Arktisforscher Jürgen Graeser im Interview

„Man ist unter Russen nicht einsam“

16. April 2008 Sieben Monate war Jürgen Graeser, Wissenschaftstechniker des Alfred-Wegener-Instituts, auf der russischen Drifteisstation „Nordpol-35“ in der Arktis unterwegs. Nicht einmal Eisbären konnten ihm etwas anhaben. Im Interview berichtet er über seine Zeit im Eis.

Hatten Sie keine Angst vor Eisbären? Wenn Sie Ihre Hütte verlassen wollten, haben Sie dann nicht erst mal nachgesehen, ob so einer vor Ihrer Tür steht?
Es wäre angemessen gewesen, aber man vergisst und verdrängt es einfach. Wenn man durch die Station geht, musste man schon ein offenes Auge haben, wenn Eisbären in der Nähe waren. Ich hatte immer eine Schreckschusswaffe dabei, um sie zu vertreiben. Wenn ich weiter weggegangen bin, hatte ich ein Gewehr dabei.

Ist Ihnen ein Eisbär mal nahe gekommen?
Auf zwei Meter! Aber da war die Wand der Hütte dazwischen. Ich saß am Schreibtisch, und auf der einen Seite der Wand, da war der Bär. Ich hab ihn um die Hütte gehen hören. Ich dachte, das sei ein Kollege, der gleich zur Tür reinkommt. Der kam aber nicht, und ich habe nachgesehen. Da knallten auch schon die Signalpistolen. Es waren zwei Eisbären, ich habe dann ihre Spuren gesehen.

Start des Forschungsballons “Miss Piggy“ - Graeser wertete die gewonnenen Dat... Die Weite der Arktis: Die Driftstation wirkt verloren im ewigen Eis Graeser in der Polarnacht - nicht wirklich entspannt Eisbär in der Ferne: Ständige Gefahr für Menschen in der Arktis

Gab es eine Wache im Lager?
Ein Wachbeauftragter ging nachts regelmäßig durch das Camp, um nach Eisbären und Eisspalten zu sehen. Ein ständiger Wachposten wäre nicht möglich gewesen, denn die Station war ungefähr 350 mal 250 Meter groß.

Warum so groß?
Man kann nicht über 100 Tonnen Material auf einer Stelle der Eisscholle lagern. Die wäre glatt durchgebrochen. Wir hatten eine Eisdicke von nur einem bis zwei Meter.

Es heißt immer, so eine Scholle müsste mindestens drei Meter dick sein.
Da war nicht dran zu denken. Der Sommer 2007 war sehr warm, wir haben auf der „Akademik Fjodorow“ den halben Arktischen Ozean abfahren müssen, um diese Scholle bei 81 Grad Nord zu finden. Der Winter war dann allerdings umso kälter, mit Temperaturen bis minus 40 Grad.

Sie hatten Stürme mit 80 Kilometern in der Stunde. Wie fühlt sich das an, bei minus 40 Grad?
Der Wind heult und hämmert an der Hütte. Wenn man rausgeht, muss man sich eben warm anziehen.

Hatten Sie Spezialkleidung?
Ganz normal: lange Unterhosen, Jeans, T-Shirt, Hemd, Pullover, Weste, dicker Daunenanzug, Gesichtsmaske und spezielle Stiefel. Am problematischsten ist es, das Gesicht zu schützen. Alles zusammen waren das zwölf Kilogramm Kleidung am Körper.

Vier Monate herrschte Polarnacht. Wie haben Sie die Dunkelheit ertragen?
Mich hat die Arbeit von Wehmut und Depressionen ferngehalten. Und ich habe immer für ausreichende Beleuchtung gesorgt. Wenn man ein strammes Arbeitsprogramm hat und den Rest der Zeit mit seinen Kollegen verbringt, dann geht es. Man ist unter Russen nicht einsam, die Atmosphäre war ausgesprochen herzlich. Jedes mal, wenn wir einen Breitengrad überquert haben, standen mittags eine oder zwei Flaschen Wodka in der „Kajut Kampanija“, der Kantine, auf dem Tisch.

Und das Essen?
Russische Küche, Buchweizengrütze. Es war nicht wirklich schlecht.

Wie sah der Arbeitsalltag aus?
Gearbeitet habe ich zwischen 12 und 16 Stunden am Tag. Richtig freie Tage gab es gar nicht. Das geht auch gar nicht, bei den laufenden Messungen. Ich habe Messungen mit dem Fesselballon „Miss Piggy“ gemacht, der am Seil bis in 500 Meter Höhe aufstieg. Allein das dauerte vier bis sechs Stunden. Und dann der Ballon für die Ozonmessungen bis in 34 Kilometer Höhe. Danach habe ich täglich die Daten bearbeitet, komprimiert und per Satellitentelefon nach Potsdam gesendet. Das dauerte dann noch einmal zwei bis vier Stunden.

Die Daten, die Sie gesammelt haben, dienen der Überprüfung der Klimamodelle für die Arktis. Ihr Chef Klaus Dethloff hat soeben bekannt gegeben, dass für den Dezember 2007 die Temperaturen in der Atmosphäre bis 500 Meter Höhe um zwei Grad höher lagen als angenommen. Haben Sie damit gerechnet?
Dass die Klimamodelle für die Arktis nicht richtig arbeiten, ist bekannt. Meine Arbeit sollte klären, in welche Richtung der Fehler geht. Aufgrund der Wettervorhersagen und der gemessenen Temperaturen hatte ich sogar eine noch größere Abweichung vermutet – wobei zwei Grad Abweichung bei einem Klimamodell schon sehr groß sind.

Wie war die russische Leitung von „NP-35“?
Der Leiter ist Aleksei Wisnjewski, ein Hydrologe, ein freundlicher Mann, der es versteht, mit Menschen umzugehen. Er hat nicht den Chef rausgekehrt, obwohl er zweifelsohne der Chef war. Ich hatte überhaupt keine Einschränkungen, außer bei Sicherheitsfragen. Wisnjewski hat große Erfahrungen mit arktischen Expeditionen. Er war es auch, der die Scholle ausgewählt hat. Und sie hat ja bisher gut gehalten, trotz der paar Risse.

Es gab diesen dramatischen Riss der Eisscholle direkt neben dem Lebensmittellager.
Wisnjewski meinte nur: „C’est la vie.“ Alle Lebensmittel wurden ausgelagert, der Käse, die Konserven, auch das Bier.

Was geschah mit den Biervorräten?
Das Bier wurde verteilt. Nach zwei Wochen war es weg getrunken. Ich habe mich aber zurückgehalten und den Russen noch Bier zurückgelassen.

Die Fragen stellte Henning Sietz



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Alfred-Wegener-Institut, dpa

 
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