Frage 8

Welche Umwelt wollen wir?

Von Wolfgang Lucht und Hermann Lotze-Campen

09. März 2007 Die meisten Landschaften der Erde werden nicht so bleiben, wie sie sind. Der Mensch gestaltet seine Umwelt neu, durch Klimawandel und eine expandierende Landnutzung. Dies hat weitreichende Konsequenzen. Betroffen sind Ökosysteme, die oft nur noch in fragmentierten Resten oder in Koexistenz mit der menschlichen Nutzung existieren, aber die biologische Vielfalt der Erde tragen. Landschaften werden vom Menschen vielfältig genutzt, von der Holzproduktion bis zum Nahrungsmittelanbau. Zudem prägen Landschaften das Selbstverständnis und die Lebensweisen menschlicher Gesellschaften.

Der Klimawandel stellt uns vor die Frage: In welcher Landschaft können und wollen wir in Zukunft leben? Die Neuerfindung der Landschaft wird zur Existenz- und Identitätsfrage. Bei einem Temperaturanstieg von mehreren Grad ist zum Beispiel ein Zusammenbruch des südamerikanischen Regenwaldes aufgrund veränderter Niederschläge nicht ausgeschlossen. In kontinentalen Lagen werden die Wälder des Nordens möglicherweise durch Steppen ersetzt, während sich in der Arktis der Wald nach Norden ausbreitet.

Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen

Gleichzeitig wird die Landnutzung intensiver. Für eine Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen muss die Nahrungsmittelproduktion erhöht werden. Außerdem soll Biomasse als Energieträger helfen, ambitionierte Klimaschutzziele zu erreichen. Das Bioenergie-Potential hängt davon ab, wie viele Flächen verfügbar sind und wie stark die Erträge wachsen können. Das Potential wird für 2050 auf weltweit 75 bis 150 Exajoule pro Jahr geschätzt, was einem Anteil von rund 15 Prozent am Primärenergie-Verbrauch der Menschheit entspräche. Bisher wissen wir aber zu wenig, wie sich dies auf Böden, Wasserverbrauch und Artenvielfalt auswirken würde.

Auch die europäische Landschaft steht vor einer Neuerfindung. Bisher lief die Agrarpolitik darauf hinaus, Anbauflächen mangels Nachfrage stillzulegen. Diese Tendenz wird sich umkehren, wenn die Nachfrage nach Bioenergie stark ansteigt, sei es durch direkte Subventionen oder durch hohe Preise für Kohlendioxid-Emissionen. Wo bislang über Flächenstilllegung diskutiert wurde, würden weitere Ertragssteigerung und Ausweitung der Anbauflächen sowie eine intensivierte Waldnutzung im Vordergrund stehen.

Weitere Kulturarten könnten folgen

Neue Kulturpflanzen tauchen auf: So wie der Mais in den vergangenen Jahrzehnten von Südeuropa aus langsam bis nach Schweden vorgerückt ist, könnten in Zukunft weitere Kulturarten folgen, etwa die Sojabohne. Die Landwirte müssten bei steigender Nachfrage nach Bioenergie nicht länger Subventionen einfordern. Das wäre positiv, sofern die Biomasse über den Emissionshandels direkt mit anderen Energieträgern konkurriert und sich wirtschaftliche Lösungen durchsetzen.

Doch andere gesellschaftliche Zielstellungen, wie der Naturschutz oder der Erhalt der Kulturlandschaft, könnten in der Welt von morgen zu kurz kommen. Wenn die Bioenergie einen substantiellen Beitrag zur Energieversorgung leisten soll, werden Mais und Ölsaaten, aber auch spezielle Energiepflanzen wie Pappeln als Energiewälder das Landschaftsbild prägen und möglicherweise eintönig machen. Auch das Thema Gentechnik wird sich erneut stellen, denn Gentechnik verspricht Ertragssteigerungen für die Biomasseproduktion. Wir müssen uns dieser Nutzungskonflikte bewusst werden und entscheiden, wie eine Umwelt aussehen soll, die von Globalisierung und globalem Klimawandel geprägt sein wird.

Text: F.A.Z., 02.03.2007, Nr. 52 / Seite 41
Bildmaterial: F.A.Z.

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