Von Stephan Finsterbusch, Seoul
28. Juni 2005 Was ist das? Wenn David Steel erst die Frage in den Raum stellt und dann sein Mobiltelefon hochhält, ist das erste ausländische Vorstandsmitglied der koreanischen Samsung Electronics oft auch der einzige im Raum, der die ganze Antwort kennt. Ein Handy? Nicht nur! Eine Kamera? Auch! Ein MP3-Player? Schon eher! Ein Bildschirm? Wir kommen der Sache näher. Das, sagt er, ist mein kleiner feiner Taschencomputer.
Das zusammenklappbare Gerät vereint nahezu alles, was heute auf den Märkten der gehobenen Konsum- und Dienstleistungselektronik zu haben ist: Vom Satelliten-Fernsehempfang über die Videospielkonsole bis hin zur Geldkarte. Im Wettlauf um die technische Marktführerschaft läuten Koreas Elektronikhersteller eine weitere Runde ein. Zur internationalen Spitzengruppe zählen Unternehmen wie Samsung, LG, SK oder Pantech bereits. Dort drücken sie jetzt aufs Tempo. Sie stehen unmittelbar vor der Einführung einer neuen Generation von Mobiltelefonen, den sogenannten Super-Handys.
Kleinere und leistungsfähigere Geräte
Was die Kunden dann in Händen halten, wird kleiner und stärker sein als alles, was sie bisher kannten. Die Geräte werden streichholzschachtelgroßen Multifunktionscomputern gleichen, die nicht nur als Musikboxen und digitale Fotokameras dienen, sondern auch als Spielkonsolen, persönliche Finanz-, Daten- und Terminmanager, Navigations- und Positionssysteme sowie TV-Bildschirme. Seit Ende der neunziger Jahre ist Korea Schrittmacher der Entwicklung der Kommunikations- und Informationsindustrie. Hier waren die ersten voll internetfähigen Mobiltelefone verkauft worden; hier kam die erste Farbe auf die Kleinstbildschirme; hier wurde in Gestalt eines Tausende von Kilometer langen Kabelnetzes die erste nationale Datenautobahn errichtet, die den Namen wirklich verdient.
Dafür steckte der Staat Dutzende Milliarden Euro in den Aufbau der Infrastruktur. Die Unternehmen erwarben in Amerika, Japan und Europa wichtige Patente, verpaßten sich neue Geschäftsmodelle und frischen nun alle drei Monate ihre Angebotspalette kräftig auf. Hinkte Korea noch vor zwanzig Jahren mit kaum fünf Millionen Telefonanschlüssen der Entwicklung hinterher, so ist es heute ihr Vorreiter. Mehr als 75 Prozent der 50 Millionen Koreaner besitzen ein Mobiltelefon. Im vergangenen Jahr wurden auf dem Heimatmarkt knapp 17 Millionen neue Geräte verkauft. Weltweit setzten die vier größten koreanischen Anbieter fast 140 Millionen Handys ab.
Korea bedient fast ein Drittel des Mobilfunkmarktes
Während sich die deutsche Siemens AG gerade aus der Fertigung von Mobiltelefonen verabschiedet, visieren die Koreaner die Markteinführung der vierten Gerätegeneration an - zunächst in Asien, dann auch in Europa und Amerika. Dafür investierten die Handyproduzenten, Netzwerkbetreiber und Dienstleister bereits kräftig. Die Regierung stützt die Vorhaben mit Steuererleichterungen, Zuschüssen und klaren Vorgaben. So hat der aus der Führungsriege von Samsung Electronics kommende Kommunikationsminister Daeje Chin gerade ein Programm zur Integration der Netzwerke von Mobilfunk- und Fernsehgesellschaften gestartet.
