Von Andreas Kilb
02. Juni 2008 Dieser Autor schont weder sich noch uns. Es gibt Bücher, die schreibt man in der Hoffnung, dass man Unrecht hat. Aber die Hoffnung trügt. Troja brennt schon, Kassandra packt ihre Sachen. Die Aufklärung, die westlichen Demokratien, die Sache der Freiheit und der Menschenrechte, das alles habe seine Zeit gehabt, ruft uns die Seherin zum Abschied zu - bloße zweihundertfünfzig Jahre von vierzig Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Aber nun ist Schluss. Der neuen, bösen Wirklichkeit von Klimawandel, Dauerkriegen und globaler Klassengesellschaft hat die Kultur des Westens nichts Wesentliches entgegenzusetzen. Sie wird an ihr scheitern. Das ist das Ende des Stücks. Kein Evoë, kein Requiem - Weltuntergang! Immerhin, wir waren dabei.
Die Kassandrastimme gehört Harald Welzer, der am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen Gedächtnisforschung betreibt und an der Universität Witten/Herdecke Sozialpsychologie lehrt. Mit seinem Klimakriege-Essay hat Welzer die beiden Reizthemen des neuen Jahrhunderts zu einem veritablen Angstpaket zusammengeschnürt. Das Buch ist ersichtlich nicht für Leute geschrieben, die um versiegende Brunnen und verdorrende Weidegründe kämpfen oder dem nächsten Hurrikan entgegenbangen. Es gilt dem umweltbewussten Mitteleuropäer, der seinen Müll trennt, mit dem Fahrrad zum Einkaufen fährt, auf unnötige Flugreisen verzichtet und hofft, seinen Kindern und Enkeln so das Schlimmste am Klimawandel ersparen zu können.
Das Klima rächt sich
Für diesen Leser hält Welzer eine bittere Wahrheit bereit: Es reicht nicht! Alles vergebens. Denn für jede Tonne Kohlendioxid, die bei uns eingespart wird, blasen Chinesen, Inder und Südamerikaner drei in die Luft. Und selbst wenn die Umweltzerstörung wider Erwarten zum Stillstand käme, blieben ihre Folgen noch mehrere Generationen lang spürbar - allerdings nicht dort, wo am meisten vom Naturreichtum verbraucht wird, sondern in den Elendszonen des Globus: Afrika, Südostasien, Ozeanien.
Das Klima rächt sich an seinen Verbrauchern, aber zu spät und am falschen Ort. Wo seine Rache indessen hinfällt, wo die Wüste wächst, der Urwald stirbt, das Meer die Reisernten verschlingt, da flammt eine neue Form von Gewalt auf: Boden- und Wasserverteilungskriege wie in Darfur, Übervölkerungskriege wie beim Genozid in Ruanda, Banditenkriege wie in Somalia. Diese Konflikte - sofern sie nicht durch massive militärische Intervention erstickt werden - fressen sich fest, sie verwandeln sich in Dauerkriege, vor denen immer mehr Menschen ins Ungewisse flüchten. Die Robustesten unter ihnen lassen sich von Schleusern an die Ränder der westlichen Wohlstandswelt bringen, wo sie vor Hochsicherheitszäunen, an schwer bewachten Stränden und zu Festungen ausgebauten Grenzübergängen scheitern.
Die Hinterbühne der Gesellschaft
All das ist nicht neu. Neu ist das Panorama, zu dem Welzer die einzelnen Aspekte der Krise ergänzt. Er will nicht weniger als eine Soziologie des Klimawandels entwerfen: eine Skizze der sozialen Katastrophe, die durch die Veränderungen der natürlichen Lebensräume ausgelöst werde. Dabei nimmt er drei historische Menetekel als Zeichenvorlagen. Das erste, jüngste ist der Wirbelsturm Katrina, der im August 2005 die amerikanische Stadt New Orleans zerstörte. In kürzester Zeit brach damals die öffentliche Ordnung zusammen, es kam zu Plünderungen, Schießereien, Vergewaltigungen. Dieser Blick auf die Hinterbühne der Gesellschaft, so Welzer, werde uns in Zukunft öfter geboten werden - wenn auch meistens im Fernsehen. Denn die ökologischen Lasten sind zwischen Reisbauern und Besitzern von Flachbildschirmen ungleich verteilt: Während die einen ferne Ängste in Bezug auf die Zukunft ihrer Enkel entwickeln müssen, sterben schon die Kinder der anderen.
