12. August 2005 Für ihr Auslandspraktikum reiste Ellen Hämmerling in die englische Stadt Westbury. Viereinhalb Monate arbeitete sie dort in einer therapeutischen Wohngemeinschaft für psychisch kranke Mädchen. "Sie waren verhaltensauffällig, hatten Eßstörungen", berichtet die Studentin. "Einige neigten dazu, sich mit spitzen Gegenständen selbst zu verletzen." Die elf bis 18 Jahre alten Patientinnen hatten Gewalt und sexuellen Mißbrauch erlitten. In der Wohngemeinschaft sollte ihnen der Weg in einen normalen Alltag geebnet werden. Ellen Hämmerling hospitierte zunächst bei den Gesprächen in der Gruppe; nach einiger Zeit durfte sie sie auch leiten.
Inzwischen überlegt Ellen Hämmerling, sich nach ihrem Examen in Deutschland eine ähnliche Arbeit zu suchen. Die 25 Jahre alte Frau ist für ein Fach eingeschrieben, das hierzulande recht jung ist: Rehabilitationspsychologie. Seit sechs Jahren bietet es die Fachhochschule in Stendal als Diplom-Studiengang an, ab dem Wintersemester auch als Bachelor- und Master-Studium. Darüber hinaus gibt es an mehreren Universitäten die Möglichkeit, Rehabilitationspsychologie innerhalb des herkömmlichen Diplom-Studiums der Psychologie als Schwerpunkt zu wählen. Dazu zählt etwa die Universität Freiburg.
449 Bewerbungen auf gerade
einmal 86 Studienplätze
Rehabilitationspsychologen unterstützen Behinderte, chronisch Kranke und Menschen mit anderen Störungen dabei, sich ein Leben möglichst ohne Barrieren einzurichten. Sie stellen Diagnosen, schreiben Gutachten, beraten Patienten und deren Angehörige.
Sich auf die Rehabilitanden zu konzentrieren erscheint sinnvoll: Ein Psychologe mit traditionellem Examen kennt das Krankheitsbild Depression - ein Absolvent der Universität Freiburg "weiß auch, was es bedeutet, wenn ein Unfallopfer eine Depression hat", erklärt der Psychologieprofessor Jürgen Bengel. Im Vergleich zu anderen Menschen seien beispielsweise Herzinfarkt-Patienten weniger häufig bereit, eine Psychotherapie anzufangen. Sie glauben möglicherweise, daß die Depression nicht so wichtig ist wie ihre schwere körperliche Krankheit. "Dabei kann sie Ausdruck ihrer ungesunden Lebensweise sein, die überhaupt erst zu dem Infarkt geführt hat", sagt Jürgen Bengel. Die Stendaler Studentin Nina Stühmeyer machte im vergangenen Sommer ein Praktikum in der Kinder- und Jugendabteilung einer psychiatrischen Klinik. Sie war dabei, wenn ausgebildete Kollegen mit den Patienten und ihren Eltern sprachen, stellte auch selbst Fragen, um die Vorgeschichte der Erkrankung zu erfassen: "Wie sind die Beziehungen von Mutter und Vater zu ihrem Kind?" oder "Wie schlägt sich die Störung auf den Alltag nieder?" An der Fachhochschule hatte sie zuvor ein Seminar besucht, in dem die Dozentin Fälle psychisch auffälliger Minderjähriger vorgestellt hatte. Die Studenten hatten diskutiert, wie Psychologen vorgehen, wie sie mit Eltern und Schule kooperieren können.
Die Rehabilitationspsychologie, wie sie in Stendal gesehen wird, will Menschen mit unterschiedlichen Störungen die Integration erleichtern. "In unserer Gesellschaft gibt es einen wachsenden Bedarf an psychosozialer Hilfe", sagt der Stendaler Professor Wolfgang Maiers. Seine Absolventen arbeiten in Beratungsstellen und Reha-Einrichtungen oder begleiten straffällig gewordene Menschen bei ihrer Resozialisation.
