Industrie

Trauer um Friedrich Karl Flick

06. Oktober 2006 Ende 1997 schrieb Friedrich Christian Flick einen inhaltsschweren Brief an seinen in Österreich lebenden Onkel Friedrich Karl: „Ich habe den Wunsch“, heißt es darin, „meinen Kindern und Nachkommen eine sinnvolle Möglichkeit zur neuen Identifikation mit unserem Namen aufzubauen“. Er sei überzeugt, so „Mick“ Flick weiter, „daß mit dieser kulturellen Leistung der Name Flick auf eine neue und dauerhaft positive Ebene gestellt werden kann“.

Eigentlich hätte sich Friedrich Christian die Antwort auf den Wunsch eines Beitrags in der Größenordnung zwischen 100 bis 200 Millionen DM (50 bis 100 Millionen Euro) denken können, mit dem für seine Kunstsammlung „Flick-Collection“ ein Gebäude errichtet werden sollte. Der Onkel lehnte ab, freundlich, aber unmißverständlich. Dasselbe galt für das Ansinnen, das die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft an Flick gestellt hatte. Er sollte einen Beitrag zu dem Entschädigungsfonds leisten, mit denen Zwangsarbeiter der Nazi-Zeit entschädigt wurden. Auch der Flick-Konzern hatte solche Arbeiter beschäftigt.

Friedrich Karl Flick, genannt FKF, scherte sich darum wenig. Seit dem Verkauf des Flick-Industrieimperiums 1985 an die Deutsche Bank fühlte er sich als Privatmann, der sich gerne in seiner festungsartig ausgebauten Villa am Wörthersee aufhielt (die früher dem Filmhändler Leo Kirch gehörte), sich als reichster Mann Österreichs der Verwaltung seines Milliardenvermögens widmete und mit seiner 30 Jahre jüngeren, dritten Ehefrau höchstens noch in den Klatschspalten der deutschsprachigen Presse auftauchte. Er habe genug damit zu tun, sich um seine Anlagepolitik zu kümmern, bekannte er in einem seiner wenigen Interviews vor ein paar Jahren. Im Alter von 79 Jahren ist FKF in seiner Wahlheimat jetzt gestorben. Den drei Ehen entstammen vier Kinder.

Familie sorgte für Aufsehen

Die Industriellenfamilie hatte seit den Tagen des Patrons Friedrich Flick immer wieder für Aufsehen gesorgt. Dies war nicht nur die Folge ihres Reichtums, immerhin war „der Alte“, wie Friedrich Flick auch genannt wurde, als Stahl- und Industriebaron mit den Adressen Feldmühle, Dynamit Nobel, Maxhütte sowie wichtigen Beteiligungen, allen voran Daimler-Benz und Gerling, nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise der fünftreichste Mann der Welt. Raffinierte, zum Teil auch rücksichtslose industrielle Manöver, Familienzwiste, endlose Erbstreitigkeiten, private Eskapaden des Lebemannes FKF und schließlich der Verkauf des ganzen Imperiums auf einen Schlag trugen das ihre dazu bei, daß der Name Flick nicht aus den Schlagzeilen der Weltpresse verschwand.

Friedrich Karl war gegen seinen Bruder (und später auch gegen dessen Söhne „Mick“ und „Muck“) zum Chef des Familienkonzerns aufgestiegen. Doch der große Einschnitt kam nicht 1975, als FKF offiziell Herrscher des Industrieimperiums wurde, er kam im Dezember 1981. Damals meldete die Neue Rhein Zeitung als erste, wie Thomas Ramge in seiner lesenswerten Flick-Biographie schreibt, daß der Flick-Konzern unter einem schweren Verdacht stand. Er soll Schmiergelder gezahlt haben als Gegenleistung für eine umstrittene Steuerbefreiung bei der Wiederanlage des Verkaufserlöses im Ausland seiner knapp 2 Milliarden DM schweren Daimler-Beteiligung. Aber dies war nur Teil jenes Vorgangs, der als Bonner Parteispendenaffäre der Jahre 1969 bis 1980 Eingang in die Geschichtsbücher fand und sich in den ominösen wg.-Vermerken von Flicks Chefbuchhalter Rudolf Diehl mit den Namen prominenter Geldempfänger in der Bundespolitik aus Flicks schwarzer Kasse niederschlug.

