Von Jürgen Dünsch
19. Juni 2003 Er ist wieder im Geschäft. Thomas Middelhoff, bis Juli 2002 Chef des Medienriesen Bertelsmann, hat ein neues Betätigungsfeld. Der 50 Jahre alte Manager, einer der gefallenen Stars der Interneteuphorie, wird zum 24. Juni Partner der großen Private-Equity-Gesellschaft Investcorp in London und dort Leiter der europäischen Aktivitäten.
Beteiligungsunternehmen wie Investcorp sammeln Geld bei großen Investoren, investieren es in vielversprechende Unternehmen, strukturieren sie um und verkaufen sie mit Gewinn nach ungefähr fünf Jahren oder plazieren sie an der Börse. Investcorp mit Büros in London, New York und Bahrain hat seit der Gründung 1982 Transaktionen im Wert von rund 18 Milliarden Dollar abgewickelt. In Deutschland gehört Gerresheimer Glas zum Portfolio und seit neuestem Minimax, der Anbieter von Brandschutzsystemen. In den kommenden Jahren sollen rund 750 Millionen Dollar Eigenkapital im Jahr investiert werden, die Hälfte davon in Europa.
Wieder auf internationaler Ebene dabei
Wer Middelhoff auf seine neue Tätigkeit anspricht, spürt bei ihm die Erleichterung, endlich wieder auf internationaler Ebene mitmischen zu können - zudem in einem Gebiet, das den von ihm selbst erstellten Maßstäben entspricht. Nach seinem erzwungenen Ausscheiden bei Bertelsmann, wo sich Middelhoff mit der Inhaberfamilie Mohn vor allem in der Frage eines Börsengangs überworfen hatte, stellte er für sich folgenden Kriterienkatalog auf: An erster Stelle stand der Vorstandsvorsitz in einem auf der Welt führenden und börsennotierten (dies mit drei Ausrufezeichen) Konzern auf den Gebieten Telekommunikation/Medien/Technologie; im September 2002 verhandelte er offenbar schon einmal über einen Chefposten bei AOL Time Warner. An zweiter Stelle der Wunschliste stand die Partnerschaft in einer führenden Private-Equity-Gesellschaft. Klar abgeschlagen an dritter Stelle rangierten Aufsichtsratsmandate vor allem in angelsächsischen Ländern.
Statt einfach nur Kontakte zu pflegen und das Ferienhaus in Südfrankreich zu renovieren, hat Middelhoff nun wieder ein Ventil für seinen unternehmerischen Tatendurst: Mit der ihm eigenen Mischung aus Optimismus, Hemdsärmeligkeit, Charisma und auch Unruhe geht er an das neue Werk. Ein Job-Hopper ist er deswegen noch lange nicht. Der gebürtige Düsseldorfer und promovierte Betriebswirt entstammt einer Unternehmerfamilie. Er war zunächst im väterlichen Textilbetrieb tätig. 1986 ging er zu Bertelsmann und machte dort Karriere, die ihn im November 1998 als Nachfolger von Mark Wössner an die Spitze führte. Dort verordnete er dem Unternehmen einen Drang zu Akquisitionen, Internationalität und Zentralismus. Dies trug mit zu seinem Sturz bei, obgleich die zeitweise Beteiligung an AOL Bertelsmann mehrere Milliarden Dollar Gewinn eintrug.
Eigentlich ist er Amerikaner
Schon legendär ist sein Ausspruch, er sei eigentlich ein Amerikaner, der nur zufällig einen deutschen Paß besitze. Auch Investcorp, dessen Gründer Nemir Kirdar inzwischen schon 67 Jahre alt ist, bietet zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten. Middelhoff, dem heute das Stichwort "Familienunternehmen" eher einen Schrecken einjagt, behagt besonders, daß die Private-Equity-Firma mit ihren 270 Beschäftigten börsennotiert ist (in Bahrain).
Private Equity hält er für ein Geschäft, das auch mittelfristig noch blühen werde, und sein Gehalt dürfte selbst manchen deutschen Spitzenmanager vor Neid erblassen lassen. Dies heißt nicht, daß Middelhoff nicht für weitere Aufgaben bereitstünde. Das eine oder andere Mandat im Board eines amerikanischen Unternehmens würde ihn schon noch reizen - je größer und bedeutender, desto besser.
Text: du./ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2003, Nr. 140 / Seite 18
Bildmaterial: AP
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