27. Januar 2009 Das Experiment zur Düngung des Polarmeeres vor Südgeorgien kann plangemäß weiterlaufen. Mehrere unabhängige Gutachten, vorgenommen von renommierten ausländischen Instituten, hat dem Bundesforschungsministerium zufolge gezeigt, das das vor der Antarktis laufende Projekt Lohafex weder gegen Umweltstandards, noch gegen geltendes Völkerrecht verstößt. So heißt es in einer am späten Montagnachmittag veröffentlichten Mitteilung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, das das Projekt zusammen mit dem indischen National Institute of Oceanography koordiniert.
An Bord des deutschen Forschungsschiffes Polarstern werden annähernd fünfzig Wissenschaftler in den nächsten Tagen beginnen, knapp zwanzig Tonnen Eisensulfat in den oberen fünfzehn Metern des Südmeers ausbringen. Ein Ozeanwirbel in der Nähe von Südgeorgien, zweihundert Kilometer von der Küste entfernt, ist bereits gefunden. Am Ende der nächsten beiden Wochen soll damit auf einer Fläche von maximal rund 300 Quadratkilometer eine künstliche Algenblüte erzeugt werden. Entscheidend werden die darauf folgenden Wochen bis Mitte März. In dieser Zeit wollen die Forscher aus sechs Nationen untersuchen, was aus der Algenbiomasse wird. Unter anderem will man prüfen, ob die Einzeller, die in solchen Blüten große Mengen Kohlendioxid in Biomasse binden, tatsächlich wie von einigen Vorexperimenten gezeigt, auf den Meeresgrund sinken und damit quasi Kohlenstoff für lange Zeit auf dem Meeresgrund binden. Oder ob die Algen möglicherweise von Krill an der Oberfläche abgegrast, recycelt und damit im biologischen Kohlenstoffkreislauf bleiben statt geologisch entsorgt zu werden. Das Experiment ist das fünfte dieser Art, das dritte des AWI. Es ist Teil von Überlegungen unter anderem von Klimaschützern sowie von Umweltforschungseinrichtungen, auf diese Weise größere Mengen von dem Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entfernen.
Drei Gutachten geben grünes Licht
Kurz nach Fahrtantritt der Polarstern kam es zum Konflikt mit Umweltschützern und dem Bundesumweltministerium (BMU). Dort war man um das grüne Image Deutschlands besorgt. Es kam zu einem Briefwechsel zwischen Umwelt- und Forschungsministerium, in dem Minister Sigmar Gabriel einen Stopp des Experimentes forderte. Angeblich sollte Lohafex ein Verstoß gegen das auf der Bonner Biodiversitätskonferenz von Gabriel vor wenigen Monaten stolz präsentiertem De-facto-Moratorium für solche Eisendüngungsversuche und andere Übereinkommen, allen voran die Londoner Seerechtskonvention, verstoßen. Tatsächlich wurden in dem Papier aber Ausnahmen für genau solche wissenschaftliche Experimente vorgesehen, wie sie bei Lohafex vorliegt. Obwohl Gabriels Ministerium und Fachbehörden vor Fahrtantritt der Polarstern informiert worden waren und ihr Einverständnis gegeben hatten, schlugen sie sich dann auf die Seite der protestierenden Umweltgruppen.
Eine Niederlage für Umweltminister Gabriel
Das einhellige Ergebnis der drei Institute ist deshalb auch eine Niederlage Gabriels in dem Konflikt mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan:
Die Gutachten stellen fest, dass das Vorhaben auf Hoher See im Südatlantik unter Umweltgesichtspunkten unbedenklich ist und im Einklang mit den völkerrechtlichen Vorgaben steht. Maßgeblich sei das Internationale Seerecht, das in Artikel 87 in Verbindung mit Artikel 257 des UN-Seerechtsübereinkommens die Forschungsfreiheit auf Hoher See garantiert und zu Forschung und Entwicklung auch zum Schutz der marinen Umwelt aufruft, kommentierte die Forschungsministerin das Ergebnis.
Für die Direktorin des AWI, Karin Lochte, kam die Eskalation des Konflikts völlig überraschend. Und auch sie ist erleichtert: Wir sind bestürzt darüber, dass sich eine solch kontroverse Diskussion aufgrund falscher, international gestreuter Informationen entzündet hat. Wir hoffen, dass wir mit dem Experiment zu einem besseren Verständnis und zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen können.
Ministerin Schavan gibt sich zumindest in einem Punkt konziliant: Kommerzielle Eisendüngung der Ozeane ist kein Beitrag zum vorsorgenden Klimaschutz.
Wissenschaftliche Experimente müssten grundsätzlich mit internationalen Konventionen vereinbar sein, und sie seien so zu bemessen, dass keine Schäden für die marinen Ökosysteme entstehen.
Keine kommerzielle Meeresdüngung
In Gabriels Ministerium nimmt man diese keine Gemeinsamkeit gerne auf, hingegen bleibt man in der Sache bei der eigenen - nachträglichen - Einschätzung. In einer Stellungnahme heißt es: Das Bundesumweltministerium nimmt die Entscheidung zur Freigabe des Lohafex-Experiments mit Bedauern zur Kenntnis. Unsere Vorbehalte gegen Lohafex bestehen fort, solange nicht abschließend geklärt ist, ob dieses Projekt mit den Beschlüssen der 9. Vertragsstaatenkonferenz zum Übereinkommen über die Biologische Vielfalt vereinbar ist.
In der Mitteilung des BMU unterstellt man jetzt den Projektverantwortlichen, die Eisendüngung als Mittel des Klimaschutzes forcieren zu wollen und das Forschungsministerium quasi instrumentalisiert zu haben. Tatsächlich aber haben die Gutachter bestätigt, und das zeigen auch die eingereichten Projektunterlagen, dass es sich um Grundlagenforschung handelt. Am Ende könnte durchaus das - derzeit von vielen Geowissenschaftlern und Biologen erwartete - Ergebnis stehen, dass die Eisendüngung als Instrument des Klimaschutzes ungeeignet ist und grundsätzlich ausscheidet. Diese Klarheit besteht bisher aber nicht.
Bildmaterial: dpa