Steuerfahnder deckte Spendenaffäre auf

Aufgedeckt hatte die Parteispendenaffäre ursprünglich ein Regierungsdirektor der Gehaltsgruppe A 15: Klaus Förster, Leiter der Steuerfahndung im Finanzamt Sankt Augustin bei Bonn. Er hatte von einem Skatbruder und Staatsanwalt den ersten Hinweis auf Schwarzgeld und illegale Parteispenden erhalten. Was unscheinbar begonnen hatte, führte in den darauffolgen Jahren in die höchsten Gefilde der bundesdeutschen Parteienlandschaft - mit Ausnahme der Grünen - und im November 1981 zur Durchsuchung von Diehls Büro. Die Nachforschungen brachten Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff und Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs zu Fall; er war ebenfalls als früherer Wirtschaftsminister in die Affäre verstrickt. Lambsdorff, Friderichs und der langjährige Flick-Vertraute und Jugendfreund Eberhard von Brauchitsch wurden später auch verurteilt - allerdings nur wegen Steuerhinterziehung. Zu Verurteilungen wegen Bestechlichkeit und Bestechung reichte es nicht.

Mindestens 25 Millionen DM hatte Flick offenbar an CDU/CSU, SPD und FDP gezahlt, das Wort der „gekauften Republik“ hielt sich lange. Der heute in der Schweiz lebende Brauchitsch, der sich später in dem Buch „Der Preis des Schweigens“ zu rechtfertigen suchte, prägte auch den Begriff, der die schon unter dem „alten“ Flick begonnenen Machenschaften für alle Zeit kennzeichnen sollte: „die besondere Pflege der Bonner Landschaft“, die übrigens auch die „gutwilligen Leute im Gewerkschaftsbereich“ umfaßte.

FKF wollte ursprünglich an den Schah von Persien verkaufen

Friedrich Karl Flick kam strafrechtlich ungeschoren, aber öffentlich desavouiert aus der Affäre. Sie verstärkte seine schon abgrundtiefe Verachtung für die kritische Beobachtung seitens der Öffentlichkeit; eine Verachtung, die er - anders als die preußisch-karge Lebenseinstellung - übrigens mit seinem Vater teilte, der als „Genie der Geräuschlosigkeit“ galt. Im Mai 1985 zwang das Verwaltungsgericht Köln FKF zur Nachversteuerung zumindest jener 290 Millionen DM, die in den Beteiligungserwerb an dem amerikanischen Chemiekonzern W.R. Grace geflossen waren.

Flick, der im Ruf stand, er habe in der ständigen Angst gelebt zu verarmen, enteignet oder entführt zu werden, war damals seines Industriebesitzes schon überdrüssig. Ende desselben Jahres veräußerte er seine Beteiligung an dem Versicherungskonzern Gerling an Hans Gerling. Der Industriebesitz einschließlich der Restbeteiligung an Daimler-Benz ging für mehr als 5 Milliarden DM in einem aufsehenerregenden Akt an die Deutsche Bank über, die diesen an der Börse plazierte. Zuvor schon hatte sie für das größere Daimler-Paket von Flick die Mercedes Aktiengesellschaft Holding (MAH) geschaffen. Aus heutiger Sicht ist es eine Geschichte aus fernen Tagen. FKF wollte 1975 ursprünglich an den Schah von Persien verkaufen, die MAH sollte Daimler vor einem vermeintlich schädlichen ausländischen Einfluß schützen.

Heftiger Erbstreit mit „Mick“ und „Muck“

Ruhig wurde es um Friedrich Karl Flick dennoch nicht. Mit seinen Neffen „Mick“ Friedrich Christian und „Muck“ Gert-Rudolf leistete er sich 1987 noch einmal einen heftigen Erbstreit. 1994 zog der gebürtige Berliner, der damals schon lange die österreichische Staatsbürgerschaft besaß, mit seiner dritten Frau in deren Heimat. Das Steuersparmodell dieses Umzugs bedeutete für den deutschen Fiskus einen Einnahmeausfall von jährlich mehr als 100 Millionen DM. Die Angst vor der Verarmung war im übrigen unbegründet. Das Flicksche Vermögen wird heute auf mehrere Milliarden Euro geschätzt.



Text: DPA / AP
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