Maiers' Freiburger Kollege Jürgen Bengel glaubt, daß der Bedarf an Rehabilitation in den kommenden Jahren steigt. "Da das Durchschnittsalter zunimmt, wird es mehr Menschen mit chronischen Krankheiten und körperlichen Einschränkungen geben", sagt er. "Dazu zählen etwa Diabetes und Altersdemenz." Entsprechend groß ist das Interesse an dem Fach. Allein Stendal hatte für das vergangene Wintersemester 449 Bewerbungen, zugelassen wurden nur 86 Studenten. Die loben den starken Bezug zur Praxis: Neben Seminaren über Diagnostik, die Theorien psychischer Störungen und Einführungen in weitere Teilgebiete der Psychologie gibt es Kurse über die Arbeit mit Drogenabhängigen, Lernbehinderten, die Begleitung Sterbender in Hospizen. 28 Wochen Praktika und ein Aufenthalt im Ausland sind Pflicht.
"Unsere Dozenten kommen direkt aus der Praxis", sagt die Studentin Ellen Hämmerling. "Viele sind in einer Klinik oder als niedergelassene Therapeuten tätig." Sie schreibt gerade ihre Diplomarbeit, die davon handelt, wie belastbar und zufrieden die Partner von Patienten mit Hirnverletzungen sind. Dazu wertet Hämmerling 90 Fragebögen aus, die sie an Kliniken und Selbsthilfegruppen geschickt hatte.
Auch Sonja Calovini ist fast fertig mit ihrem Studium. "Es war sehr an der Theorie orientiert", sagt sie. "In den Seminaren wird viel Wert auf wissenschaftliche Methodik gelegt." Die 26 Jahre alte Freiburgerin möchte am liebsten in einer schulpsychologischen Beratung anfangen. Ihr steht es möglicherweise auch frei, sich nach einer weiteren mehrjährigen Ausbildung niederzulassen und Psychotherapien für Erwachsene anzubieten. Bislang ist das ein Privileg der Universitätsabgänger, Absolventen von Fachhochschulen haben kaum die Möglichkeit dazu. Die Stendaler ringen darum, daß sich das ändert. Viele Studenten wollen gerne als Psychotherapeuten eine Praxis eröffnen. Was die Klinische Psychologie anbelangt, also die Diagnostik und die Theorie der psychischen Störungen, "ist unser Curriculum voll kompatibel zu einem Diplom-Studiengang an einer Universität, der das als Schwerpunkt anbietet", sagt der Psychologieprofessor Wolfgang Maiers.
Auseinandersetzung mit der
eigenen Angst
Auch die Freiburger Studenten arbeiten praktisch - unter anderem mit den Patienten einer Rehaklinik für Herz-Kreislauf-Kranke, einer Krebs-Klinik und mehrerer Behindertenwerkstätten. Dort setzen sie um, was sie in den Vorlesungen gelernt haben. Dazu gehört die Anamnese, das Gespräch über die Vorgeschichte des Leidens. Es geht darum, einfühlsam Fragen zu stellen und sich auch mit der eigenen Angst vor unangenehmen Situationen auseinanderzusetzen. Da wäre zum Beispiel die 50 Jahre alte Frau, die gerade wegen eines bösartigen Tumors an der Brust operiert wurde. Darf sich der Rehabilitationspsychologe während der Beratung erkundigen, ob die Patientin Angst davor hat, daß ihr Partner sie verläßt? "Natürlich darf der Psychologe das", sagt Jürgen Bengel. "Er muß sich ja ein vollständiges Bild von der Situation machen." Außerdem ist denkbar, daß die Patientin die Beratung gerade wegen dieser Befürchtung aufgesucht hat, sich aber nicht traut, sie auszusprechen.
Rehabilitationspsychologie an der Hochschule Magdeburg/Stendal, Standort Fachhochschule Stendal, Osterburger Str. 25, 39576 Stendal, Telefon 03931/21870
Einen Studienschwerpunkt Rehabilitationspsychologie gibt es unter anderem an den Universitäten Freiburg und Bremen.
Text: F.A.Z., 13.08.2005, Nr. 187 / Seite 51
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