Managergehälter

Angriff auf den Siemens-Vorstand

Hat ein prall gefülltes Gästebuch: Klaus Kleinfeld

Hat ein prall gefülltes Gästebuch: Klaus Kleinfeld

27. September 2006 Jetzt kritisiert auch der Gesamtbetriebsrat von Siemens die Erhöhung der Vorstandsgehälter, die in ganz Deutschland für Wirbel sorgt. „Eine Aufstockung um 30 Prozent ist nicht akzeptabel“, heißt es in einer Stellungnahme der politisch wichtigsten Arbeitnehmervertretung des Münchner Elektrokonzerns. Der Gesamtbetriebsrat (GBR) trifft sich in dieser Woche in Berlin zu Sitzungen und hat sich dort auch mit dem Thema beschäftigt, das im und außerhalb des Unternehmens heftig diskutiert wird.

Es gebe keinen Grund für unterschiedliche Entwicklungen oder gar unterschiedliche Richtungen in der Einkommensentwicklung der Vorstände und aller anderen Mitarbeiter, argumentiert der GBR. „Wir sitzen alle im gleichen Boot.“ Es sei nicht einzusehen, daß die Vorstandsgehälter nach drei Jahren ohne Erhöhung um 30 Prozent steigen sollten, während die Tariflöhne in dieser Zeit um nicht einmal 10 Prozent erhöht worden seien. Außergewöhnlich hohe Einkommen sind nach Ansicht des Gesamtbetriebsrates nur für außergewöhnlich hohe Leistungen gerechtfertigt. Die Schwierigkeiten der Sparten Kommunikationstechnik Com, die aufgelöst wird, und Siemens Business Services, die 5.400 Stellen abbaut, werden jedoch dem Management angelastet. „Die Vorstände tragen die Hauptverantwortung für diese Schieflagen.“ Die im Vergleich zu polemischen Äußerungen von Politikern verschiedener Parteien sachlich vorgetragene Kritik des Gesamtbetriebsrates ist auch bemerkenswert, weil dessen Vorsitzender Ralf Heckmann eine wichtige Rolle spielt.

Mitarbeiter machen ihrem Äger Luft

Muß er den Gürtel doch bald enger schnallen? Die Kritik nimmt zu

Muß er den Gürtel doch bald enger schnallen? Die Kritik nimmt zu

Heckmann, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, gehört mit Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank, dem Präsidium des Aufsichtsrats an. Das dreiköpfige Gremium entscheidet über die Vorstandsgehälter. Daß der Gesamtbetriebsrat öffentlich die Erhöhung für nicht akzeptabel hält, spricht dafür, daß Heckmann dagegen gestimmt oder sich zumindest enthalten hat. Die Meinung im GBR mit 62 Mitgliedern sei ziemlich einhellig, sagte ein Sprecher des Betriebsrates. Allerdings gibt es auch Stimmen im Arbeitnehmerlager von Siemens, die zwar generell das hohe Niveau von Managergehältern kritisieren, vor diesem Hintergrund aber den kräftigen Aufschlag für die Vorstände im eigenen Haus akzeptieren.

Im Unternehmen sorgt die Diskussion um die Vorstandsgehälter für viel Unruhe und große Aufregung. Aufgebrachte Mitarbeiter machen ihrem Ärger im elektronischen Tagebuch von Vorstandschef Klaus Kleinfeld Luft. Im Intranet des Konzerns können sie ihm direkt ihre Meinung schreiben. Den Vorständen werfen die Beschäftigten in ihren Kommentaren Maßlosigkeit vor. Auf der anderen Seite müßten zahlreiche Mitarbeiter von Siemens um ihre Arbeitsplätze zittern.

Heftige Kritik im Intranet

Auch die Vorstandsgehälter anderer Unternehmen als Maßstab heranzuziehen, stößt bei manchem auf Unverständnis. „Ich habe von unserer Siemens-Personalabteilung gelernt, daß nur Verweise auf eigene Leistungen das Gehalt rechtfertigen – nicht Vergleiche mit anderen“, schreibt ein Mitarbeiter im Intranet. Es finden sich auch hämische Reaktionen wie eine E-Mail in der Erklärsprache für Kinder aus der „Sendung mit der Maus“, die unter den Beschäftigten von Siemens verbreitet wird. Unter einem Foto Kleinfelds ist darin zu lesen: „Das ist der Klaus. Der Klaus ist total fröhlich, weil er sich nämlich gerade sein Gehalt um 30 Prozent erhöht hat und mit ERA nix am Hut hat.“ Die Abkürzung ERA steht für Entgeltrahmenabkommen zur Vereinheitlichung der Tarife für Arbeiter und Angestellte.

Die Diskussion über die Vorstandsgehälter fällt mit dem Stellenabbau und erwarteten Gehaltseinbußen in der verlustreichen Sparte Siemens Business Services (SBS) zusammen. Nach Informationen der IG Metall werden an diesem Donnerstag die Verhandlungen über einen Ergänzungstarifvertrag für SBS fortgesetzt. Die Arbeitgeberseite wolle zusätzlich zum Abbau von 2.400 Stellen in Deutschland die Arbeitszeit um zwei Stunden in der Woche verlängern, berichtet die Gewerkschaft. Außerdem sollen das Urlaubsgeld und das anteilige dreizehnte Monatseinkommen von einer Erfolgsbeteiligung ersetzt werden, die zunächst bei null läge. Die Arbeitnehmerseite akzeptiere grundsätzlich einen Ergänzungstarifvertrag, verlange aber als Gegenleistung eine Beschäftigungs- und Standortsicherung. Seit kurzem ist SBS nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland Mitglied im Arbeitgeberverband. Damit wurde die Voraussetzung für einen bundesweiten Ergänzungstarifvertrag geschaffen.

Text: him., F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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