Der zweite Bezugspunkt von Welzers Prognose ist die Osterinsel im Pazifik, wo im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert eine blühende Stammesgesellschaft an Verteilungskämpfen zugrunde ging. Getrieben von der Geltungssucht ihrer Anführer und den Bedürfnissen der wachsenden Bevölkerung, hätten die Insulaner ihren Lebensraum zerstört, ohne zu erkennen, was sie mit dem Abholzen der Palmwälder sich selbst antaten: Ihr kultureller Referenzrahmen (Welzer) habe sie daran gehindert. Diese Deutung, die Welzer von Jared Diamond übernommen hat, mag richtig sein; dennoch fragt man sich, ob das Osterinsel-Modell ohne weiteres auf die globale Ökonomie des einundzwanzigsten Jahrhunderts übertragen werden kann. Ist es doch gerade die Auflösung kultureller Muster und Traditionen, die im Zeichen der Globalisierung beklagt wird, im Notfall aber auch zum Segen gereichen kann, weil sie die Kulturen aus ihrer Insellage befreit.
In Teufels Küche
Welzers drittes Beispiel für das, was auf uns zukommt, ist der Holocaust, und hier kippt sein Buch aus der argumentativen Balance. Seit 2002 beschäftigt sich Welzer mit den Spiegelungen des Nationalsozialismus im Gedächtnis der Überlebenden; in Klimakriege spitzt er seine Befunde in spekulativer Absicht zu. Die stufenweise Entrechtung und Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger habe zu jenem Phänomen der Werteverschiebung, der shifting baselines, geführt, das die Ökosoziologen auch heute wieder beobachteten - etwa bei den kalifornischen Fischern, die sich an das Artensterben in ihren Gewässern gewöhnt hätten, den islamischen Selbstmordattentätern, die vor zwanzig Jahren noch niemand für Märtyrer gehalten hätte, oder im immer rabiateren Umgang europäischer Regierungen mit Flüchtlingen aus der Dritten Welt.
Das Problem dieser Art von Katastrophensoziologie liegt darin, dass sie eher eine Collage als eine Wissenschaft ist: Sie nimmt sich von überall her, was sie brauchen kann, aber mehr als ein düster-interessantes, an den Rändern reichlich unscharfes Apokalypsepuzzle entsteht dabei nicht. Natürlich kann man, wenn man sich um historische Feinheiten nicht kümmert, alles mit allem vergleichen, aber sobald man ins Detail geht, kommt man rasch in Teufels Küche - so wie Welzer, wenn er den akademischen Vordenker der Vernichtung von Hitlers Gnaden und den jungen Hutu aus Kanama nebeneinanderstellt, nur weil beide mit dem Völkermord auch eigennützige Ziele verfolgten. Geschichte, besonders die Geschichte von Kriegen und Desastern, ist eben kein Soziologiebaukasten; ihre Akteure lassen sich nicht durch Abstraktion, sondern nur aus den jeweiligen Bedingungen ihres Handelns heraus verstehen.
Es ist wahr: Eine Radikalisierung der Folgen des Klimawandels kann einen radikalen Wertewandel nach sich ziehen. Aber wenn dieser Satz mehr als eine Binsenweisheit sein soll, muss er durch eine historische Analyse gestützt werden, die sich nicht auf spekulative Vergleiche und apokalyptisches Raunen beschränkt. Welzers Buch greift zu kurz, weil es zu weit greifen will: Es möchte das ganze einundzwanzigste Jahrhundert auf einen Nenner bringen. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir wissen nicht, was geschehen wird; wir möchten begreifen, was heute geschieht. Harald Welzer ist uns dabei leider keine Hilfe.
Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 336 S., geb., 19,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
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