes: Es gibt kein hektisches Herumlaufen, kein Rufen quer durch den Raum. Höchste, aber unaufgeregte Konzentration bestimmt die Atmosphäre. Darin offenbart sich eine Eigenart des Arbeitens beim Esoc: Die Mitarbeiter tragen eine riesige Eigenverantwortung und sind dabei Teil eines Teams, das perfekt organisiert sein muß. "Jeder weiß genau, was er zu tun hat, und tut dies selbständig. Aber alle arbeiten nur für die eine Mission und sind dadurch aufeinander angewiesen", erklärt Frank Danesy, Personalleiter beim Esoc. Auf jeden noch so außergewöhnlichen Störfall sind die Spezialisten vorbereitet: "Es gibt keinen Raum für Improvisation", sagt Landeau-Constantin.

Der Lokführer ist aus der Liste der Traumberufe kleiner Jungs schon längst verschwunden - Pilot und Astronaut sind dafür nachgerückt. Die Luft- und Raumfahrt bringt nicht nur Kinder ins Träumen. In jüngster Zeit hat vor allem der Mars die Menschen in seinen Bann gezogen; der Präsident der Vereinigten Staaten möchte am liebsten Astronauten auf den roten Planeten schicken. Es gibt wohl kaum jemanden, den der Gedanke von Schwerelosigkeit und fernen Planeten nicht fasziniert. Trotzdem hat die Esa bisweilen Probleme, ihr Personal zu rekrutieren - gerade an Bewerbern aus Deutschland fehlt es. Die Esa finanziert sich über Beitragszahlungen ihrer 17 Mitgliedstaaten, und entsprechend diesen Beiträgen sollten die Staaten in der Belegschaft repräsentiert sein. In der gesamten Esa stellt Deutschland nur 19 Prozent der rund 2000 festen Mitarbeiter, zahlt aber 22 Prozent der Beiträge. "Wir würden uns mehr Bewerbungen aus Deutschland wünschen", sagt Danesy und spricht damit vor allem für die Esa-Zentren in Spanien, Frankreich, Italien und den Niederlanden. Für das Darmstädter Satellitenkontrollzentrum gilt die Quote nur eingeschränkt: Hier haben 30 Prozent der Mitarbeiter einen deutschen Paß. Deutsche Bewerber sind aber auch hier noch willkommen. Das weist auf ein Phänomen hin, das auch in anderen Bereichen schon aufgefallen ist: Zu wenige Deutsche streben internationale Arbeitsplätze an.

Selbst unter den Hochqualifizierten, den sogenannten High Potentials, für die Auslandsaufenthalte während der Ausbildung eine Selbstverständlichkeit sind, finden sich zu wenige, die sich im Berufsleben ins Ausland trauen. Aus diesem Grund ist Deutschland beispielsweise auch in politischen internationalen Organisationen personell unterrepräsentiert. Die Bundesregierung möchte dies ändern und finanziert deshalb beispielsweise das Carlo-Schmid-Programm für Praktika in internationalen Organisationen, mit dem junge Deutsche ermutigt werden sollen, sich aufs weltweite Parkett zu begeben. Auch Gegenstand der Forschung ist die geringe Mobilitätsbereitschaft der Deutschen mittlerweile: Die Esa unterstützt Abschlußarbeiten an der Universität Mannheim und der Bundeswehrhochschule in München, die das Phänomen untersuchen.

Doch die Begeisterung für die Unendlichkeit des Alls und eine internationale Arbeitsatmosphäre reichen keineswegs aus, um sich für die Arbeit bei der Weltraumorganisation zu qualifizieren. Für die 80 Prozent der Stellen im technischen Bereich kommen vorwiegend Elektrotechniker, Informatiker, Luft- und Raumfahrtingenieure, Physiker und Mathematiker in Frage. "Unsere Stellenausschreibungen stellen meist sehr konkrete Anforderungen an die Bewerber", sagt Danesy. Um jungen Kandidaten den Einstieg in die Raumfahrt zu erleichtern, startet bei der Esa jedes Jahr im Oktober eine Kampagne mit 70 Trainees. Auch Frauen haben dabei gute Chancen - wenn sie sich an eines der immer noch männerdominierten Studienfächer gewagt haben. Dem von Danesy geschätzten europaweiten Frauenanteil in den fraglichen Fächern von acht Prozent steht bei der Esa im technischen Bereich ein Frauenanteil von 12 Prozent gegenüber.

Auch wenn es in den meisten Räumen leise zugeht: Das Esoc schläft nicht. Die Satelliten im All müssen überwacht werden - rund ums Jahr, rund um die Uhr. In der Nacht sind etwa 60 Mitarbeiter auf dem Gelände in der Nähe des Darmstädter Hauptbahnhofs, 60 weitere stehen für einen Störfall auf Abruf bereit. Doch mit der Kontrolle ist nur die Hälfte der Arbeit im Esoc abgedeckt: "Mission erwecken, Mission führen" ist die griffige Zusammenfassung der Aufgaben der Darmstädter. Bevor der Satellit zum Bau bei einem Industrieunternehmen in Auftrag gegeben wird, entwerfen die Entwickler des Esoc die Pläne dafür.

Wer einmal zur Esa gefunden hat, der kommt von dort nicht so schnell wieder weg: Von niedrigen Fluktuationsraten, altersmäßig ausgewogenen Belegschaften und Pensionären, die ihren früheren Arbeitsplatz immer wieder gerne besuchen, berichtet Danesy. "Die Arbeit ist so spannend, daß sie einen auch im Ruhestand nicht losläßt", sagt er.

Text: F.A.Z., 20.08.2005, Nr. 193 / Seite 53

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