WTO-Konferenz

Kambodschas Beitritt erhitzt Gemüter

09. September 2003 Als erstes der ärmsten Länder der Erde soll Kambodscha in dieser Woche nach mehr als acht Jahre währenden Verhandlungen in die Welthandelsorganisation (World Trade Organisation, WTO) aufgenommen werden. Für das südostasiatische Land ist dies eine Art Ritterschlag, die offizielle Anerkennung des von Bürgerkrieg und Korruption, Armut und Ausbeutung zerfressenen Staates. "Wenn wir nicht aufgenommen werden, ist Kambodscha tot", sagt Sok Siphana, Kambodschas Handelsminister.

Allerdings gibt es durchaus auch kritische Stimmen im Land, die vor dem Beitritt und seinem Preis warnen. So heißt es bei der Weltbank: "Ein Vorteil ist, daß Kambodscha künftig leichteren Zugang zum globalen Markt hat. Die Frage ist nur: Was hat es überhaupt zu verkaufen?" Sok ficht das nicht an. "Sicher, es gibt Risiken aufgrund des Beitritts. Aber wenn wir nicht beitreten, sind die Risiken höher."

Die Regierung hofft in erster Linie auf zwei Effekte: Einen Imagegewinn bei den reichen Nationen, der zu steigenden Investitionen in dem zwischen Thailand im Westen und Vietnam im Osten eingeklemmten Land führen soll, und auf die Absicherung der heimischen Stoff- und Textilindustrie.

Ein Drittel der Kambodschaner lebt von weniger als einem Dollar täglich

Gegner aber fürchten, daß das Land überrollt werden könnte von Agrarimporten aus Thailand oder China, die den ohnehin armen Bauern die Lebensgrundlage entziehen könnten. Denn geschätzte 36 Prozent der Kambodschaner müssen ihr Leben mit weniger als einem Dollar täglich fristen, mehr als ein Drittel der Erwachsenen sind Analphabeten. 90 Prozent der Menschen halten sich mit einem Feld und Reisanbau über Wasser.

Die Befürworter des Beitritts argumentieren vor allem mit der kambodschanischen Textilindustrie. In etwa 220 Fabriken arbeitet rund eine Viertelmillion Menschen unter anderem für Weltmarken wie Gap, Banana Republic oder Polo. Viele der Fabriken werden von Hongkongern betrieben, um die für sie geltende Quotenregelung in den Importländern zu umgehen.

Da unter dem WTO-Abkommen aber alle bisherigen Einfuhrquoten entfallen, fürchtet Kambodscha eine massive Abwanderung der Textilindustrie in Billigländer wie China.Die Bekleidungs- und Schuhindustrie stand 2001 mit einem Exportwert von 1,5 Milliarden Dollar nach WTO-Angaben für 85 Prozent der kambodschanischen Handelsgüter. Kambodscha hat mit Amerika ein Abkommen geschlossen, das die Fertigung unter humanen Bedingungen vorsieht, die von der International Labor Organisation überprüft werden.

Korruption schwächt Wirtschaft in Kambodscha

Gemessen an Kambodschas jüngerer Geschichte ist die Aufnahme in die WTO natürlich ein Erfolg - keine 25 Jahre ist es erst her, daß unter dem Regime der Roten Khmer fast ein Drittel der Kambodschaner im Bürgerkrieg ihr Leben ließen.

Das Wirtschaftsleben ist durch Korruption und Bürokratismus geschwächt, etwa 60 Prozent des Haushaltes werden durch ausländische Hilfsgelder gedeckt. Allerdings schrecken Investoren vor allem die selbstgeschaffenen Verhältnisse im Land ab. Die Weltbank schätzt, allein die Korruption trage 50 Prozent zu den Geschäftskosten in Kambodscha bei.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.09.2003, Nr. 210 / Seite 15 , che.
Bildmaterial: dpa

 
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