Von Midia Nuri
10. Oktober 2001 Das E-Book ist tot - es lebe das E-Book! So mutet es an, was die Springer-Tochter Econ-Verlag plant. Neben fest gebundenen Büchern sowie Taschen- und Hörbüchern wollen wir das E-Book als viertes Format einführen, erklärt Michael Then, E-Publishing-Leiter der Verlagsgruppe Econ Ullstein Heyne List.
Dabei setzt der Verlag nicht auf Dateien für die als E-Book bekannt gewordenen Lesegeräte, sondern auf Bücher in elektronischer Form, die der Leser auf seinem PC, Laptop oder Handheldcomputer lesen kann. Er braucht dazu lediglich ein kostenlos im Internet erhältliches Programm.
Zukunft der Verlage oder Schreckgespenst?
Von den einen wurde das E-Book als Zukunft der Verlagsbranche gefeiert. Die anderen hingegen sahen in der Neuentwicklung das ökonomische und ästhetische Schreckgespenst. Doch trotz vieler Vorschusslorbeeren ist das Geschäft mit den E-Books bislang jedoch weder hierzulande noch im Mutterland USA in Gang gekommen. Der Leser fragt sich natürlich, weshalb er 675 Mark zahlen soll, um Bücher lesen zu können, die er in anderer Form viel billiger bekommt, weiß Then. Zumal nur ein Bruchteil der monatlich etwa 80.000 Neuerscheinungen als Datei für das E-Book erhältlich sind.
Die ersten elektronischen Bücher hob Econ im Frühsommer ins Programm. 30 seiner Titel kann man beim rein virtuellen Online-Buchhändler Ciando herunterladen, vor allem Ratgeber aus dem Wirtschaftsbereich. Mit der Zeit will der der Verlag das Angebot um Gesundheits- und Wellness-Ratgeber sowie Romane erweitern. Probeweise gibt der Verlag zwei der Titel als kostenlose und mit Passwort geschützte Dreingabe zur gekauften Papierversion dazu - E-Book inside heißt das Angebot.
Jetzt auch häppchenweise erhältlich
Den größten Vorteil für den Leser sieht Then in einem höheren Grad an Interaktivität. Direkt beim Lesen kann er die im Buch empfohlenen Links öffnen oder per E-Mail Kontakt zum Autor oder Verlag aufnehmen, um Fragen zu stellen oder Anmerkungen zu machen. Wir können so eine viel größere Kundennähe herstellen als vorher, erwartet er. Die Kunden können außerdem mit einer Suchmaschine Begriffe in den Büchern suchen und dann einzelne Kapitel kaufen, statt die Teile in der Bibliothek zu kopieren, sagt Then.
Das elektronische Angebot kommt den Verlag vergleichsweise günstig. Von einem existierenden Buch eine Datei zu erstellen, koste lediglich 50 Mark, rechnet Then vor. Nehme man sämtliche Kosten wie etwa für Planung und Marketing hinzu, sei bei einem Verkaufspreis von 25 Mark die Gewinnschwelle nach seiner Rechnung mit sechs verkauften Büchern erreicht. Noch fließen allerdings nur Kleinstbeträge: Nach eigenen Angaben setzt der Verlag mit dem elektronischen Angebot zwischen 2.000 und 3.000 Mark monatlich um.
Der Autor erhält die für den Verlag üblichen Prozente. Auch die Rabatte für den Münchener Vertriebspartner Ciando errechnen sich - wie beim herkömmlichen Buchhändler - nach der Zahl der verkauften Bücher. Auf seiner Internetseite finden sich zur Zeit Angebote von 24 Verlagen, darunter auch dem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie etwa Luchterhand, Uni-Taschenbuch /Lucius und Lucius oder die Verlagsgruppe Deutscher Fachverlag.
Bald auch in jeder E-Leihbibliothek?
Aus Sicht von Ciando ist das größte Plus die geringeren Kosten. Sorgt doch nicht zuletzt der aufwändige Vertrieb selbst bei Branchenprimus Amazon für rote Zahlen. Dass mittel- bis langfristig weitere Händler auf reinen Online-Vertrieb umstellen werden, davon gehen Branchenkenner wie die International Data Corporation (IDC) oder das Marktforschungsunternehmen Forrester Research daher aus.
Für das kommende Frühjahr plant Econ schon einen weiteren Coup: Dann wollen wir die Dateien auch vermieten, kündigt Then an. Zur virtuellen Buchhandlung käme also die virtuelle Leihbibliothek hinzu. Anstelle einer Leihfrist könne der Verlag den Zugriff auf die Datei auf eine bestimmte Frist begrenzen. Vor unzulässigen Kopierversuchen könne er sich mit modernen Dateischutzverfahren schützen. Mit diesen Verfahren sei es etwa heute möglich, dem Leser bloß Lade- und Leserecht einzuräumen und so zu verhindern, dass er den Text ausdruckt oder in ein anderes Programm kopiert. Vielleicht wird es ja neben dem Kopierpfennig auch bald eine Abgabe auf elektronische Bücher geben, kann Then sich vorstellen.
Allerdings räumt auch Then ein: Wahrscheinlich kann kein Sicherheitssystem Missbrauch wirklich verhindern.Allzu eng sieht er das jedoch nicht. Seit Jahrhunderten werden Bücher von vielen Personen gelesen, die es weder gekauft haben noch Leihgebühr dafür bezahlen, wendet er ein. Zeitungen und Zeitschriften werben sogar ausdrücklich damit.
Text: @nuri
Bildmaterial: dpa
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