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Klimaskeptiker

Die letzten Fortschrittsgläubigen

Sie halten sich für Ritter in Frontstellung, die wider den Stachel des politisch Korrekten löcken: Viele Klimaskeptiker sind ehemalige Klassenkämpfer, die sich ideologisch neu eingekleidet haben. Industriezuschüsse nehmen sie gern.

Von Lorenz Jäger

Alles nur Hysterie verblendeter Fortschrittsfeinde? Die Klimaspektiker bilden eine seltsame ideologische AllianzAlles nur Hysterie verblendeter Fortschrittsfeinde? Die Klimaspektiker bilden eine seltsame ideologische Allianz
11. Dezember 2009 

Als George W. Bush 2002 die „Achse des Bösen“ erfand, da gehörte zu den nicht ganz, aber ziemlich Bösen auch schon das Klimaschutzabkommen von Kyoto. Seitdem gibt es eine mehr oder weniger obskure Allianz von Leuten, die an Bushs Programm auch unter Obama festhalten. Zu ihnen gehören in Deutschland vor allem, aber nicht ausschließlich die Blogger der „Achse des Guten“. Sie haben die Anliegen der amerikanischen Neocons weiterhin auf ihre Fahnen geschrieben: Ziemlich rabiater Antiislamismus steht neben zahlreichen klimaskeptischen Einlassungen.

Klimaskeptiker gibt es in vielen Versionen. Einmal findet ein Klimawandel nicht statt, ein anderes Mal ist er nicht so dramatisch wie von Umweltschützern behauptet, oder die Erderwärmung wird am Ende gute Effekte für uns alle haben (vor allem für den Sport, wie ein britischer Tory-Parlamentarier ernsthaft erklärte), oder, ein anderes Mal: Es gibt kein Menschenrecht auf einen stabilen Meeresspiegel. Einig sind sie sich nur darin, dass es sich bei den Zielen der Konferenz in Kopenhagen um, so Michael Miersch im Magazin „Cicero“, „Klima-Hysterie“ handelt, wie auch Wolfram Weimer, Chefredakteur des „Cicero“, von der Klimadiskussion glaubt, dass sie „viel zu hysterisch ist“. Umweltschutz wird mit dem Kampfbegriff „Ökologismus“ als Gedanke verblendeter Fortschrittsfeinde verächtlich gemacht.

Thomas Deichmann vom Magazin „Novo“ sieht „Apokalypsenprofis“ und „Misanthropen“ am Werk, „Wanderprediger des Weltuntergangs“. Selten erscheint ein Artikel der Skeptiker, in dem nicht die Opponenten als naive „Gutmenschen“ abgetan würden. Und die Skeptiker sehen sich als mutige Ritter, die wider den Stachel des „politisch Korrekten“ löcken.

Entsorgte Ideologien

Man taucht, wenn man sich in den Netzwerken der Klimaskeptiker einmal umsieht, in eine seltsame Welt ein. Es ist die Welt der alten und der gewendeten Ideologie. Auch Benny Peiser, einer der bekannteren Skeptiker, ist von Haus aus kein Klimaforscher, sondern Kulturwissenschaftler. Er unterrichtet an der Fakultät für Sport- und Trainingswissenschaften der John-Moores-Universität in Liverpool. „Katastrophismus“ ist sein Arbeitsgebiet, also die Ideen, die sich Menschen über drohende Katastrophen machen. Peiser hält sie für übertrieben. Er leitet die Global Warming Policy Foundation und ist häufiger Autor der „Achse des Guten“. Spenden einschlägiger Unternehmen, deren Produkte mit dem Klimawandel in Beziehung gebracht werden können, will Peisers Stiftung nach eigener Aussage nicht annehmen. In diesem Punkt unterscheidet er sich von seinen Mitstreitern.

In Großbritannien ist das Magazin „Spiked“ das bekannteste Sprachrohr dieser Richtung. Auch Peiser schreibt hier. Hervorgegangen ist „Spiked“ aus dem Magazin „Living Marxism“, und dieses wiederum war das Organ einer trotzkistischen Splittergruppe namens „Revolutionary Communist Party“. Der Haupttheoretiker, Chefideologe oder Guru ist damals wie heute Frank Furedi, ein gebürtiger Ungar. Vom alten Marxismus übrig geblieben sind der Industrialismus als Heilslehre und ein unbedingter Fortschrittsglaube. Den Klassenkampf hat man wie ein Nessushemd abgeworfen.

Dem Fortschritt und der Industrie verpflichtet

An die Stelle des Proletariats traten neue Freunde: „Spiked“ wird nach eigenen Angaben finanziell unterstützt unter anderem von IBM, O2, der Society of Chemical Industry, dem Finanznachrichtendienst Bloomberg, von Schweppes und Cadbury. Martin Durkin, der zu „Living Marxism“ gehörte, produzierte für „Channel 4“ eine Sendung über die Erderwärmung – über ihre Tendenz muss man nicht lange rätseln. Auch Furedis Frau Ann schreibt bei „Spiked“, auch sie gehört zum industriefreundlichen Institute of Ideas, der Denkfabrik, die die Ex-Trotzkisten aufgebaut haben. Vor allem aber ist Ann Furedi Chefin des British Pregnancy Advisory Service (BPAS), des nach eigenen Angaben bedeutendsten Anbieters von Abtreibungen im Vereinigten Königreich. „Spiked“ hat in dieser Frage eine ultraliberale „Pro choice“-Position eingenommen. Der BPAS zählt fünfzigtausend Kundinnen pro Jahr, allerdings nicht nur für Abtreibungen, sondern ebenso für Sterilisierungen. Der technische Fortschritt soll überall sein Werk ungehindert vollziehen.