Damit wollen wir neue Angebote schaffen und unsere führende Rolle in der Industrie ausbauen, sagt er. Seinen Worten nach machen koreanische Firmen heute fast 30 Prozent am global mehr als 100 Milliarden Euro großen Mobilfunkmarkt aus. Die Branche wächst rasant, und wir sind Impulsgeber, sagt Chin. Obwohl die weltweiten Märkte für die dritte Generation (3-G) bislang nicht gehalten haben, was sie einst versprochen haben, ist es strategisch wichtig, die technische Entwicklung ungebremst voranzutreiben, erklärt Woosik Chu, Chef der Investor Relations von Samsung Electronics.
Anbieter können kaum Schritt halten
Ken Lee, Präsident von KT, meint, anders als anderswo ist der koreanische Markt dermaßen durch die Nachfrage nach neuen Geräten und Dienstleistungen getrieben, daß die Anbieter kaum nachkommen. Sehyun Oh, Chef der Netzwerkforschung in der SK-Gruppe, rechnet damit, daß im kommenden Jahr auf Koreas Massenmarkt eine technische Schwelle überschritten wird. Dann sei nicht nur die umfassende und schnelle Nutzung des Internets per Handy möglich, sondern auch der landesweit nahezu ungehinderte Empfang von Fernseh-, Video- und Radiosendern. Die Geräteproduzenten sind darauf eingestellt.
So werde die Hardwaresparte von SK ein Gerät auf den Markt bringen, mit dem Dutzende TV-Programme abrufbar seien. Frequenzlizenzen für die Sendegesellschaften hat die Regierung gerade vergeben. Die Testprogramme laufen. Für 2010 rechnet Minister Chin mit einem Marktvolumen allein für das sogenannte Digital Multimedia Broadcasting (DMB) von knapp 15 Milliarden Euro. Eine ähnliche Größenordnung hat er auch für den drahtlosen Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet im Blick. Über diese Zugänge können Nutzer schnell und problemlos auf umfangreiche Musik- und Videodatenbanken zugreifen und die Daten auf ihre Mobiltelefone herunterladen.
MP3-Player, Spielekonsole und Kamera
Dank mittlerweile hoher Speicherkapazitäten lassen sich die Telefone auch als MP3-Player für Hunderte von Liedern und Dutzende Musikfilme einsetzen. SK Telekom hatte bereits im November die erste Generation von MP3-Telefonen auf den Markt gebracht. Die Zahl der momentan drei Millionen Geräte soll Ende 2005 mehr als verdoppelt sein. LG-Electronics ging noch einen Schritt weiter. Es entwickelte ein Mobiltelefon, über das auch rechenintensive Videospiele gespielt werden können - Off- und Online. Mit dreidimensionalen Bildern und einer Batterie von Bewegungssensoren steht es den Konsolen von Nintendo, Sony und Microsoft technisch nur noch wenig nach. Damit dürften alte, auf dem Handy oft imitierte Brettspiele wie Pac-Man bald Vergangenheit sein.
Samsung hat ein ähnliches Produkt in der Schublade. Der Elektronikriese aus Seoul bestückt seine Geräte darüber hinaus mit Kameras, die eine Auflösung von bis zu sieben Millionen Megapixel und einem Fünffachzoom haben. Damit sind sie leistungsfähiger als Digitalkameras von Pentax, Canon oder Nikon. Der Preis ist in etwa der gleiche.
Das Mobiltelefon vereint bislang völlig unterschiedliche Produktgruppen, sagt David Steel. Und die Entwicklung stehe erst am Anfang. Der Vizepräsident der Samsungsparte Digital Media meint, der nächste Wachstumsimpuls für die großen entwickelten Volkswirtschaften könnte aus der Konsumelektronik kommen. Dabei spielten die koreanischen Unternehmen eine entscheidende Rolle. Wenn der studierte Physiker, ehemalige Berater von McKinsey und einstmals erste ausländische Vizepräsident in der weitverzweigten Samsung-Gruppe das nächste Mal sein Handy in die Luft hält und fragt: Was ist das?, könnte die Antwort lauten: Eine Handvoll High-Tech!
Text: F.A.Z., 28.06.2005, Nr. 147 / Seite 20
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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