Von Christian Schwägerl
23. Februar 2007 Die Weltklimapolitik hat unter dem Eindruck der neuesten Warnungen aus der Wissenschaft selbst einen Klimawandel erfahren. Nun wagt es auch die amerikanische Regierung nicht mehr, die Risiken einer ungezügelten Erderwärmung zu leugnen. Seit Anfang Februar spricht der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) von Gewissheit, dass die menschliche Zivilisation den Planeten erwärmt. In San Francisco haben bei der Jahresversammlung der American Association for the Advancement of Science (AAAS) nun Wissenschaftler aus allen Disziplinen mit einer Stimme gesprochen und eine ambitioniertere Klimaschutzpolitik gefordert. Doch wohin entwickelt sich die Weltklimapolitik?
Der amerikanische Botschafter in Berlin, William Timken, verbeugte sich am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung der Atlantik-Brücke sogar vor dem europäischen Umweltbewusstsein. Er erklärte, seine Regierung erkenne die jüngsten Ergebnisse des IPCC ausdrücklich an, zumal sie den Rat zur Hälfte finanziere. Dem Klimarat zufolge ist es zu neunzig Prozent gewiss, dass der Mensch hinter der Erderwärmung seit Beginn der Industrialisierung steckt und die Erdatmosphäre im Durchschnitt um mehr als vier Grad wärmer werden könnte, sofern nicht drastische Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Enges Zeitfenster bis 2020
Wird es aber bei der amerikanischen Anerkennung bleiben, wenn auf die schlanke Stellungnahme des IPCC vom 2. Februar im April und Mai die Liste der notwendigen Konsequenzen folgt? Vorabversionen, die nun in diversen Medien aufgetaucht sind, lassen die Radikalität erahnen, die hier ausbuchstabiert wird: Um mehr als die Hälfte müssten die weltweiten Emissionen von Kohlendioxid und anderen klimawirksamen Gasen bis zum Jahr 2050 im Vergleich zum Jahr 2000 sinken, damit eine gefährliche Erderwärmung abgebremst werde. Der größte Handlungsbedarf bestehe für den Energie- und Verkehrssektor.
Wenn die Wüsten nicht überdimensional wachsen, die Atmosphäre sich nicht bedrohlich erwärmen und die Ozeane nicht durch Kohlensäure versauern sollen, muss die Weltwirtschaft demnach grundlegend umgebaut werden. Von einem engen Zeitfenster bis 2020 ist in den Entwürfen die Rede. Selbst wenn alle Regierungen geschlossen hinter dem Ziel einer Halbierung stünden, wäre es schwierig genug, es zu erreichen. Doch bei den großen Wirtschaftsmachtblöcken sitzt die Angst vor Wettbewerbsnachteilen tief und der Zeigefinger locker.
Kreisförmige Schuldzuweisung
So will die EU den Ausstoß klimawirksamer Abgase nur dann um ein Drittel senken, wenn auch Amerika Ähnliches verbindlich zusagt. Die amerikanische Regierung lehnt verpflichtende Auflagen ab, solange der neue Wirtschaftsriese China sich diesen nicht unterwirft. Und China wiederum verweist auf die hohen Pro-Kopf-Emissionen der Europäer und Amerikaner, die um ein Vielfaches über denen der Chinesen liegen.
Die kreisförmige Schuldzuweisung zeigt, wie wenig der Versuch der Vereinten Nationen, eine international abgestimmte Reaktion auf den Klimawandel zu organisieren, bisher gefruchtet hat - das Kyoto-Protokoll von 1997 läuft 2012 aus, und noch weiß niemand, was darauf folgen soll. Die derzeitige amerikanische Regierung hält auch unter dem Eindruck der IPCC-Warnungen nichts von international bindenden Reduktionszielen.
An Ehrlichkeit mangelt es nicht
Botschafter Timken versuchte den Berliner Zuhörern zu erklären, dass sein Land eben ohne Kyoto-Vertrag Klimaschutz betreibe. Der Kohlendioxid-Ausstoß pro Dollar Wirtschaftsleistung sei seit dem Jahr 2000 um 7,5 Prozent verringert worden, deutlich stärker als in der EU. Die amerikanischen Emissionen seien in diesem Zeitraum in absoluten Zahlen nur um 1,3 Prozent gewachsen, in der EU dagegen um 2,1 Prozent.
Auf Freiwilligkeit müsse Klimaschutz beruhen und auf dem festen Vertrauen, dass neue Technologien es erlauben werden, den materiellen Lebensstandard beizubehalten, ohne das Weltklima zu gefährden. Mangelnde Ehrlichkeit kann man Botschafter Timken nicht vorwerfen: Die Klimaschutzpolitik seines Landes könne die Emissionen bis 2017 um zehn Prozent mindern helfen, sagte er, wohlwissend, dass dies weit hinter dem zurückbleibt, was die IPCC-Berichte als notwendig beschreiben.
Klimaschutz durch Kollaps der DDR
Ähnliche Schwierigkeiten gibt es auch in Deutschland. Zwar hat Kanzlerin Merkel den Klimaschutz zu einem Schwerpunkt der deutschen Doppelpräsidentschaft in EU und G-8 erklärt, doch sich zugleich als Schutzpatronin der deutschen Luxuslimousinenhersteller profiliert. Den wichtigsten Beitrag zur - rein nominal eindrucksvollen - Kohlendioxid-Minderung in Deutschland hat noch immer der Kollaps der DDR-Wirtschaft geleistet. Auf diesem Erfolg kann man sich kaum ausruhen.
Folgt man den Erkenntnissen des Weltklimarats IPCC, dann ist wegen der Dimension der Gefahr für EU, China, Indien wie für Amerika das Risiko unzureichenden Handelns viel größer als das Risiko, zu viel Geld in den Klimaschutz zu investieren. Doch es erscheint unwahrscheinlich, dass sich dieser Gedanke auf einem völlig offenen Spielfeld durchsetzen wird. Der Kyoto-Prozess bleibt die wichtigste Hoffnung darauf, dass ein international abgestimmtes Vorgehen Wettbewerbsnachteile gleichmäßig verteilt und den einzelnen Ländern ein mutigeres Vorgehen erlaubt. Das sieht der amerikanische Botschafter aber derzeit noch ganz anders.
Text: F.A.Z., 23.02.2007, Nr. 46 / Seite 33
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