Beim Institute of Ideas steht nicht nur die Klimaskepsis auf der Agenda, sondern auch die Vorbehalte der Öffentlichkeit gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel. Das Institut berichtet offen über seine Sponsoren. Unter ihnen findet sich ein Unternehmen mit dem unverfänglichen Namen „CropLife“. Das ist eine Dachorganisation, die Firmen der Pflanzentechnologie zusammenfasst: darunter BASF, Bayer CropScience, Dow Agrosciences, Dupont. Und nicht zum letzten Mal stoßen wir in diesen Zusammenhängen auf die Firma Monsanto.

Linkswende nach rechts

Nicht nur Familienbande verknüpfen das Institute of Ideas mit dem britischen Science Media Centre. Claire Fox, Ex-Mitglied der Revolutionary Communist Party, ist die Schwester von Fiona Fox, die ähnliche Ideen unter dem Titel „The Great Global Warming Swindle“ vertrat und dem Science Media Centre vorsteht – auch sie ein ehemaliges Führungsmitglied der trotzkistischen Sekte. Die Mittel des naturgemäß industriefreundlichen, keineswegs unparteilichen Zentrums stammen unter anderem von Bayer, BP, Exxon, Shell, Coca Cola, Chemical Industries Association, Colgate-Palmolive, L’Oréal, Philips, Unilever, Siemens, Du Pont, Eli Lilly und Vodafone.

Der deutsche Kooperationspartner von „Spiked“ ist das Magazin „Novo Argumente“. Seit 1992 streitet es, so die Eigenwerbung, „für Fortschritt, Humanismus und für eine bessere Zukunft durch mehr Wachstum und Freiheit für alle“. Über seine Sponsoren schweigt „Novo“. Man kann aber die Vernetzung der Gruppen leicht beschreiben: „Novo“ ist nicht nur mit „Spiked“, sondern auch mit der „Achse des Guten“ verlinkt, neben Dirk Maxeiner und Michael Miersch gehören mit David Harnasch, Vera Lengsfeld, Cora Stephan und Vince Ebert weitere Autoren der „Achse“ auch zu „Novo“.

Aber Thomas Deichmann, Chef des Magazins, ist, wenn es darauf ankommt, ganz ungebunden: Dann schreibt er etwa für die linksradikale, „antideutsche“, vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz beobachtete „Jungle World“, und zwar in einem Tonfall, der der Klientel angepasst ist: In der Öko-Bewegung und der Kritik am Mais von Monsanto sieht er „rechte Nationalisten, buntgemischte USA-Kritiker, dazu Verteidiger der deutschen Scholle, allerlei esoterisch-okkulte Fortschrittsmuffel und Stammtischspezialisten fast aller Parteien“. Tatsächlich hat „Novo“ eine ähnliche Geschichte wie „Spiked“, das Magazin ist aus einer Frankfurter Uni-Gruppe namens „Linkswende“ hervorgegangen.

Revolution durch Kapitalismus

Man erkennt einen Mechanismus, der nun doch an die amerikanischen Neocons erinnert, unter denen sich gleichfalls nicht wenige Ex-Trotzkisten finden. Nur geht es diesmal nicht außenpolitisch um globale Interventionen, sondern innenpolitisch um die revolutionäre Kraft des Kapitalismus – die einzige, die noch etwas zu versprechen scheint. Frank Furedi schreibt in „Novo“ und im „Cicero“. Und im „Cicero“ trifft man wieder auf Thomas Deichmann von „Novo“, der sich kritisch über Greenpeace äußert, wie auch Wolfram Weimer wechselseitig mit der „Achse des Guten“ verlinkt ist und selbst dort publiziert. Roger Köppel, der die Zürcher „Weltwoche“ leitet, ist zweifellos der beste, unabhängigste Kopf der klimaskeptischen Tendenz. Er verlinkt seine Zeitung mit der „Achse des Guten“. Henryk M. Broder, einer der Chefs der „Achse“, ist auch Autor der „Weltwoche“.

Köppel und Weimer gelten als „konservativ“. Die Idee des Konservativen, die dahintersteht, ist aus drei Elementen begründet: aus dem Kapitalismus in seiner fragwürdigsten Form – einer von gesetzlichen Umweltschutzauflagen weitgehend befreiten Industrie –, aus einer kämpferischen Idee des „Westens“ und aus seiner Frontstellung gegen den Islam im globalen Kulturkonflikt. Viel wird davon abhängen, hier eine Klärung der Begriffe herbeizuführen. Ist denn wirklich konservativ, was sich je nach Gelegenheit in rechten und ultralinken Publikationen artikulieren kann? Nur scheinbar schließt die Skepsis gegenüber Weltklimarettungsplänen an den klassischen konservativen Topos der Kritik der prometheischen Moderne an. In Wahrheit bildet der Konservativismus der Klimaskeptiker eine elitistisch-technokratische Ideenwelt, die zur ehemals trotzkistischen Avantgarde ebenso angegossen passt wie zum Neokonservativismus à l’américaine.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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