10. August 2004 FRANKFURT, 10. August. Die Kunden strömen zu Ikea, auch wenn die deutsche Möbelbranche leidet. Der Stimmungsunterschied zwischen den Vertretern des Möbelhauses aus Schweden und denen des Verbandes der deutschen Möbelindustrie könnte unterschiedlicher nicht sein. "Das laufende Geschäftsjahr, das wir Ende August abschließen werden, war ein wirklich gutes Jahr für Ikea", sagte Werner Weber, Geschäftsführer von Ikea Deutschland, in Frankfurt. Nach vorläufigen Zahlen habe der Umsatz um 10 Prozent auf 2,45 Milliarden Euro zugelegt. Selbst auf vergleichbarer Fläche, also ohne Berücksichtigung der im vergangenen Jahr neu eröffneten Häuser, sei der Umsatz um 5 Prozent gestiegen. Der Umsatzerfolg spiegele sich zudem in einer erfreulichen Ertragsentwicklung, sagte Weber. Die absolute Höhe seines Gewinns beziffert Ikea Deutschland traditionell allerdings nicht.
Hingegen haben die deutschen Möbelhersteller in den ersten fünf Monaten 2004 ein Umsatzminus von 0,4 Prozent auf 8,4 Milliarden Euro verbucht. Im Möbelhandel ist die Stimmung etwas besser, aber noch immer nicht so gut wie bei Ikea: Dort rechnete André Kunz, Geschäftsführer des Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels in Köln, für 2004 nur mit einem leichten Plus (F.A.Z. vom 2. August). Ikea dagegen freut sich im zu Ende gehenden Geschäftsjahr nicht nur über mehr Besucher (plus 15 Prozent auf vergleichbarer Fläche), sondern auch über mehr Kunden (plus 9 Prozent), kann sich damit von der allgemeinen Marktentwicklung abkoppeln und versucht diesen Erfolg mit einer umfangreichen Preissenkung fortzuschreiben.
"Gemessen an einem Jahresumsatz, senken wir unsere Preise von September an um rund 6 Prozent oder um insgesamt 130 Millionen Euro", sagte Weber. Tatsächlich handle es sich dabei aber um keine Preissenkung, die gleichmäßig für alle Produkte gelte, sondern vor allem um Abschläge bei den Preisen für Schlafzimmer- und Kücheneinrichtungen. Hier hat Weber große Wachstumschancen ausgemacht. "Bei vielen wichtigen Artikeln dieser beiden Sortimente erreichen die Preissenkungen 30 Prozent, bei einigen sogar 50 Prozent", kündigte er an. Derartige Preisentwicklungen seien bei Ikea nichts grundsätzlich Neues, vielmehr werde das Sofa "Klippan", das 1984 noch 798 DM gekostet habe, inzwischen für 179 Euro angeboten. Die Preissenkung sei auch keine Reaktion auf Berichte, daß Ikea-Möbel in Deutschland teurer seien als in anderen europäischen Ländern, beteuerte Weber. Es werde zwar angestrebt, die Preise in den Ländern der Euro-Zone zu vereinheitlichen. Deutschland sei für Ikea aber schon heute nicht das "Hochpreisland".
Die Preissenkung, die nach den Worten von Weber vor allem über den Einkauf großer Mengen, ungewöhnliche Produktionsmethoden, die optimale Ausnutzung von Rohmaterialien, ein effektives Distributionssystem und die schlichten Einrichtungshäuser möglich wird, begleitet Ikea mit einer erheblichen Ausweitung seines Sortiments. Das Unternehmen, bisher besonders stark einem skandinavisch-modernen Einrichtungsstil verpflichtet, steigert den Anteil der Möbel im Landhausstil an seinem Sortiment von 20 auf 30 Prozent. Mit den Möbeln im Landhausstil will Weber Besucher zu Kunden machen, die bisher in seinen inzwischen 33 Möbelhäusern in Deutschland nicht fündig geworden sind. "Familien mit Kindern bilden auch weiterhin das Herz unserer Zielgruppe, aber wir arbeiten an einer Ausdehnung", sagt Weber.
Derzeit liegt das Durchschnittsalter der Ikea-Besucher bei 38 Jahren, 70 Prozent der Besucher sind Frauen. Seiner Zielgruppe will Ikea auch im kommenden Geschäftsjahr mit der Eröffnung weiterer Häuser räumlich näher kommen. Im vergangenen Jahr wurden mit einem Investitionsvolumen zwischen 250 und 300 Millionen Euro Häuser in Berlin, München, Mannheim und Nürnberg neu eröffnet. Im kommenden Geschäftsjahr will Weber für eine vergleichbar hohe Summe Ikea-Häuser in Duisburg, Siegen und Osnabrück eröffnen. Das Haus in Kamen soll am bestehenden Standort neu gebaut werden. Grundsätzlich gelte, daß durch Aus- und Umbauten heute kein bestehender Ikea-Standort so aussehe wie noch vor sechs Jahren. Ikea investiert damit weiter kräftig in sein Wachstum in Deutschland und hat auch mit den verlängerten Ladenöffnungszeiten gute Erfahrungen gemacht. "Wir machen an den Samstagen, an denen unsere Läden nun durchgehend bis 20 Uhr geöffnet sind, definitiv mehr Umsatz", sagte Weber. Es habe nicht nur eine Verlagerung der Käuferströme, sondern zusätzliche Nachfrage gegeben.
Das Wachstum von Ikea in Deutschland geht mit zahlreichen Neueinstellungen einher. So ist die Zahl der Mitarbeiter im zu Ende gehenden Geschäftsjahr um 1069 auf 10 848 gestiegen. Die Ausbildungsquote soll sich von September an auf 8 von zuvor 7 Prozent erhöhen. Im kommenden Jahr feiert Ikea in Deutschland sein 30jähriges Jubiläum. Deutschland ist im Ikea-Konzern das Land mit dem höchsten Umsatz, der Anteil am Konzernumsatz von zuletzt 11,3 Milliarden Euro erreicht 20 Prozent. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Großbritannien (12 Prozent) und die Vereinigten Staaten (11 Prozent). Die meisten seiner Produkte kauft Ikea in Europa ein (66 Prozent), danach folgt Asien (31 Prozent). Insgesamt beschäftigt Ikea rund 76 000 Mitarbeiter in 43 Ländern.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2004, Nr. 185 / Seite 16
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