Klimakonferenz auf Bali

Alarmstimmung ist willkommen

Von Jochen Buchsteiner, Nusa Dua

04. Dezember 2007 Die Leinwand, vor der die Redner sprechen, zeigt grüne Reisterrassen. Die Veranstalter des Weltklimagipfels hätten auch die Brandrodung des Regenwaldes oder den Dauersmog in der indonesischen Hauptstadt Jakarta abbilden können, aber die UN-Konferenz über den Klimawandel auf Bali soll von einer heilen Atmosphäre umgeben sein.

Schon am ersten der elf Tage dauernden Mammutkonferenz wurde die Latte für einen Erfolg tief gehängt. Der Generalsekretär der UN-Klimarahmenkonvention, Yvo de Boer, dämpfte die Erwartungen an die „Bali Roadmap“, die am Freitag kommender Woche präsentiert werden und den „Kyoto-Nachfolgeprozess“ für die kommenden zwei Jahre lenken soll. „Wir werden keinen detaillierten Fahrplan durchdrücken“, sagte er am Montag. „Der Prozess ist wichtig.“

Ein „besonderes Momentum“

Mindestens eine weitere Konferenz - im polnischen Posen - ist geplant, bis 2009 in Kopenhagen jenes Nachfolgeprotokoll verabschiedet werden kann, das Kyoto ablösen soll. Allerdings erkennen Delegierte ein „besonderes Momentum“, das es auf Bali zu nutzen gelte. Nie zuvor war die internationale Aufmerksamkeit gegenüber dem Klimawandel höher, und niemand weiß, wie lange diese Alarmstimmung - einzelne Delegierte sprechen hinter vorgehaltener Hand sogar von „Hysterie“ - noch anhalten wird.

Bezug nehmend auf die Klimastudien, die in diesem Jahr auf die Welt hereinprasselten, sagte de Boer: „Es gibt ein klares Signal aus der Wissenschaft, dass wir nun handeln müssen.“ Um den Emissionstrend in den kommenden 10 bis 15 Jahren umkehren zu können, müssten jetzt politische Antworten gefunden werden, sagte er. Bislang ist international umstritten, auf welchen Gebieten und vor allem mit welchen Mitteln dem Klimawandel beizukommen ist.

Allerlei Prominenz

Mehr als 10.000 Teilnehmer haben sich angemeldet, die meisten von ihnen vertreten Nichtregierungsorganisationen. Fast 190 Nationen schicken Delegationen nach Nusa Dua, die kommende Woche in der Regel von den Umweltministern geleitet werden. Einige Regierungen demonstrierten besonderes Engagement und kündigten an, ihre Ministerpräsidenten zu schicken. Erwartet wird der designierte australische Regierungschef Kevin Rudd, der noch vor Amtsantritt die Anti-Kyoto-Politik seines Vorgängers für beendet erklärte. Auch der indische Regierungschef Manmohan Singh will dazustoßen.

Schon lange zugesagt hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Aus Amerika reisen zwei Prominente an, die das von George W. Bush geprägte Bild eines sich verweigernden Amerikas konterkarieren wollen: Friedensnobelpreisträger Al Gore und der Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger. In europäischen Delegationskreisen wird für möglich gehalten, dass Mitte kommender Woche überraschend auch der eine oder andere europäische Regierungschef auftauchen könnte.

„Seinen Job nicht erfüllt“

Aus vielen Mündern wird in den kommenden elf Tagen die Notwendigkeit zu klimapolitischem Handeln formuliert werden, aber schon zum Auftakt deutet sich an, wie weit entscheidende Staaten mit ihren Rezepturen auseinanderliegen. Der Leiter der EU-Delegation, Artur Runge-Metzger, bekräftigte am Montag die Führungsrolle der Europäer. Ihr Ziel sei es, verbindliche Höchstgrenzen für den Schadstoffausstoß festlegen zu lassen. Entwicklungsländer, denen dies nicht zuzumuten sei, müssten wenigstens dazu gebracht werden, einen „effektiven Beitrag“ zu leisten, sagte er.

Nur eine Stunde später setzte sich der amerikanische Delegationsleiter, Harlan Watson, auf denselben Stuhl und sagte, das Kyoto-Protokoll mit verbindlichen Festlegungen für entwickelte Länder habe „seinen Job nicht erfüllt“. Amerika kritisiert unter anderem, dass China und Indien frei von Verpflichtungen sind. Washington respektiere, wenn andere Staaten an der Idee von Richtwerten festhalten, aber es wünsche sich umgekehrt auch Respekt für seine Gegenposition. Gleichwohl wolle er sich nicht gleich am ersten Tag festlegen, sagte Watson und versicherte, dass sich die Vereinigten Staaten am Verhandlungsprozess „flexibel, offen und konstruktiv“ beteiligen würden.

„Versteckspiel“ der Verweigerer

Ein drittes Kraftfeld bilden China und Indien, die zusammen mit den Vereinigten Staaten schon in wenigen Jahren für mehr als die Hälfte der weltweiten Treibhausgase verantwortlich sein werden. Beide Länder vertreten die Haltung, dass die entwickelte Welt, die die Hauptverantwortung für den Klimawandel trage, nicht genug tue. Zugleich sperren sie sich gegen Festlegungen jeder Art, die ihr Wirtschaftswachstum gefährden könnten. Dies schafft sonderbare Koalitionen. Von einem „Versteckspiel“ spricht Lo Sze Ping von Greenpeace China. Peking verstecke sich hinter Washington und Washington hinter Peking.

In EU-Kreisen ist man gleichwohl gewillt, positive Entwicklungen zu sehen. So zeigt sich Delegationschef Runge-Metzger beeindruckt von der chinesischen Initiative, bis 2010 die Energieeffizienz um 20 Prozent zu erhöhen, und sieht gleichzeitig „viel Aktivität und ermutigende Zeichen“ im amerikanischen Kongress. Auf die Frage, wann er die Bali-Konferenz als gescheitert bezeichnen würde, antwortete er: „Wenn wir uns nicht darauf einigen können, die Diskussion im Rahmen eines Zeitplans in den kommenden zwei Jahren fortzuführen.“



Text: F.A.Z., 04.12.2007, Nr. 282 / Seite 6
Bildmaterial: dpa

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